Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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763 dann habe ich die Ehre in Ihren Augen!auch nicht vorangeschritten zu sein." „Sie sind im Jrrthume, mein guter Herr," versetzte der Sprecher, dem ich mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. „Auch ich, obwohl Arzt und in Italien erzogen und ausgebildet, liebe unsere Religion, verstoße nie östentlich gegen irgend ein Verbot unserer Thora, lebe in meinem Hause ganz koscher und schreibe nie meine Recepte am Ruhetage; allein was ich an den Leuten tadele, das ist ihre Gleichgiltigkeit für alles Hehre und Gemeinnützige. Sie sind zurück, indem sie einzig und allein dem Gelde huldigen, nie aber daran denken, sich und die Ihrigen, so wie die unter ihnen Stehenden zu einem ganzen, schaffenden, wirkenden Verbände zu einen. Sie halten oft mit eiserner Kraft an einem gar nicht in's Gebiet der Religion gehörenden Gebrauch und vernachlässigen dann wieder das Heiligste der Gebote." Es klang mir dies Alles so räthselhaft, so widerspruchsvoll, daß ich meinen geistreichen neuen Bekannten um Aufschluß in Bezug auf die eben gesprochenen Worte bat. Gerne that er es und gerne horchte ich ihm zu, immer mehr bezaubert von seiner fließenden italienischen Rede und von seinem rasch sich entfaltenden südländischen Temperamente. ,^Zch habe," fuhr er zu reden fort, „erst diese Woche ein Beispiel von der moralischen Sorglosigkeit der Juden Smyrna's erlebt, welche Sie schon darum sogleich erfahren sollen, weil gerade Ihre Ankunft uns bei unseren Bestrebungen, gegen jenes Uebel siegreich anzukämpfen, zu Nutze kommen soll. Doch ersuche ich um andächtige Aufmerksamkeit," sprach er, „denn Sie werden gewiß Dinge hören, die Ihnen trotz Ihrer Weltkenntnis neu sein werden." Ich verneigte mich stumm, und er begann. „Seit 10 Jahren wohnt hier ein gewisser Misrahis, welcher eine Privatschule halt; anfangs Tvurde seine Anstalt von Knaben und Mädchen besucht. Herr M. machte den Leuten weiß, er sei Magister aller Wissenschaften; man glaubte ihm. Daß er vor seiner Ankunft einmal Protestant gewesen sei, wer kümmerte sich darum? Fragt man im Morgenlande nach Herkunft, Heimath, Familie, nach Charakter oder Vergangenheit, hat er Li ras oder Paras, wie die Levantinischen Juden sagen, so ist das genügend. Besitzt er nur ... und mag tr früher alles Schlimme der Welt angestellt haben, so heißt er Gebir von Gottes Gnaden, da eben sein Emporkommen bei den Orientalen als eine Bevorzugung von Oben angesehen, einen natürlichen Respekt einflößen, muß. Misrahi konnte ungestört seine Anstalt eröffnen, die Reichen vertrauten ihm ihre Kinder an und das genügte, um selbst sein öffentliches Uebertreten der heil. Sabbatgebote mit Stillschweigen hinnehmen zu lassen. „Die Schule war stark besucht, die Zahl der Schüler und Schülerinnen stieg bis zu hundert. D« hörte man plötzlich von einigen Attentaten auf die Sittlichkeit, und M. mußte seine Mädchenschule aufgeben. „Allein der unverbesserliche Zünder schien nu» einmal die 0’3u:i cro zu lieben und — hjrribile dictu — zwang die Eltern, die größeren Knaben seiner Anstalt zu entziehen, damit dieselben von der schon um sich greifenden moralischen und physischen Verderbniß gerettet würden. Schon damals siel es keinem dieser phlegmatischen Väter ein, den Ruchlosen zur Verantwortung zu ziehen. Man ließ ihm nur noch Zöglinge im Alter von 6—12 Jahren, aber auch an diese wagte sich das Ungeheuer. Inzwischen hatte sich eine andere tragische Begebenheit zugetragen. Misrahi hatte seine Tochter bei sich, und diese verließ ihn plötzlich — indem sie durch das Fenster auf die Straße sprang. Ich war gerade im Theater, fuhr mein Erzähler fort, als man vor etwa drei Jahren zu mir kam, mit der Nachricht, M. habe sich die Gurgel eingeschnitten. Ich eilte hin und hatte das traurige Glück, diesen Nichtswürdigen vom Tode zu retten. Nachdem ich das Nöthigste gethan hatte, um den Verwundeten zum Leben zurückzurufen und seine Schnittwunde wieder zugenäht, fiel mein Blick auf einen Brief, der auf dem Tische offen lag und in dem ich sogleich die Schriftzüge von Misrahis Tochter erkannte. „Dieses Schreiben hatte M. bestimmt, sich das Leben zu nehmen; der Feigling hatte demnach nicht den Muth, seine Schande zu überleben. Ich dachte einen Augenblick an Reue, die den Missethäter zum Selbstmord geführt haben konnte; wie bitter wurden wir getäuscht. Unkraut verdirbt nicht. M. war bald wieder hergestellt, und konnte seine Schule wieder eröffnen! Man hatte ja Erbarmen mit dem Armen, der der Strafe Gyttes zuvorkommen gewollt — nun schien Alles gesühnt und die wilden wahrhaft thierischen Leidenschaften dieses Mannes konnten bald ihr verderbliches Spiel von Neuem treiben. Die Kinder aus reichen Häusern verblieben weiter seine Schüler." Schon lange hatte ich mit Unmuth der ganzen Darstellung solch schmählicher Dinge zugehört, jetzt wollte ich meiner Entrüstung den kräftigsten Ausdruck geben, doch mein1 neuer Bekannter ließ mich nicht zu Worte kommen. „Sie sind Deutscher," sagte er mir, „darum folgen Sie mir bis zum Ende und dann geben Sie mir den Eindruck kund, den unsre Angelegenheit auf Sie macht, ich sage unsre, da jeder in Smyrna wohnende Jude die Pflicht hat, die Gemeinde einmal von einem solchen Lehrer zu befreien. „Misrahi unterrichtet nun wieder seit drai Jahren, und erst jetzt wurden etwa dreißig Familienväter auf-