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Der Israelit · 1870-10-26 · Heft 43 (26.10.1870) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 43 (26.10.1870)
Date
1870-10-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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799 brüder der Provinz Posen hinsichtlich ihres geschäftlichen und religiösen Lebens Bericht zu erstatten. — Die Provinz Posen bildete bis zum Jahre 1845 einen Theil des großpvlnischen Reiches, und wäre bei dem Wiener Congresse Preußen mit Sachsen entschädigt worden, so würde noch heute Polen vollständig verbunden sein, da Oesterreich für Galizien gern eine Entschädigung in Deutschland angenommen hätte! Für unsere Glanbensbrüdcr gibt es kein Land, das ihnen stets eine so große Toleranz gewährt hätte, wie Polen. Schon im Jahre 4264 erließ Boleslaus, Herzog von Großpolen, für die Juden ein Hauptprivilegium, nach welcher die Juden das Recht halten aus jeder Provinz einen Deputaten zur Generalversammlung nach Warschau zu senden. An der Spitze sämmtlicher Juden stand ein Marschall, welcher von sechs zu sechs Jahren gewählt und von der Regierung bestätigt wurde; dieser hatte die Rechte und Verpflichtungen der Juden bei der Staatsregierung zu vertreten. Die Juden übten selbstständig ihre Gerichtsbarkeit und oft mußten selbst Christen bei dem jüdischen Gerichte ihr Recht suchen. — Dieser Zustand der eigenen Rechtsübung dauerte noch zur Zeit Stanislaus, des letzten Königs von Polen. — Das französische Gesetz vom Jahre 4807 bestimmte den Juden vollständige Gleichhe t, jedoch eine Verordnung vom 17. October 4808 suspendirte die politische Ausübung der Rechte der Juden auf 40 Jahre, aus dem Grunde, weil sich die Juden der Militärpflicht wegen ihrer Gebräuche und Sitten nicht unterwarfen; sie zahlten deßhalb lieber eine Averssionssumme und opferten die bürgerlichen Rechte. — Nach Verlauf der 40jährigen Suspention blieb den Juden der Provinz Posen auf weitere unbestimmte Zeit die Gleichberechtigung vorenthalten; sie blieben somit auch militärfrei. — Bis zum Jahre 4847 galten in der Provinz Posen die französischen Gesetze; von da ab kam das preußische Gesetz (mit dem 4. März 4847) in Anwendung. Die größte Stadt der Provinz Posen ist Posen, an der Warthe liegend. Posen zählt ungefähr 2500 jüdische Familien und der jüdische Sinn ist in keiner deutschen Stadt noch so vorhanden wie hier. Es befinden sich hier noch viele Schüler des fel. Oberrabbiner R. Akiba Eger, welche bezeugen können, wie dereinst Posen eine Pflanzstätte des jüdischen Wissens und Forschens war. — Wer an einem Sabbat durch die Straßen Posens geht, findet in denselben eine sabbatliche Ruhe; denn in vielen Straßen ist Laben an Laden geschlossen. Aber nicht allein in der Feier der Sabbat- und der Festtage bietet die Stadt Posen noch etwas Außergewöhnliches in Deutschland, sondern auch im geselligen Verkehr bildet Posen eine brüderliche Gemeinde, indem im Handel und Verkehr unsere Glaubensbrüder sich gegenseitig unterstützen. — Nur in Folgendem erzielt sich in Posen keine Einigung, nämlich in der Errichtung einer jüdischen Gemeindeschule. — In .den vorhandenen Schulen wird unsere Religion nur sehr nothdürftig gelehrt, die profanen Wissenschaften lassen die Erlernung unserer heiligen göttlichen Gesetze aus Zeitmangel nicht zu, und leider bleiben die Folgen nicht aus, so daß bei den jungen Leuten schon viele heimlich und schon einige öffentlich den heiligen Sabbat und die Feiertage entweihen. — Vor einiger Zeit ging man in Posen ernstlich mit dem Plane uw. gleich den orthodoxen Musterschulen zu Mainz, Frankfurt, Hamburg eine jüdische Schule zu errichten; scbon sprach man begeistert über die Nvthwendigkeit. Herr S. Cal v ari zeichnete 7000 Rthlr., Herr R. Seegoll, der berühmte jüdische Dichter, Rthlr. 40(0, andere Gemeindemitglieder zeichneten ebenfalls bedeutende Summen. — Die Herren Calvari und Seegall wünschten die Benennung Seegall-Calvariiche. andere jüdische Gemeindeschule und da man sich über die Benennung nicht einigen konnte, so schlief der große Plan wieder ein!!! Posen, eine so große und wohlhabende Gemeinde, möge doch darauf bedacht sein, daß nur eine orthodoxe jüdische Schule jüdischen Sinn und jüdische Eintracht zu erhalten im Stande, daß aber ohne eine solche in kurzer Zeit das jüdische Band der Eintracht gelockert sein wird, was Gott verhüten wolle. — Österreichisch - Ungarische Monarchie. Wien. Baron Königswarter hat dem Bürgermeister vr. Felder aus Anlaß seiner Standeserhöhung einen Betrag von 45,000 fl. zu einer „Königswarter- Stislurg" übermittelt, deren Interessen alljährlich an Arme ohne Unterschied der Confession vertheilt werden sollen. Brzesko, 44. Oct. In der „N. fr. Presse" veröffentlicht der Vorstand der isr. Gemeinde folgende Klage: „Die Judenkrawalle haben in Galizien solche Dimensionen angenommen, daß sie das Ansehen kleiner Revolten haben. Auch unsere friedliche Stadt Brzesko war am 42. October Abends der Schauplatz von derlei Gräuelscenen. Die christl. Bevölkerung in Brzesko, welcher das Verfahren der Gerichte gegenüber den in Tarnow, Gorlice re. wüthenden Excedenten als lau und oberflächlich schien, glaubte darin einen Wink zu finden, aus die hiesige Judenschast in ähnlicher Weise losgehen zu sollen, und diese fortwährende Gährung fand ihren Ausbruch unter der hiesigen christl. Bevölkerung am obenbezeichneten Abende. Den sehnlichst gewünschten Anlaß zum Losstürmen fanden die hiesigen christl. Bürger unter Anführung ihres Bürgermeisters in einem Wortwechsel zwischen dem hiesigen Herrn Pfarrer und einem hiesigen jüd. Insassin , welcher bei Gelegenheit, als ihn der Erstere

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