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Der Israelit · 1870-11-02 · Heft 44 (2.11.1870) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 44 (2.11.1870)
Date
1870-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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807 Zeitungsnachrichten und Gorrespon- -enzen Deutschland. Aus dem Odenwalde (IV. Th eil.) Die Quellen aus denen die ganze Misöre fließt, in welcher sich unsere jüdischen Angelegenheiten befinden, liegen tief, sehr tief und .erfordern deßhalb unsere ganze Aufmerksamkeit, erfordern eine opferfreudige j irdisch eAusdauer, welche allein diesen verderblichen Fluthen einen mächtigen Damm setzen, um so das Wenige zu schützen, was von dem kreisenden Strudel noch nicht erfaßt und hinabgerissen wurde. Untersuchen wir den Ursprung dieser unheilvollen Quellen; passen wir jene alte Frage, die Gott schon vor Jahrtausende durch Jirmijahu gestellt und beantwortet, unseren jüdischen Verhältnissen im Odenwalde an, fragen wir uns pxn max no by? Wie konnte dieser schöne Landstrich mit seinen zahlreichen jüdischen Gemeinden dem Judentbum so ganz verloren gehen, ihm in so trauriger Weise entfremdet werden, wie es tatsächlich geschehen ist, wie es tagtäglich mehr geschieht? Auf diese alte Frage paßt, wie einst, so besonders heute die alte, ewig wahre Antwort oury by »min nx. Es ist die Unwissenheit, die uns schlägt, welche jedem Wahne, jedem Abfall Thür und Thor bei uns öffnet, es ist die gänzliche Unkenntniß der Pflichten, deren Erfüllung das Judenthum von seinen Bekennern fordert, und der Rechte, welche es dagegen gewährt. Diese Unwissenheit macht es allein möglich, daß die Leichtfertigkeit und Eitelkeit auf Katheder und Kanzel sich breit machen; diese Unwissenheit raubt dem Volke das herzerhebende Bewußtsein unserer mächtigen Vergangenheit, seine Aufgabe in der Gegenwart und seine Hoffnung für die Zukunft. Die Thora hat hier kaum einen Winkel mehr, in welchen sie flüchten kann, um sich gegen den Hohn und die Kränkung, womit sie von ,den von ihr Abtrünnigen überhäuft wird, zu schützen. Der zürnende Wehruf vom Horeb, der über die Verachtung der Thora täglich jammert, prallt von jenen Ohren unerhört zurück, denen klingende Münze die höchste Musik ist. Und statt des Welten erobernden Gottteswortes gehen zierlich zugestutzte Thorasprüchlein von Mund zu Mund, sagen Amen und Placet zu Leichtsinn und Sünde und lullen mit der Kraft ihres heiligen Scheines ausgestattet Eltern und Kinder in den süßen Schlaf der Gedankenlosigkeit. Wer es wagen sollte die Schläfer aufzuwecken und auf ihre Lage aufmerksam zu machen, ist ein Fanatiker, ist ein Ketzerrichter; anathema sit! So hat die Thora ihre eigene Absetzung, ihre eigene Vernichtung dekretiren und sich einem schmählichen Concordat fügen müssen, daö in erster Reihe ihre eigenen heiligsten Anforderungen für Null und und nichtig erklärt. Nein, nein! daS hat sie nimmer gethan. Pastoralklug convinirende Pfaffen haben leider in unserer Zeit in ihrem Namen pactirt, in ihrem Namen Schweigen gelobt, Schweigen zu den empörendsten Verletzungen ihrer höchsten Pflichten, haben speculirend auf die Unwissenheit der ihnen anvertrauten Gemeinden', ihren heiligen Stand, der sie zur Förderung, zur Hebung, zur Verbreitung unserer .min verpflichtet, auf elende Weise mißbraucht, und für egoistische eitle Zwecke ausgebeutet. Kann man sich über die Religionslosigkeit derjenigen Gemeinden Deutschlands wundern, die unter dem demoralisirenden Einfluß von Individuen stehen, welche die Irreligiosität zum Princip und die Heuchelei zur Religion erhoben haben? Wir wollen nunmehr den Einfluß zu schildern versuchen, welchen das Leben und Wirken unseres Landrabbiners Or. I. Landsberger auf die jüdische Gesinnung der ihm anvertrauten Gemeinden ausüben muß und ausübt. Das Leben und die Färbung dieses Mannes ist den geschätzten Lesern dieses Blattes und den unter seiner Leitung stehenden Gemeinden durch den Scandalproceß bekannt, in welchem unser Rabbiner wegen seines durchaus unjüdischen Gebahrens vor einigen Jahren verwickelt war. Bei dieser Gelegenheit wurde es öffentlich constatirt, daß unser Rabbiner dem eigentlichen, dem traditionellen Judenthum abtrünnig geworden sei, ja, daß er sich nicht entblöde, selbst hochheiligen, deutlich ausgesprochenen Satzungen unserer heiligen Thora leichtsinnig den Rücken zu kehren. Das weiß jede Gemeinde im Rabbinat des Herrn Dr. Landsberger. Und was haben die Gemeinden gegen ihren Rabbiner gethan, ihren Rabbiner, der sie lehren sollte, Gott und sein Gesetz zu achten und zu befolgen, und der sich nun selbst über so Manches leichtsinnig hinwegsetzt, und öffentlich bekannt, daß er sich über einen nm nD\y (Todsünde) hinwegsctzt? Was hat unser Rabbiner selber gethan, der, nachdem sein Attentat auf die von ihm zu vertheidigende Emmunah öffentlich bekannt war, als Ehrenmann hätte zurücktreten und erklären muffen: Meine Ueberzeugung macht es mir unmöglich, f abbiner d. h. Förderer, Verbreiter der Thora f sein, deren Satzungen ich verletzt, und deren Verletzt, g ich öffentlich zugestanden habe?! — Das wäre die Handlungsweise eines Biedermanns gewesen, der seine Stellung seiner Ueberzeugung opfert. Und was hat unser Rabbiner gethan? Er hat geschwiegen, wie die ihm untergeordneten Gemeinden. Er hat die Stolgebühren die ihm von seinen Gemeinden nach wie vor eingesandt wurden , nach wie vor dankend in Empfang genommen, hat die wichtigen, hochheiligen Funktionen, die an seine Stellung als Rabbiner geknüpft sind, nach wie vor verwaltet, weil ihm nach wie vor die Gemeinden das Zutrauen schenkten, das man sonst nur berufs-

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