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Der Israelit · 1870-10-19 · Heft 42 (19.10.1870) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 42 (19.10.1870)
Date
1870-10-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 42 des Israelit. Leitender Artikel. Briefe u. Nachrichten vom Kriegsschauplätze. XXIII. Vor einigen Wochen berichteten wir den gewaltsamen Tod eines Glaubensgenossen in Metz, der, französischen Zeitungen zufolge, als der Spionage verdächtig erhängt worden sei. Ueber diese traurige Begebenheit gehen uns nunmehr Details zu, aus denen sich ergibt, daß leider ein vollkommen unschuldiger Mann der blinden Volkswuth zum Opfer gefallen. Herr Gustav Mayer aus Cöln, Sobn des unlängst verstorbenen, in weiten Kreisen bekannten Gasthofsbesitzers „Zum Württemberger Hof" in Cöln, wohnte seit mehreren Jahren in Metz und hatte dort einen Porcellan - Laden. Seine Frau stammt aus Mainz. Herr Mayer war ein stiller, bescheidener, rechtlicher Mann, und als der traurige Conflict zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, vermied er es sorgfältig, durch irgendwelche Meinungsäußerung seine Mitbürger zu reizen; nicht im Entferntesten hat er Anlaß dazu gegeben, in ihm einen Spion zu vermuthen, wie denn auch das verächtliche Handwerk der Spionage seinem Charakter und seinen Grundsätzen durchaus fern lag. Nach der Schlacht bei Saarbrücken-Spicheren verbreiteten fick in Metz die abenteuerlichsten Gerüchte. Unter Anderm wurde ausgesprengt und geglaubt, die Preußen hätten französische Gefangene zerschnitten und die Schweine damit gefüttert. Eine entsetzliche Wuth bemächtigte sich des Pöbels von Metz; diese Wuth verlangte durchaus ein Opfer, und eine schreiende, tobende Menge, die bis zu 6000 Köpfen anschwoll, raste auf das Haus des unglücklichen Mayer zu. Hier wurde sämmtliches Geschirr im Laden zertrümmert, während die Menge immerfort nach dem „Preußen" schrie. ES war am Fasttage des 9. Ab, Sonntag, 7. August. Frau Mayer fühlte sich in Folge des Fastens unwohl und hatte sich niedergelegt. Herr Mayer hatte sich beim Herannahen des wüthenden Pöbels versteckt. Eine Schwester feiner Frau, zum Besuch anwesend, hatte das zweijährige einzige Kind derselben, ein bildschönes Knäblein, in ihre Obhut genommen. Dieses ergriffen die Unmenschen und drohten es zu zerschneiden, wenn die zu Tode erschrockene Schwägerin nicht das Versteck des „Preußen" angebe. „Er ist hinaufgegangen!" rief das zitternde Mädchen, das Kind an sich reißend. Während man nun nach dem „Preußen" suchte, entflohen die beiden Frauen mit dem Kinde. Dieselben sind zu ihren Eltern nach Mainz zurückgekehrt. Dem Berichte französischer Zeitungen zufolge wurde Herr Mayer in einem Kamine erhängt gefunden. Ob dies seine Verfolger gethan oder ob er selbst aus Furcht vor den Mißhandlungen eines wahnsinnigen Pöbels Hand an sich gelegt, wurde nicht mitgetheilt. Vielleicht ist er auch, was allerdings sehr unwahrscheinlich, seinen Verfolgern entgangen und hält sich noch heute in Metz, das seitdem ja eng cernirt ist, versteckt. Daß französische Zeitungen von dieser traurigen Geschichte Anlaß nahmen, die Juden von Metz zu verdächtigen, haben wir bereits mitgetbeilt. Aus unserer detaillirten Darstellung ergibt sich, daß auch Herr Mayer vollständig unschuldig war und lediglich der Wuth eines überreizten Pöbels zum Opfer siel. Welche Gräuel fördert doch der Krieg zu Tage! XXIV. Von einem krank aus dem Bivouak vor Paris zurückkehrenden Soldaten vernehmen wir die nachstehende amüsante Geschichte. Es war auf dem Marsche zwischen Chalons und Paris. Die Soldaten sangen patriotische Lieder. An der Spitze des Regiments marschirte eine Anzahl isr. Soldaten, größtentheils Freiwillige. Sie unterhalten sich von der Heimath. Wären sie zu Hause, so befänden sie sich in der Synagoge, denn es ist Sabbat. Allmählich verstummt der Gesang der Soldaten; die Glocke des Kirchthurms eines in der Nähe der Landstraße liegenden Dorfes verkündet die zehnte Morgenstunde. „Jetzt ist in der Heimath," sagt einer der Israeliten, „die Synagoge aus; gewöhnlich schlägt es gerade 10, wenn man den Schlußgesang: „Een Kelohenu" singt'" Sofort intonirt ein Anderer den erwähnten Schlußgesang, und Alle stimmen kräftig ein. So hallt denn die orientalische Melodie, von zehn kräftigen Männerkehlen gesungen, über die durch die Champagne führende Landstraße und die semitischen Laute verkünden es, daß Niemand unserm Gotte gleicht und daß wir keinen Helfer haben außer Ihm. Da aber stürzt ein Unteroffizier herbei und ruft eifrig: „Das jeht nicht, meine Heren! französische Lieder dürfin hier nicht jesungen werden!" Trotzdem man, unter lautem Lachen natürlich, dem biedern Patrioten auseinandersetzte, daß „Een Kelohenu" kein französisches, sondern ein hedräisches Lied sei, war es doch um die feierliche Stimmung geschehen, und der Gesang wurde nicht fortgesetzt.'

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