Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1870)
- Date
- 1870-10-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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796 „Was ich zu thun gedenke? Er soll hierher, er soll Soldat, er soll Christ werden!" „„Das wird Dir nicht gelingen!"" „Das wird mir wohl gelingen. Die hiesigen Behörden unterstützen mich, thun Alles, was ich wünsche." „„England wird ihn nicht herausgeben. Löwenhaupt hat ihn adoptirt und ihn naturalisiren lassen. Moritz ist seit vierzehn Tagen englischer Unterthan."" „Haha, wie wenn die Adoption ohne meine Einwilligung Rechtskraft erlangen könnte! Sie wäre gar nicht möglich gewesen, wenn nicht wahrscheinlich der englischen Behörde ein X für ein U vorgemacht worden wäre. Mir aber wird es durch die Darlegung der Wahrheit ein Leichtes sein, den ganzen HocuSpocuS umzustoßen. Den Jungen will ich schon kriegen; aber auch mit Dir habe ich abzurechnen!" „„Thue mit mir, was Dir beliebt; aber in Bezug auf Moritz möchte ich Dir doch rathen, nicht Deiner blinden Leidenschaft zu folgen. Was willst Du mit dem Zungen? Für Deine ehemaligen P!äne ist eS zu spät. Und dann würde er sich heute viel weniger als damals zwingen lassen. Er ist im Glauben der Väter erzogen, durch Erziehung und Unterricht darin gekräftigt. Gesetzt, es gelinge Dir auch, ihn für jetzt zu zwingen; in kurzer Zeit wird er volljährig sein, jeden Zwang abstreisen und zur Religion Israels zurückkehren. Du wirst Dir und mir und ihm nur unnöthige Kränkungen bereiten."" „Du hast in gewisser Beziehung Recht. Es wird vielleicht besser sein, ich lasse den widerspenstigen Schlingel laufen! Aber enterben werde ich ihn! Keinen Groschen soll er haben von meinem mühsam erworbenen Vermögen. Damit will ich das Glück unserer Wilhelmine in einer Weise begründen, wie noch kein Vater für sein Kind gesorgt hat. Höre, Auguste, wir wollen einen Vergleich schließen. Ich will Dir den Zungen überlassen, will nicht weiter mit Dir hadern, will das Geschehene als nun einmal vollendete Thatsache hinnehmen. Dafür mußt Du mir aber das Mädchen überlassen, mußt mir versprechen, meinen Plänen für Wilhelmine nicht hinderlich entgegentreten zu wollen." „„Und welches sind diese Pläne?"" „Zch werde sie Dir nennen, wenn Du mir Dein Versprechen wirst gegeben haben." „„Ich kann kein Versprechen leisten, über dessen Tragweite ich kein Urtheil habe."" „Auguste, ich kenne Dich kaum mehr; sonst warst Du das nachgiebigste Weib unter der Sonne, und jetzt entwickelst Du einen Eigensinn, den ich ftüher nie an Dir bemerkt hatte." „„Nenne es nicht Eigensinn, Wilhelm, nenne es Thatkraft, nenne es Character. Ja, ehedem war ich ein schwaches, nachgiebiges Weib. Meiner Liebe zu Dir brachte ich selbst das zum Opfer, was ich im Hause meiner Eltern als hoch und heilig verehrt hatte. Ja, ich liebte Dich, ich verehrte Dich! Ich bewunderte Deinen Geist, Deinen Scharfsinn, ich war geblendet von Deinen Erfolgen. Aber an den Pforten des TodeS habe ich Dich als einen kalten, hartherzigen, ehrgeizigen Egoisten kennen gelernt. Als ich am Tode lag und Du auf Deinen Plänen beharrtest, deren Ausführung mir den Tod geben mußte, als Du kaltherzig mein Krankenlager, ein Liedchen trällernd, verlassen hast — damals habe ich aufgehört, Dich zu achten, Dich zu lieben. Ich hatte schon vorher Schwächen an Dir beobachtet, war auf die Spuren von Untreue gekommen — aber meine Liebe bedeckte das Alles. Und Du, was hast Du in diesen vielen Jahren gethan, um meine Achtung, meine Liebe wieder zu gewinnen? Du hast es nicht der Mühe werth gehalten, etwas in dieser Richtung zu thun oder zu erstreben; im Gegentheile, Du warst froh, daß ich Deinen Heimlichkeiten nicht mehr nachspürte, daß das früher so eifersüchtige Weib Deinen Ausschweifungen nicht mehr entgegentrat. Za, ich hatte aufgehört, eifersüchtig zu sein, denn Du warst mir gleichgiltig geworden. Von jenem Tage an habe ich nur noch für meine Kinder gelebt — und jetzt sollte ichmeine Tochter Dir, Deinen Plänen, Deinen Anschauungen von Glück bedingungslos überlassen? Sollte mein Täubchen, das ich geschützt habe mit aller Sorgfalt, das ich nach meinen Anschauungen erzogen — Du hast Dich ja nie um Wilhelmine gekümmert — mein zartes Täubchen sollte ich Dir ausliefern, daß es ein Opfer werde Deines Ehrgeizes, daß es unglücklich gemacht werde, um der Befriedigung Deiner Eitelkeit zu dienen? — Nimmermehr!"" Staunend hatte Wolfsohn sein Weib betrachtet; zwanzig Jahre war er mit Augusten vermählt, und erst jetzt lernte er sie kennen. Die Wahrheit, die tiefe Wahrheit in ihren Worten drückte ihn förmlich zu Boden. Endlich erholte er sich. „Das ist ja eine förmliche Kriegserklärung!" sagt er gepreßt. „Nun gut, Du willst den Krieg, Du sollst ihn haben. Wilhelmine wirft Du nicht nach London schicken; dafür werde ich Sorge tragen!" Zornig ging er von dannen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.