Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1870)
- Date
- 1870-11-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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812 „„Ich kenne ihn!"" ' „Und wenn ich Dir befehle, ihn zu heirathen?" „,F)u scherzest, mein Vater!"" „Und wenn ich es in Ernst meinte!" „„So würde ich mich sehr unglücklich fühlen!"" „Du würdest Dich aber nicht so entschieden weigern wie jetzt, Du würdest eher den schmutzigen Handelsjuden als den vornehmen Grafen heirathen?" „„Du hast es gesagt, mein Vater."" „Thörichtes Kind, wie viele Mädchen in Deiner Lage würden sich ob eines solchen Anerbietens glücklich preisen! Sieh, ich kaufe die Rieneck'schen Besitzungen zurück; Du würdest im Sommer das schönste Grafenschloß in einer der herrlichsten Gegenden Deutschlands bewohnen; für den Winter würde ich Dir hier in der Residenz ein prachtvolles Palais bauen lassen; Du würdest die gefeiertste Dame in der Residenz werden; sogar der Hof würde bei Deinen Festen erscheinen — und das Alles reizt Dich nicht?" „„Nein, mein Vater, es reizt mich nicht. Ich habe ganz andere Vorstellungen vom Glück. Vor allen Dingen müssen Mann und Frau in Bezug auf die höchsten Fragen des Lebens, in Bezug auf Religion übereinstimmen; was dem Einen hoch und heilig ist, muß es auch dem Andern sein; die größte Innigkeit muß zwischen Beiden walten; Leid und Freud müssen sie gemeinsam tragen, das erste durch innige Liebe vermindern, das zweite dadurch erhöhen. So denke ich mir das eheliche Glück; nicht aber in Schlössern und Equipagen, in Rang und Titel."" „Mädchenträume! Solch ein Glück, mein Kind, existirt auf Erden nicht; das findet man nur in Romanen." „„Doch, mein Vater, ich war häufig Zeugin eines solchen Glückes."" „Und wo denn, wenn ich fragen darf?" „ „Im Hause unseres Nachbars Ruhdorf."" „Wo man bis vor Kurzem manchmal am Nöthigsten Mangel litt!" „„Trotzdem, mein Vater, trotzdem. Krankheit und Armuth konnten das Glück dieser braven Leute nicht zerstören. Die Liebe der alternden Gatten linderte die Krankheit, nahm der Armuth ihre Bitterkeit; die Liebe der Kinder zu den Eltern, der Eltern zu den Kindern ersetzte ihnen Alles, was ihnen fehlte, im reichsten Maaße."" „Sich, wie begeistert Du von diesen Ruhdorf's sprichst! Da solltest Du den jungen Ruhdorf heiralhen!" Wilhelminen's Antlitz ward purpurroth. „Hab* ich's getroffen?" lachte Wolfseck. „Aber höre, mein Kind, ehe ich zu einer solchen Ehe meine Einwilligung gäbe, eher würde ich.nun, was soll ich sagen? eher würde ich Dich dem Aberle Buxbaum zum Weibe geben. Diese Ruhdorf's treten mir immer entgegen! Ich werde sie unschädlich machen. Im Uebrigen bleibt es dabei, Du wirst Gräfin von Rieneck. Noch heute wird Graf Walther Dir seine Aufwartung machen und morgen wird das Fest Eurer Verlobung gefeiert werden.- Wilhelmine fing an heftig zu weinen. „„Vater, Vater,"" rief sie. „„mache doch Dein Kind nicht so unglücklich; zwinge mich doch nicht, Dir ungehorsam zu sein!"" „Ich werde Dich zwingen; zu Deinem eignen Glücke werde ich Dich zwingen." „»Und ich, ich werde mich nicht zwingen lasten; niemals werde ich meinem Gotte untreu werden."" „Thorheiten, die Dir Deine Mutter in den Kopf gesetzt hat! Aber ich werde Dich von ihr trennen, werde Dich in eine Umgebung bringen, in welcher man Dir vernünftigere Anschauungen beibringen wird. Gut, ich werde die Verlobung noch hinausschieben; aber, mache Dich reisefertig. Du wirst Dich morgen schon in das protestantische Fräuleinstift Günderode begeben. Die Aebtissin, eine sehr gebildete Dame, wird Dich auf andere Gedanken bringen und Dich zugleich in der christlichen Religion unterrichten lassen. Ich hätte Dir diese ganze langweilige Geschichte gern erspart, wenn Du vernünftig gewesen wärest — Du willst es aber nicht anders. Noch eins, versuche nicht, heimlich zu entfliehen. Ich habe strenge Ordre gegeben. Du wirst dieses Haus nicht verlassen, bis der Wagen vorgefahren ist, der Dich nach Günderode bringen wird. Jetzt gehe in Dein Zimmer!" Wilhelmine sprang auf und warf sich dem hartherzigen Manne zu Füßen. „„Vater,"" rief sie, „„geliebter Vater, mache Dein Kind nicht unglücklich."" Wolfsohn aber schob sie fort. „Geh in Dein Zimmer!" rief er barsch. Wilhelmine ging. Frau von Wolfseck, die nach der Unterredung mit ihrem Manne nichts Gutes ahnte, batte sich in das Zimmer ihrer Tochter begeben, und harrte deren Rückkehr, nachdem sie erfahren, daß Wilhelmine zu ihrem Vater gerufen worden. Als Wilhelmine in ihr Zimmer trat und ihre Mutter sah, warf sie sich ungestüm an der treuen Mutter Brust und weinte laut. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.