Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1870)
- Date
- 1870-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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790 vom Steuer der Gemeinde abberufen, um ein größeres Gemeindeschifs au lenken; Dr. Adler kam nach London; man glaubte jedoch allgemein, daß ein anderer bedeutender Rabbiner in der Nähe, daß Rabbiner Hirsch, damals Landrabbiner von Ostfriesland (Emden) nach Hannover berufen werden würde. Es geschah nicht; man ließ Rabbiner Hirsch nach Mahren gehen (Nikolsburg), ohne auch nur einen Versuch zu machen, ihn zurückzuhalten. Damals circulirte das Witzwort-. „Sonderbares Volk, die hannoverischen Juden! den Adler haben sie fliegen und den Hirsch haben sie laufen lassen!" Was hatte aus Hannover werden können, wenn Adler geblieben oder Hirsch hmgekommen wäre! Hannover, reich an frommen, gotl begeisterten, talmudisch gebildeten, mit Glücksgütern gesegneten D’m ’tya, wäre eine '«-hpo dni "vy, eine Haupt- und Mutterstadt in Israel geworden. Die neu hinzuziehenden Israeliten hätten sich den alten assimilirt und der vom Rabbiner in echtem, ernstem, aufrichtigem Streben conservirte jüdische Geist wäre der maßgebende geblieben. Was aber ist aus Hannover geworden? Wo ist sie hingekommen die Frömmigkeit der Altvordern, die Heiligung des Sabbats, die zu verletzen ehedem Niemandem in den Sinn kam? Wir wollen Herrn Landrabbiner Or. Mayer nicht zu nahe treten, wir wollen nicht ihn allein verantwortlich machen für die trostlosen Zustände, wie sie gegenwärtig in religiöser Bestehung in Hannover vorwalten; allein daß er einen großen Th eil der Schuld zu verantworten hat, ist außer Frage. Wir wollen nur auf eins aufmerksam machen, auf den durchaus ungenügenden Religionsunterricht. Welch ein in religiöser Bestehung durchaus unwissendes Geschlecht hat Herr Dr. Mayer während seiner fünfundzwanzigjährigen Amtsthätigkeit heranwachsen sehen! Wie man uns erzählt, ist man in der Religionsschule in Hannover beim Pentateuch - Unterrichte niemals über rvarftna idd hinansgekommen; daß außer dem ivtswo ->Lv und dem Gebetbuche überhaupt noch ein hebräisches Buch existirt, haben die hannoverischen Knaben nie, wenigstens in der Religionsschule nicht erfahren. Diese wohlgenährte Ignoranz hat denn auch bei dem gegenwärtig tonangebenden Geschlecht einen Zustand hervorgebracht, der ganz eigenthümlicher Art ist. Die Leute sind so schlimm nicht; sie möchten gern fromm sein; sie wissen's aber nicht anzufangen. Wie viele Männer gibt es in Hannover, die sich, um nur ein Beispiel anzuführen, nicht rasiren lassen? Ja, wir fragen weiter, wie viele Männer gibt es in Hannover, die überhaupt wissen, daß es dem Juden verboten ist, sich mit einem Messer den Bart abzunehmen? Oder, wie viele Männer und Frauen gibt es in Hannover, die wissen, daß sie den Sabbat entweihen durch Geld - Ausgeben, durch Tragen mant» nnßno oder o»ann nienD, durch Kochenlassen am Sabbat rc.? Was aber noch schlimmer ist als das Erwähnte, ist die vollkommene Indifferenz gegen das Judentbum als solches — ein Geist der Nonchalance, der leider täglich größere Dimensionen annimmt. Wir wollen das Gesagte an einem Beispiele Nachweisen. Es existirt in Hannover ein geselliger Verein, eine Art jüdischen Casino's. Nun hat vor einigen Jahren ein Afterdichter eine Posse gedichtet, in welcher die heiligsten Gestalten der jüdischen Geschichte: David, Samuel, Jonathan, Michal, der Prophet Nathan rc. in den Staub gezogen und mit Koth beworfen werden. Dieses ekelhafte Machwerk wurde von jüd. Dilettanten einstudirt, einem jüd. Publikum vorgeführt und von diesem mit Beifall überschüttet. Ja, man war so entzückt davon, daß man diese ekelhaften Ausgeburten einer verdorbenen Phantasie drucken ließ und in die Welt an auswärtige Freunde versandte. Auch uns hat dieses Machwerk Vorgelegen; es war uns aber nicht möglich, mehr als einige Zeilen davon zu lesen. Gleich zu Anfang des Stückes sitzen, wenn wir uns recht erinnern, Jonathan und Nathan am Bache und spielen Karten; David kömmt dazu und singt unlautere Lieder zu seiner Harfe!! Wir hatten übergenug. Wie heruntergekommen muß die Denkweise eines Publikums sein, das so etwas germvrllig entgegennimmt! So sind die jüdisch-religiösen Zustände in Hannover, trübe und traurig, wie leider an vielen andern Orten auch. Aber vielleicht ist in Hannover noch Heilung möglich. Diese würde darin bestechen, wenn sich in Hannover, von der abschüssigen Bahn, welche die Gemeinde und ihr Rabbiner betreten haben, ablenkend, eine orthodoxe israel. Religionsgeselisch aft, wenn auch nur aus wenigen Mitgliedern bestehend, bilden würde. Diese müßte aber nicht nur den unverfälschten und unverkürzten Gottesdienst conserviren, sondern sie müßte ihren Schwerpunkt in einen gründlichen und gediegenen, in einen ausreichenden Religionsunterricht verlegen. Eine solche Gemeinde würde bald in berrlichster Weise emporblühen und das Juoenthum in Hannover vom drohenden Untergänge retten. Aber bald müßte es geschehen, ehe es zu spät wird. Tttfn' 0"iü3 ms 4rb un!