Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1870)
- Date
- 1870-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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795 Feuilleton. Säen und Krnte«. XIX. Reue Kämpfe. Wolfsohn war auf's Freudigste erregt; die Familienverbindung, welche ihm in Aussicht stand, übertraf seine kühnsten Erwartungen. Seine Tochter sollte Gräfin von Rieneck werden, sollte einem Geschlechte angehören, das fast älter war als das des regierenden Königshauses, dessen Ursprung sich bis in das Gebiet der Sage verlor! Er wollte die Rieneck'schen Güter zurückkaufen, ein prachtvolles Schloß erbauen, einen großen Wildpark anlegen, in der Residenz ein großes Palais erwerben, und seine Tochter sollte das erste Haus dort ausmachen. Dann würde sogar der Hof bei den zu veranstaltenden Festen erscheinen. Und all dieser Glanz und all diese Herrlichkeit sollte durch ein unantastbares Fideicommiß auf ewige Zeiten gesichert werden; seine Enkel würden dann als Repräsentanten des großen Grundbesitzes im Herrenhause sitzen! Herr von Wolfseck säumte nicht, all diese Pläne dem Könige unterbreiten zu lassen, der sie mit Wohlgefallen entgegennahm. Der König hatte eine große Anhänglichkeit für die alten Adelsgeschlechter; der Fall des Rieneck'schen Hauses hatte ihn mit Wehmuth erfüllt; er ergriff daher gern die Gelegenheit, den alten Glanz desselben wieder aufrichten zu helfen. Er ertheilte ohne Weiteres seine Genehmigung sowohl zu der beabsichügten Verbindung als auch zur Errichtung des Fideicommisses. Wolssohn war überglücklich; nur eins war ihm unangenehm, erschien ihm schwierig: seine Frau und seine Tochter von seinen Plänen zu benachrichtigen und sie dafür zu gewinnen. Da kam ihm ein ganz besonderer Umstand zu Hilfe. Wolssohn hatte nämlich , als er durch Bernstein von dem muthmaßlichen Aufenthalte feines Sohnes in London Kunde erhalten, durch die B.'sche Gesandtschaft einen Dedective (Beamten der geheimen Polizei) engagiren lassen, um ganz London nach seinem Sohne zu durchforschen. Zu diesem Zwecke sandte er, da ihm Bernstein von der auffallenden Aehnlichkeit zwischen Sohn und Vater gesprochen, sein eigenes Bild, das er noch aus seiner Jugendzeit besaß, nach London. Jetzt nun kam er in den Besitz der überraschendsten Nackrichten. Der Detective hatte herausgesunden, daß der junge Löwenhaupt, der angebliche Neffe des Londoner Kaufmanns, Niemand anders als Moritz von Wolfseck sei. Durch die Aehnlichkeit mit dem übersandten Bilde frappirt, hatte der Beamte ganz in der Stille die umfassendsten Erkundigungen eingezogen. Er hatte dann herausgebrackt, daß die Zeit des AustauchenS l' des jungen Löwenhaupt in London mit der ds8 Verschwindens des jungen Wolfseck in B. zusammenfalle, er hatte ferner erfahren, daß Herr Löwenhaupt nie einen Bruder gehabt, daß also auch kein Brudersohn von ihm existiren könne; der schlaue Detective hatte dann den jungen Löwenhaupt mit Spionen umgeben, und siehe da, man brachte in Erfahrung, daß der junge Mann regelmäßig alle vierzehn Tage nach B. schreibe und ebenso regelmäßig Antwort von dort empfange; die von ihm nach B. gesandten Briefe waren an Simon Ruhdorf adressirt. Für Herrn von Wolfseck war es durch seine Verbindungen ein Leichtes, solch einen von London kommenden, an Ruhdorf adressirten Brief durch einen Polizeiagenten in B. öffnen zu lassen. Die Adresse war nur Umschlag für eine an Frau Auguste von Wolfseck gerichtete Einlage, welche die Unterschrift: „Dein Dich liebender Sohn Moritz" trug. Nun waren alle Zweifel gehoben: Auguste hatte ihrem Sohne zur Flucht verholfen, ja, ihn dazu veranlaßt und ihn ihrer Jugendfreundin nach London geschickt. Wolfsohn schäumte anfangs vor Wuth; bald aber wich sein Zorn ruhiger Ueberlegung. ES war am Ende gut, daß sein Sohn Moritz ihm entlausen war und dadurch jeden Anspruch auf das väterliche Vermögen verloren hatte. Dadurch blieb die Tochter, die künftige Gräfin Rieneck, die einzige Erbin, dadurch konnte der Glanz des gräflichen HauseS ein um so größerer werden. Und wie konnte er so gut die Mitschuld Augustens an der Flucht ihres Sohnes als Waffe gegen sie brauchen, um seine Pläne in Bezug auf Wilhelmine durchzusetzen! Er begab sich zu seiner Gattin. Als er eintrat, las sie gerade den eben empfangenen Brief ihres Sohnes; sie suchte ihn eilig zu verstecken. „Du brauchst den Brief des entlaufenen Burschen nicht vor mir zu verbergen!" rief ihr Wolfsohn höhnisch zu. Auguste war sprachlos vor Schreck. »Ja, ja," fuhr Wolfsohn zu reden fort, „schöne Dinge muß man vernehmen! Zn meinem eigenen Hause hege und pflege ich meine Feinde, die meine Pläne durchkreuzen, mein Kind gegen mich aufhetzen und es zur Flucht verleiten! Aber ich werde den Burschen schon kriegen. Noch ist er meiner väterlichen Gewalt unterworfen. Noch in diesem Augenblicke telegraphire ich nach London, um ihn hierher transportiren zu lassm!" „„Wilhelm, was gedenkst Du zu thun?"" fragte j Auguste verzagt.