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Der Israelit · 1870-10-19 · Heft 42 (19.10.1870) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 42 (19.10.1870)
Date
1870-10-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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782 XXV. Wir geben im Nachstehenden den Brief eines Mainzer Freiwilligen, der im 19. pr. Infanterie-Regiment dient; unsere Leser haben bereits mehrere an uns gerichtete Briefe desselben (Unterschrift X. X.) gelesen. Der nachstehende ist an die Familienangehörigen — die Mutter ist Wittwe — gerichtet und gibt ein Bild von grenzenlosen Gefahren und Leiden, die jedes Herz erschüttern müssen. O, richten wir Alle unsere heißinmgen Gebete zu Gott, dem Allbarmherzigen, daß Er die Herzen der Mächtigen zum baldigen Friedensschluß lenke! Hier der erwähnte Brief: Lsmeeourt (Bivouak vor Metz), den 9. October, Mittags 12 Uhr, im ©arten. „Geliebte Mutter und Geschwister Meinen Brief vom 6., in welchem ich Euch mittheilte, daß ich drei Tage gefastet, am 3. und 4., weil ich nichts zu essen hatte und am 5., weil -ns'D dt war, werdet Ihr erhalten haben. Was aber will das Gesagte heißen im Vergleiche mit dem, was ich seitdem erlebt habe! Auf nassem Grunde, nachdem es ein wenig aufgehört hat zu regnen, stehe ich, an die Mauer gelehnt, um Euch, meinen Lieben, zu schreiben. Wo aber soll ich anfangen! Das erste Gefühl, das ich ausdrücke, sei mein heißester Dank gegen den Allmächtigen, der mich aus großen Gefahren errettet hat! Am 7. Mittags gegen halb 3 Uhr machte ich mich gerade zum Exerciren fertig, als wir allarmirt wurden. Die 9. und 12. Compagnie mußte als Reserve Vorgehen. Das Schlachtfeld lag bald gleich einem wahren Dampfkessel vor uns. Wir blieben circa eine Stunde als Reserve liegen, bis wir dem Schlachtfelds entlang auf die rechte Seite hin vorrückten. Wir kamen um halb 6 Uhr — gerade als es an zu dunkeln fing und der heilige Sabbat begann — in einen Wald, wo die IVter Jäger ausgeschwärmt lagen. Unser Bataillon versammelte sich hier. Die 9. und die 12. Compagnie würben zu Schützen bestimmt, die 10. und die 11. als soutien. „Jetzt," sagte der Major, „jetzt auf in den Wald; derselbe ist nicht besetzt. Doch, mag es kommen, wie es will; wenn Ihr aus dem Walde seid, dann mit Hurrah vorwärts!" Unser Hornist blies: „Schützen avanciren!" Wir schwärmten durch den Wald, wo schon eine Masse todte Franzosen lagen. Wir mußten durch Dick und Dünn; unsere Hände bluteten, zerrissen von dem dichten Gesträuch, durch das wir drangen. Wir waren noch nicht aus dem Walde heraus, als ein dichter Kugelregen über uns kam. Wir ließen uns nicht beirren und drangen vorwärts; kaum waren wir zum Walde hinaus, so standen uns die Franzosen auf 100 Schritte gegenüber, uns mit lebhaftem Feuer empfangend. Da galt kein langes Besinnen. Das Commando erscholl: „Fällt das Gewehr!" und ohne einen Schuß zu thun, stürmten wir unter Hurrah - Rufen auf den Feind los. Die Franzosen entflohen; wir hinterdrein. Wir erstürmten das Dorf Bellevue mit dem verschanzten Chateau la Pouchaing, das eine Viertelstunde zuvor noch vom Feinde besetzt war. Die Franzosen flüchteten in einen Wald, in welchem ihre Kanonen aufgepflanzt waren. In dem Dorfe Bellevue sammelte sich unser Bataillon; hier siel ich halb ohnmächtig auf einen Misthaufen; denn wir hatten eine Attaque von % Stunden gemacht. Von dem Kugelregen, den wir ausgehalten, könnt Ihr Euch eine Vorstellung machen, wenn ich Euch mittheile, daß in meinem Brodsacke in einem Stück Brod zwei Kugeln steckten und daß eine dritte Kugel den einen Aermel meines Mantels durchbohrt hat. Dennoch blieb ich unversehrt. Wie kann ich Gott genug danken! Die arme Landwehr hat wiederum große Verluste. Um 63/4 Uhr waren wir im Dorfe, das in vollem Brande stand; um 7 Uhr ging es weiter. Wir standen nun dem Walde der Franzosen gegenüber und mußten im Laufgraben Deckung nehmen, indem das Gewehrfeuer des Feindes wiederum ein fürchterliches war. So blieben wir die ganze Nacht, mit schwerem Tornister. Morgens 5 Uhr wurden wir von Musketieren abgelöst. Wir gingen über das Schlachtfeld, das mit Todten besäet war, zurück und blieben eine halbe Stunde, während eines fürchterlichen Regens im Bivouak. Am 6. um 6 Uhr Abends wurde uns Brod und Schnaps geliefert. Das war eine Freude! Hatte ich doch vom 7. Morgens 10 Uhr bis zum 8. Abends 6 Uhr — also volle 32 Stunden — nichts gegessen als ein Stückchen von Kugeln durchbohrtes und verbranntes Brod! Die 9. und 12. Compagnie kam Abends 8 Uhr nach Semecourt in's Quartier. Die 10. und die 11. Compagnie blieben im Bivouak. Wir werden sie den 10. Morgens 4 Uhr ablösen. Das gibt ein heiteres Suckoßfeft! Unsere ganze Compagnie kam auf einen Speicher. Jetzt wurde uns erlaubt, Kaffee zu kochen; aber keine Hand rührte sich; denn so sehr uns der Kaffee wohlgethan hätte, — wir sehnten uns noch weit mehr nach einer trockenen Ruhestätte! Ich habe während der Attaque mein Portemonnaie (mit Inhalt), mein Messer, mein Halstuch und noch viele andere Dinge verloren, die ich in den Taschen trug; allein ich bin herzlich froh, daß ich unverletzt geblieben. Der Kamerad, der mir unlängst Euer Paquet überbrachte, ist schwer verwundet. Ich mutz schließen, denn es sängt an zu regnen, und ich schreibe, wie bereits erwähnt, im Freien. Gott schütze Euch, meine Geliebten, und Du, geliebte Mutter, härme Dich nicht zu viel und mache Dir nicht zu viel Sorge. Der allbarmherzige Gott,

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