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Der Israelit · 1870-10-19 · Heft 42 (19.10.1870) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 42 (19.10.1870)
Date
1870-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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779 an, „haben Sie gar nichts wieder von Ihrem Sohne Moritz gehört?" „„Nicht ein Sterbenswörtchen! Der Junge ist gewiß längst gestorben oder verdorben. Meine Nachforschungen, meine Aufrufe in den Zeitungen, die sorgfältigsten Recherchen der hiesigen Polizei, die Anfragen bei unfern Gesandtschaften und Consulaten im Auslande — Alles war vergebens."" „Wenn mich nicht Alles trügt, so habe ich Ihren Sohn in London gesehen." „„Nicht möglich! Doch erzählen Sie. WaS veranlaßt Sie zu dieser Vermuthung?"" «Ich habe einige Wochen in London gelebt. Waren Sie schon dort?" „„Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen; schon längst habe ich mir vorgenommen, die große Weltstadt kennen zu lernen, aber es hat sich noch nicht machen wollen."" „Eine der größten Merkwürdigkeiten von London ist das Wachsfiguren - Cabinet der Mat ame Toussaint: Lächeln Sie nicht, das sind keine gewöhnlichen Wachsfiguren, wie sie auf unfern Jahrmärkten und Messen gezeigt werden. Dort ist Alles historischecht und portraidähnlich. Alle großen Männer und Frauen der Vergangenheit und der Gegenwart, in denselben Kleidern und Schmuckgegenstär.den, die sie im Leben wirklich getragen haben; dabei so täuschend, daß es zu den lächerlichsten Jrrthümern führt. Im Gedränge stoße ich einen vornehmen Herrn. „I beg your pardon, Sir!“*) rufe ich höflich; da kichert'o rings um mich her und ich werde jetzt erst gewahr, daß ich eine Wachsfigur gestoßen, welche Lord Palmerstvn darstellt. Dadurch irre gemacht, halte ich einen lebenden Landgeistlichen, der gleich mir Zuschauer war, für eine Nachbildung des Yicar of Wakefield und zupfe ihn an der Nase, worüber Jener natürlich nicht wenig entrüstet ist. Noch voller Aufregung darüber, sehe ich plötzlich Ihr Bild, Herr von Wolfseck, genau so wie Sie vor 25 Jahren ausgesehen haben. Voll Erstaunen betrachte ich das Bild; da fängt es an zu sprechen und fragt mich im guten Englisch, warum ich es so anstarre. „Herr von Wolfseck!" rufe ich. Da wird der junge Mann über und über roth und sagt in deutscher Sprache: „Sie irren, mein Herr, so heiße ich nicht!" Spricht's und läuft eilig davon und verschwindet im Gedränge. Mir aber war's, als hätte ich Sie sprechen hören, ganz der Ton Ihrer Stimme. Da durchfährt's mich wie ein Blitz: das ist kein Anderer als Ihr Moritz!" „„Kann sein, kann sein,"" sagte Wolfseck nachdenkend. „„Wie war denn sein Aussehen, wie waren seine Manieren?"" „Er hatte das Aussehen und die Manier« eines Gentleman." Herrn von Wolfseck litt es nicht mehr auf der Börse. Er eilte nach Hause zu seiner Gattin. „Auguste," rief er dieser entgegen, „endlich, endlich eine Spur von unserm Moritz." Auguste erbleichte; doch faßte sie sich, während ihr Herr von Wolfseck mittheilte, was er von Bernstein vernommen hatte. „Und auf solch eine vage Vermuthung hin," fragte Auguste, „glaubst Du die Spur des Verlorenen finden zu können? Und gesetzt, er wäre in London — wie soll man ihn aufsuchen unter mehr ab? zwei Millionen Menschen!" „„Auguste, ich begreife Dich nicht! Statt mich anzueifern, sofort nach London zu reisen und Dir Deinen Sohn zurückzuholen, suchst Du mich davon abzuhalten? Ist er in London, so werde ich ihn schon herausfinden. Unsere Gesandtschaft wird mich unterstützen , und der Mann Deiner Jugendfreundin, der London genau kennt, wird mir behilflich sein."" Auguste athmete auf; würde ihr Gatte die Vermittlung Löwenhaupt'S in Anspruch nehmen, so würde ihn dieser schon auf eine falsche Spur lenken und Moritz vor ihm verbergen können. Nur noch zwei Jahre mußte der Aufenthalt ihres Sohnes besten Vater verborgen bleiben; dann war Moritz majorenn uub der väterlichen Gewalt entwachsen. Unterdeß kam es nicht dazu, daß Herr von Wolfseck nach London reiste; sein Geschäft fesselte ihn an die Heimath. Er begnügte sich damit, sich brieflich au Löwenhaupt zu wenden und diesen zu ersuchen, nach seinem Sohne zu forschen. Bald kam die Antwort zurück, daß Moritz schwerlich in London sei, da Löwenhaupt fast alle dort lebenden deutschen Glaubensgenossen kenne und alles Erkundigen nach einem Moritz Wolfsohn oder von Wolföeck erfolglos gewesen wäre. Seitdem Wolfsohn in den Adelsstand war erhoben worden, verkehrte er viel im adligen Club der Residenz. Dort duldete man den Emporkömmling gern, weil sein Haus für seine Bekannten ein gastfreies war, weil seine guten Weine und seine feinen Cigarren denselben stets zu Gebote standen und weil er endlich häufig in uneigennützigster Weise seinen hochadeligen Freunden mit kleinen Darlehen aus ihren Verlegenheiten half. Zu diesen Bekannten der letzteren Art gehörte ein ehemaliger Cavallerieoffizier, ein Graf von Rieneck. Graf Walther von Rieneck war einer der ältesten Adelsfamilien des Landes entsprossen; seine Vorfahren waren schon zur Zeit der Ottonen turnierfähig gewesen. Aber das Geschlecht war im Laufe der Zeiten durch Verschwendung heruntergekommen. Walthers Großvater war Gesandter *) Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr!

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