Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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777 Wie soll es auch anders sein, wenn fast sämmtliche Läden am heiligen rot? geöffnet? Wo sollen da jüd. Soldaten, die an strenge koschere Kost gewöhnt, speisen? Als ich mich vor einiger Zeit in Stettin befand, wurde ich von einem Geschäftsmann eingeladen, den Freitg Abend bei ihm zuzubringen. Ich nahm die Einladung an und fand nach Beendigung des Gottesdienstes sein Zimmer beim Eintreten hell beleuchtet, die zwei Brode zum Segensprechen, und der Wein stand auf dem Tische. — Ich fand eine sehr freundliche Aufnahme bei der Hausfrau, welche aus einem echt jüdischen Hause stammt. Diese bedeutete mir, daß ihr Mann bald nach Hause kommen würde. — Es verfloß ca. 1 Stunde, und mein Freund erklärte mir bei seinem Eintreten, indem er mich willkommen hieß, daß er nach Beendigung des Gottesdienstes noch einmal in sein Geschäft hätte gehen müssen, ich sollte entschuldigen, daß er mich habe so lange warten lassen. Derselbe schenkte ein Glas Wein ein, sprach die Segensweihe über den heiligen na», und den Segen über das Brod. — Der Einladung zum Mitessen leistete ich jedoch selbstverständlich nicht Folge. — Dieser Mann gilt in Stettin für orthodox. Wir befinden uns gegenwärtig in der Zeit des Laubhüttenfestes; ob in Stettin 5 Laubhütten zu finden, bezweifle ich. — Für heute, da kurz vor nattf, schließe ich; mit Nächstem s. G. w. werde ich Ihnen Berichte über die Israeliten der Provinz Posen mittheilen. — Altona, 29. Sept. Der Tempel der hochdeutsch-israelitischen Gemeinde an der Breitenstraße ist einer Renovirung unterzogen worden, die vier Monate Zeit erforderte, und jetzt der Synagoge einen glänzenden Schmuck verleiht. Die getroffenen Neugestaltungen und Decorationen bringen jeder bewährten Concurrenz und bieten besonders am Abend durch die äußerst elegante Beleuchtung einen überraschenden Eindruck hervor. Zn zwei Jahren feiert das genannte Andachtshaus den Tag, an welchem dasselbe vor 200 Jahren errichtet worden. Der Grundstein wurde 1672 gelegt und wenn das Gebäude 1711 der Wuth des Feuers, welches am 1. November dieses Jahres in Altona ausbrach und in der Breiten- und Langenstraße über 200 Häuser in Schutthaufen legte, zum größten Theil Widerstand leistete und den erlittenen Schaden bereits ersetzt hatte, als der unerbittliche Graf MagnuS Stenbock 1713 in der Nacht vom 8. bis 9. Januar die offene Stadt mit Fackeln und Pechkranzen bis fast auf 30 Häuser den Flammen preisgab, so entging das Bethaus auch dieser Gefahr, und zwar, wie es in der Ueberlieferung heißt, weil es der schwedischen Generalität — gleich der braunschweig-lüneburgischen Salzfactorei in der Elbstraße und dem de Ruyter'schen Hof auf Eifler's Feld (Johanniöftraße) — „Brandschatzung dafür bezahlete." — Don Interesse dürften auch heute noch sein die an der Ostseite der Synagoge eingemauerten Schwedenkugeln, welche von den Schreckenstagen damaliger Zeit hinlängliches Zeugniß ablegen. Frankfurt a. M. Zn einem hiesigen Lokalblatte lesen wir folgende interessante Notiz: Zn den hiesigen Lazarethen befand sich, wie man jetzt erfahren, aus einem religiösen Grunde, ein Vegetarier. Ein junger tapferer Mann, welcher eine schwere Verwundung davongetrazen, wies entschieden alle ihm gebotene Fleischspeisen zurück. Man wußte sich den Grund nicht zu erklären,', bis man endlich in ihn drang und nun erfuhr, daß er orthodoxer Jude sei, und während des ganzen Feldzugs auch nicht ein Stückchen Fleisch genossen. Daß sofort für den braven jungen Mann gesorgt wurde, ist selbstverständlich. Eine hiesige Familie versteht ihn mit dem nöthigen Essen. Oesterreichisch - Ungarische Monarchie. Wien. Herr Jonas Ritter v. KönigSwarter hat dem von dem Feldmarschall Erzherzog Albrecht gegründeten Darlehensfonds für k. k. Offiziere 20,000 fl. ö. W. in einheitlichen Staatsschuldverschreibungen gespendet. Prag, 6. Oct. Ist es auch bisher nicht gegelungen, rot Landtage eine Versöhnung der beiden Nationalitäten unseres Vaterlandes fzu erzielen, so waren wenigsten d'e jüdischen Deputirten darauf bedacht, anstatt in der Synagoge, in der LandtagSstube ein Stück ihres Versöhnungstages abzuhalten. Als man schon im Vorjahre daran Anstand genommen hatte, wußten streng verfassungsfreundliche Juden den Besuch des Landtages durch jüdische Abgeordnete am Versöhnungstage damit zu entschuldigen, daß mit dem Wegbleiben eines oder des andern der Beschlußfähigkeit ein Abbruch geschehen könnte. Heuer war dies anders. Die Deutschen waren bekanntlich in der Minorität, wichtige Debatten gab es an diesem Tage keine, zur Erzielung eines Abstimmungsresultates bedurfte es auch nicht der Juden und dennoch fanden sich alle jüdischen Landtagsabgeordnete pünktlich ein. Es liegt keineswegs in unserer Absicht, die jüdischen Deputirten, die am Versohnungstage weniger gesprochen, aber mehr geschrieben haben, für ihre religiöse Demonstration zur Rechenschaft zu ziehen, datz aber vr. Tedesco als Vorsitzender der jüdischen Cultusrepräsentanz, vr. Wiener als Mitglied derselben an einem Tage, der dem Juden als der heiligste gilt, im Landtagssaale erscheinen, kann und darf uns nicht gleichgiltig lassen. Beide Herren, die sonst vor den Wah-