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Der Israelit · 1870-10-26 · Heft 43 (26.10.1870) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 43 (26.10.1870)
Date
1870-10-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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800 mit „Du" anredete, dies in ähnlichem Tone erwiderte, welche Beleidigung des Herrn Pfarrers der Bürgermeister mit seinen Räthen durch unverzügliche Niederschlagung und Ausrottung aller hiesigen Juden zu rächen beschlosien, zu welchem Zwecke dieselben fast die ganze hiesige christl. Bevölkerung zum Sturme organisirten. Die Tumultuanten belagerten den Ringplatz, vernichteten die daselbst angetroff nen, den Juden angehörenden Feilschaften, griffen die ihnen begegnenden Juden mit Knütteln, Keulen, Grabschaufeln an und bewarfen dieselben mit Steinen; da die Angegriffenen mit bedeutenden Verletzungen sich in die Häuser flüchteten und diese absperrten, warfen die Excedenten die Fenster fast aller jüd. Häuser ein. Daß nicht noch AergereS geschah, ist blos dem energischen Einschreiten deS hiesigen Herrn DezirkShauptmannes v. Kadyi zu verdanken, welcher nach erhaltener Anzeige sich mit Gendarmen auf den Kampfplatz begab, mit eigener Gefahr Blutvergießen verhinderte, die Tumultuanten auseinanderjagte, zahlreiche Verhaftungen vornahm und noch in selber Nacht aus der nahen Stadt Wojnicz Militär herbeiholte. Leider aber hat das hiesige k. k. Bezirksgericht sämmtliche ihm von dem Herrn Bezirköhauptmanne übergebenen Excedenten freigelaffen, wodurch die Gährung unter der christl. Bevölkerung auf's Neue noch heftiger beginnt." Italien. Florenz, 15. Oct. Die „Amtszeitung" enthält ein Decret, welches in den römischen Provinzen alle Rechtsungleichheit der Bürger wegen des Religionsbekenntnisses aufhebt. Palästina. Jernsalem Am 15. Ellul gelangte Frau Jakob Eßel aus Bukarest dahier an. Man hatte von hier aus einen geachteten Glaubensgenossen in Jaffa beordert, bei der Ausschiffung in Jaffa besonders auf sie zu achten. Diese Frau ist die Wittwe des in Bukarest verstorbenen Herrn Essel. Derselbe hatte testamentarisch 1225 Ducaten für wohlthätige Zwecke vermacht, darunter auch 400 Dukaten für Jerusalem und 200 Dukaten für Liberias. (Habazeleth.) Amerika. New-Aork. In einigen hiesigen Zeitungen hat sich eine eigenthümltche DiScussion darüber entsponnm, ob Herr Sigismund Kaufmann, den die republikanische Partei als ihren Candidaten für das Amt des Lieutenant - Governor ausgestellt hat, mehr ein Vertreter der Juden, oder der Deutschen ist, da Kaufmann in Süddeutschland geboren und der mosaischen Religion angehört. Es wird behauptet, daß^ da mit dieser Candivatur der Deutschen eine Consession gemacht werden sollte, Kaufmann als Jude kein geeigneter Vertreter derselben sei. Abgesehen davon, daß die deutschen Republikaner, denen diese Verhältnisse wohlbekannt sind, seine Candidatur acceptirt haben und sie unterstützen, ist es im höchsten Grade gefährlich, solche Rücksichten, die selbst in den frömmelnden politischen Regionen Deutschlands beinahe glücklich überwunden sind, in unser Staatsleben einzuführen. Die Religion ist Jedermanns Privatsache und hat mit der Politik nichts zu thun; sie ist weder an eine Nationalität gebunden, noch ein Hinderniß, noch ein Beförderungsmittel für freiheitliche oder reactionäre Anschauungen. Ganz besonders in einem Lande, welches sich in der Gleichheit und Freiheit aller seiner Bürger rühmt, müssen wir gegen das Auskommen einer derartigen Richtung, als dem Geiste unserer Constitution total widersprechend, energisch protestiren. War der verstorbene Waldeck deßwegen weniger ein Kämpfer für die Volksfreiheit, weil er ein treuer Katholik war? Ist Jules Favre, ein eifriger Besucher der katholischen Kirche, etwa reaktionär? Hat Adolph Cremieux^, das Mitglied der republikanischen Regierung in Frankreich von 184^ und vom heutigen Tage, deßwegen aufgehört, ein Jude zu sein? Sind etwa Lasker, der einflußreichste und begabteste Führer der national-liberalen Partei in Deutschland, vr. Kosch, das alte uud hochverdiente Mitglied der Fortschrittspartei, selbst Johann Jacoby keine Juden? Gehört nicht Nigra, der talentvolle italienische Diplomat, sowie Elstädter, der badische Finanzminister, derselben religiösen Gemeinschaft an? Bedarf es noch mehr Beispiele so stehen unzählige zur Verfügung. Hat ferner Jemand in dem Kampfe des Nordens gegen den Süden, wie in dem gegenwärtigen zwischen Frankreich und Deutschland, zu fragen gewagt, ob die gefallenen Krieger Christen oder Juden sind? Oder glaubt man vielleicht, daß die Personen eine bessere Garantie für ihre Gesinnung geben, die aus der einen Religionsgemeinschaft in eine andere übertreten? Die Zeiten, in welchen man, wie Heine sich sarkastisch entschuldigt, als Mitglied einer bevorzugten Religion „ungestraft silberne Löffel stehlen darf," sind glücklicherweise schon längst überwunden; in den Ver. Staaten haben sie überhaupt nie existirt. Es ist eine Schmach und Schande, daß eine Diskussion überein solches Thema in unserem Lande sich überhaupt noch an dieOeffentlichkeit wagt, ohne für immer verurtheilt zu werden. In der amerikanischen Presse kann ein solcher Geist nicht aufkommen, da die Praxis — wir erinnern an den General Salomon, jetzt Governor von Montana seit Jahren bereits gelehrt hat, daß bei der Besetzung der Aemter aus die Religion keine Rücksicht

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