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Der Israelit · 1870-11-02 · Heft 44 (2.11.1870) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 44 (2.11.1870)
Date
1870-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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806 nicht den Sonntag, denn der Sonnabend ist den Juden geboten und nicht der Sonntag u. s. w." Es bedarf wohl keiner weiteren Hinweise, um es mit klaren Worten auszusprechen, daß mit Verläugnung des Sabbat-Gebots ein Judenthum nicht denkbar ist. Mit der Anerkennung und Bekennung dieses Gebotes steht das Judenthum, mit dem Negiren desselben fällt es. Blicken wir nur auf das, was uns so nahe liegt, auf die Bekenner des Judenthums in unserer Residenzstadt, so sehen wir mit unendlicher Trauer, wie beispielsweise in der geschäftlichen Welt, eine kleine Minorität ausgenommen, die öffentliche systematische Entweihung des Sabbats durch die an diesem Tage geöffneten Geschäfte, durch den Zwang, daß die jungen Leute von der Sabbat-Feier fern gehalten werden, trotz des Prachtgebäudes der neuen Synagoge, trotz des veredelten Cultus, derartige Dimensionen angenommen hat, daß dem, der es aufrichtig mit dem Judenthum meint, ein unendlich trauriges Bild enthüllt wird. Man denke sich die Gewissensangst eines jungen Mannes, der im elterlichen Hause fromm erzogen, des täglichen Brodes wegen sich veranlaßt findet, hier in Berlin eine geschäftliche Stellung zu suchen und zu finden; man stelle sich die Seelenqual vor, mit welcher^um ersten Male der Sabbat auf Gebot des jüdisWi-Herrn entweiht werden muß; man male sich dieses Bild weiter aus, wie solch ein junger Mann Schiffbruch an seinen heiligsten Gefühlen erlitten und nun ein Lebewohl, vielleicht für immer, dem sagen muß, was ihm werth und theuer bis jetzt gewesen. — Niemand kann die Thränen und die Seufzer sehen und hören, denn keine Hilfe, keine Rettung bietet sich einem solchen Unglücklichen dar, der einmal auf der Bahn der Religionsverläugnung, in unreligiöser Umgebung, den letzten Halt des Glaubens verlieren muß. — Wie sollte es auch anders sein, wenn der eiserne Zwang einer jüdischen Hand das Heiligthum zertrümmert hat? Im Namen der Gewissensfreiheit, welche unser intelligentes Jahrhundert als die edelste Errungenschaft anerkennt, die es unsittlich findet, eine Religionsverläugnung zu erzwingen, welche ganz dieselbe Bedeutung hätte, wie der religiöse Zwang im Mittelalter, dem unsere Vorfahren so zahlreiche Märtyrer liefern mußten, im Namen dieser Gewissensfreiheit j sollte ein Jeder das Seinige dazu beitragen, diese Schmach, diesen Schandfleck des so aufgeklärten Judenthums zu vernichten, diese geistige Leibeigenschaft zu zertrümmern, welche sittlich verwerflicher ist, wie einst die körperliche Leibeigenschaft der feudalen Zeiten. Jene bat den Körper in Fesseln geschlagen, diese aber hält den Geist in ehernen, unzerreißbaren Banden fest. Es wäre daher an der Zeit, daß sich ein Comitö bilde, welches mit allen Mitteln dahin strebe, die hiesigen Gemeindemitglieder zur Feier des Sabbat zu veranlassen. Gewichtige, einflußreiche Männer müßten an der Spitze stehen und es gibt in Berlin noch Viele, die, wenn dazu angeregt, gern bereit wären, durch Wort und Schrift, durch That und Beispiel im Guten voranzugehen. Es wäre eine gottgesegnete That, geeignet, das herrliche Ziel eines rühmenswerthen Ehrgeizes zu sein. In dem Gedenkbuche der spätesten Zeiten wird der Name dessen rühmlich genannt werden, der eine neue Aera in dem Berliner Judenthum hervorgerufen. Das christliche England, das christliche Amerika bieten uns ja mit der Sonntagsfeier die evidentesten Beweise, von welcher Bedeutung ihnen der Tag der Ruhe ist, und wie er in die Massen eingedrungen. Ja, wunderbarer Weise fand vor einigen Jahren eine Synode der christlichen Baptisten in Amerika, die ca. 2 Millionen Seelen zählen, statt, auf welcher der Antrag gestellt wurde, statt des Sonntags den Sonnabend als den legitimen historischen Sabbat zu feiern, und diesem Anträge ist einstimmig Rechnung getragen worden. In New - Aork selbst hatte sich vor Kurzem eine große Anzahl der achtbarsten jüdischen Firmen vereinigt und das feierliche Versprechen gegeben, an Sabbaten und Feiertagen ihre Geschäfte geschlossen zu halten; diesem Beispiele haben sich unendlich Viele angeschloffen; und nun dieses für Berlin in Anwendung gebracht, welcher Segen würde daraus für die andern Städte erwachsen, in denen Bekenner des Judenthums wohnen? Schaden würde den Geschäften wahrlich nicht geschehen, denn man wüßte einmal, „am Sabbat ist geschlossen" und man würde sich der Majorität unterwerfen müssen, wie man fick früher der Majorität der Sabbat - Entweihenden unterworfen hat. Sollten wir etwa aus falscher Scham zurückstehen? Auch die Herren Ovr. Aub und Geiger und mit ihnen alle die Träger des neuen Judenthums werden der Wahrheit die Ehre geben und Zeugniß ablegen, daß das Sabbat-Gebot das Hauptgebot des JudenthumS ist, und daß ohne die Erfüllung desselben alles Andere, aber nur kein Judenthum denkbar ist. Mögen einflußreiche Männer diesen Vorschlag in Erwägung ziehen und demselben Rechnung tragen. Viele, ja unendlich Viele werden die Namen der Männer segnen, die zu groß waren, um sich vor dem Urtheil der sogenannten Fanatiker der Aufklärung zu beugen. Irren ist menschlich, aber den Jrrthum bekennen und der Wahrheit, chie von Gott ist, die Ehre geben, daS ist erhaben, das ist groß!

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