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Der Israelit · 1870-11-02 · Heft 44 (2.11.1870) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 44 (2.11.1870)
Date
1870-11-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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808 treuen Rabbinen schenkt. Kann man sich unter solchen Umständen noch über den Verfall wundern, der sich vor unseren Augen vollzieht? Kann man die Gemeinden von der Verschuldung an diesem Verfalle freisprechen, die Gemeinden, deren Apathie, deren Gleichgiltigkeit die goldenen Schlüssel des Heiligthums solchen Händen überantwortet? Wir wollen die wichtigsten Funktionen, die den Händen dieses Mannes anvertraut sind, nächstens besprechen und zusehen, wie sie von ihm verwaltet werden. — Nieder-Roden, 20. Oct. Von den vielen Edlen, die genannt oder ungenannt, öffentlich oder im Stillen Gutes thun, verdient gewiß die Weißgerberei Mayer und Feistmann in Offenbach eine laute Anerkennung, .welche zu zollen wir nicht versäumen wollen. Vier hiesige Familien von im Krieg siebenden Soldaten, wovon die Männer in diesem Geschäftshaus früher in Arbeit standen, wurden bisher per Woche unterstützt. Wenngleich es dafür bürgt. daß sich diese Militärs durch ihren Fleiß und ihr Betragen die Liebe und das Vertrauen ihrer Arbeitgeber erwarben, so ist's aber doch auch ein klarer Beweis von dem guten Sinn dieses Geschäftshauses, zumal außer den hier genannten 18 Familien, wie man hört, von demselben in gleicher Weise unterstützt werden. Vom Neckar. Einem Herrn Dr. Kilian Steiner von Laupheim und seiner Ehefrau Ww. Goldschmidt, geb. Bacher, von Mainz, in Stuttgart wohnhaft, wurde ein Sohn geboren, den dieses aufgeklärte Elternpaar nicht beschneiden ließ. Ob in die Standesregister der Israeliten zu Stuttgart oder Laupheim der unbeschnittene, neue Weltbürger eingetragen ist, oder ob die betreffenden Herren Rabbinen den Eintrag, wie sich's von Rechtswegen gebührte, verweigerten, wissen wir nicht. Es wäre vom Interesse, Näheres hierüber zu erfahren. Berlin. In den jüngsten Tagen hatten die „Zeidler'sche Correspondenz" und die „Kreuzzeitung" entsetzliche Leibschmerzen, weil es jetzt Sitte würde, daß Israeliten an den Gräbern von Christen sprächen, so Löwe - Calbe, am Grabe des katholischen Waldeck, so Laster am Grabe Twesten's; es sei dies eine Signatur des religiösen Fortschritts unserer Zeit, eine Illustration der Unbefangenheit unserer Zustände. Dagegen ist zu bemerken, daß Dr. Löwe weder ein Israelit ist, noch von Israeliten stammt, wie der sel. Stahl (ci-devant Schlesinger) ober Paulus (ci-devant Selig) Kassel, sondern daß sein Vater Küster oder Cantor der evangelischen Kirche eines kleinen Städtchens war, 2. daß Lasker nicht am Grabe, sondern im Sterbehause Twesten's, auf ausdrückliches Verlangen des Vaters seines verewigten Freundes, nach dem Geistlichen die Gedächtnißrede hielt. Daß der greise Ober-Consistorial-Rath Twesten, der wohl ein ebenso frommer Christ sein mag, als Herr Zeidler und die Heiligen der „Kreuzzeitung", ein solches Ansuchen gewiß im Sinn und Geist seines verstorbenen Sohnes und seiner vielen Freunde stellte: das ist allerdings ein religiöser Fortschritt unserer Zeit, zumal wenn man sich erinnert, daß es noch gar nicht so lange her ist, daß der evangelische Oberkirchen-Rath vor Schmerzen schier vergehen wollte bei dem bloßen Gedanken, daß die Pferde eines jüdischen Fuhrherrn vor den Leichenwagen gespannt werden könnten, der einen verstorbenen Christen zum Friedhof führen sollte! Eine solche Signatur der Zeit ist freilich mehr nach dem Geschmack der „Kreuzzeitung", aber — um mit einem Berliner Worte zu reden — „da wird sie wohl kein Glück mit haben!" Stettin, 28. Oct Aus der in Nr. 42 d. Bl. enthaltenen, aus Stettin datirten Correspondenz könnte man vermuthen, daß die hier in Garnison liegenden jüd. Soldaten keine is^-Kost erhalten; dem ist jedoch nicht so. In gewöhnlichen Zeiten befinden sich hier circa 20—25 jüdische Soldaten. Solche, die es wünschen , erhalten stets freie "ikq - Kost. Gegenwärtig liegen hier circa 180 Israeliten in Garnison, von denen durch Vermittelung des Herrn Rabbiner Dr. Treuenfels 60 freien Mittagstisch und vierzig zur Ermöglichung des "irrn-EssenS einen Geldbeitrag erhalten. Auch für die Befreiung der jüdischen Handwerker (in der Handwerker-Compagnie) vom Dienste während der hohen Feste hat sich Herr Dr. Tr. vielfach und mit Erfolg bemüht. Wiesbaden, 19. Oktober. Am ersten Abende des Suckothfestes wurde unserem Rabbiner, Herrn Dr. Kahn, als Zeichen der Anerkennung seiner segensreichen Wirksamkeit, ein prachtvoller silberner Pokal überreicht. Herr Gerson Meyer, das älteste Mitglied unserer Gemeinde, ein 92jähriger Greis, hielt eine ergreifende Anrede, auf die unser Herr Rabbiner in tiefer Rührung einige Dankesworte sprach. In der hiesigen jüdischen Gemeinde hat sich binnen Jahresfrist eine bedeutende Umwandlung vollzogen. Vor wenig mehr als einem Jahre bezweifelte man das Zustandekommen eines orthodoxen Minjan für die cPN-iun wv', und jetzt ist täglich Morgens und Abends; während der hohen Feiertage waren es wohl an hundert Andächtige, die unserm Gottesdienste anwohnten; seit vielen Jahren gab es in W. am Hüttenfeste eine, höchstens zwei ddid; dieses Jahr hatten wir deren zwölf. In der That, der großartige Umschwung in den hiesigen jüdischen Verhältnissen ist dazu geeignet, allüberall, wo es nöthig ist, zu ähnlichem Vorgehen anzueifern. Nirgendwo lag das Judenthum hoffnungsloser darnieder als hier, und jetzt weht G. s. D. ein frischer Lufthauch, durch

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