Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1870)
- Date
- 1870-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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776 sie will tief empfunden werden. Ein Auszug dürfte die Jllussion vollständig zertrümmern; das wollen wir nur hervorheben, daß der verehrte Redner damit schloß, daß er des sel. Oettinger, Sachs und Rosenstein gedachte; ihr Andenken sei durch die Erbauung dieser Synagoge gesühnt. Zum Schlüsse fand die Sabbat-Weihe ftatt-l Nicht genug können wir Gott danken, daß es uns endlich möglich geworden, ein Gotteshaus zu besitzen, und uns in dieser Beziehung einer vollkommenen Unabhängigkeit zu erfreuen. Dank Allen, die dazu beigetragen. Indem wir die Gewiffensfreiheit Aller achten, wollen wir in keiner Weise provociren, denn wir haben es tief und schmerzlich empfunden, was das Wort Knechtung der Gewissen bedeutet, wie wir solche von jüd. Brüdern erdulden mußten. Jeden Kampf aber, welcher uns angetragen, wollen wir in dem Glauben und in dem Bewußtsein unserer guten Sache aufnehmen, und ihn mit Gottes Hilfe zu einem guten Ende führen. Der Lüge und der Denunciation, welche uns unsere heiligsten Güter entreißen wollen, wir werden ihr jederzeit kühn, ohne alle Menschenfurcht, entgegentreten; die fanatische Aufklärern, die ihr Banner erhoben, die das Wort Gottes als Menfchenwerk vernichtet, sie werden wir mit aller Macht bekämpfen. ein erbärmlicher Friede wird uns jederzeit fern sein, denn wir trauen dem Beistände dessen, der schon andere Feinde zu vernichten wußte. Am 28. des vergangenen Monats fand die feierliche Beerdigung des am 19. zu Pont L Mousson in Folge eines Sturzes mit dem Pferde, im 34. Jahre seines Lebens gestorbenen practischen Arztes, Ör. Herrmann Behrens, Sohn des Sanitätsraths und Polizei - Arzt vr. Behrens , statt. Eine zahlreiche Trauerversammlung, unter welche sich viele Aerzte befanden, gab dem Hingeschiedenen die letzte Ehre. Ergreifend war die Anwesenheit einer großen Zahl von Armen, welche er unentgeltlich behandelt hatte. Dem Verstorbenen stand eine große Zukunft bevor, denn er war einer der tüchtigsten, durch Humanität ausgezeichneten Aerzte Berlins. Gott hatte es aber in seiner Allweisheit anders gewollt. In der Rede, welche am Grabe gehalten, wurde hervorgehoben, daß im Hause seiner Voreltern einst Moses Mendelssohn gastliche Aufnahme gefunden. Die Beerdigung selbst fand nicht militärisch statt, da von Seiten der competenten Behörde der Grundsatz ausgestellt worden, daß nur die im Kampfe Gefallenen militärisch beerdigt werden dürfen. Ehre seinem Angedenken. In der Nacht vom 1. zum 2. Neujahrstage fand ein frecher Einbruch in der großen Gemeinde-Synagoge, Kaiserstraße 29, statt. Beim Oeffnen derselben fand man die Thora's auf der Erde liegen, ihrer silbernen Ornamente beraubt. Die übrigen Kostbarkeiten waren aber an einem sicheren Orte bewahrt und entgingen der Aufmerksamkeit der Diebe. Eine sofortige Anzeige bei der Polizei hat noch kein Resultat ergeben. Aus Stettin. Gleich den Städten Königsberg und Danzig betreibt die alte deutsche Stadt Stettin, durchflossen von 4 Armen der Oder, einen ausgebreiteten L>eehandel, an dem sich hauptsächlich Israeliten zur betheiligen. — Hier sieht man augenscheinlich, daß nur durch die Israeliten der Handel gehoben und zur Blüthe gelangen kann. Der Jude ist im kaufmännischen Leben die vermittelnde Person zwischen Käufer und Verkäufer. Die Juden in Stettin genießen eine sehr angenehme Stellung, geachtet von der christlichen Einwohnerschaft und nach dem Sinne Friedrich des Großen lebt hier Jeder nach seiner religiösen Idee. — Durch das Edict vom 11. März 1812 wurden die Schutzjuden Stettins als Staatsbürger erklärt, aber nur unter zwei Bedingungen, 1) daß sie Familiennamen annehmen, 2) daß sie ihre Handelsbücher und Verträge, welche rechtliche Wirkungen haben sollen, in einer lebenden Sprache führen und die Namensunterschrift nur deutsch oder lateinisch unter die betreffenden Actenstücke setzen; im Weigerungsfälle würden sie als Fremde behandelt. — Sechs Monate nach Publication des Edikts mußte die getroffene Wahl des Familiennamens vor der Obrigkeit erklärt sein, worauf der Betreffende einen Staatsbürgerbrief erhielt. Durch das Staatsbürgerrecht wurden den Juden eröffnet. der Kriegsdienst, die mit dem Staatsbürgerrecht in Verbindung stehenden Gemeindeämter, ausschließlich das Amt eines Bürgermeisters oder Oberbürgermeisters. — Wie gering damals der Antheil der Juden an dem activen Heere war, ergibt sich aus einem Rescript des Ministers des Innern, von Kamptz, vom 12. August 1817 wonach nur circa 240 Juden im stehenden Heere sich befanden. — Die Juden im Großherzogthum Posen leisteten damals keinen Kriegsdienst, während die Provinz Posen ungefähr die Hälfte der Juden Preußens damals in sich schloß. — Jetzt dienen in Deutschland circa 75,000 Juden. — Da ich den Kriegsdienst der Juden einmalj berührt und auch gerade über Stettin Ihnen heute berichte, so erlaube ich mir noch besonders das religiöse Leben in Stettin etwas zu beleuchten, um den schwierigen Stand zu erkennen zu geben, der einmal 150 jüd. Soldaten treffen könnte, wenn z. B. ein polnisches Regiment nach dort verlegt würde. — Wo sollten diese Leute koscher speisen? In den meisten süddeutschen und rheinischen Festungen ist noch ein orthodoxer Sinn, der in Stettin leider sehr wenig zu finden. — Des Samstags ist die Synagoge sehr leer und Herr Rabbiner Treuenfels predigt leider sehr oft leeren Bänken. —