Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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7Ö2 mitten im 19. Jahrhundert und in einer französischen Kanzlei! Unsere Hoffnung ist auf Gott allein gerichtet; et wird zu dem Schutze unserer Brüder unsere deutschen Consulate aneifern, denn diese allein üben jetzt im Orient wahre Gerechtigkeit, und unsere norddeutschen Consuln sind eS, welche jetzt durch ihren Eifer für Recht und Civilifation sich hervorthun. Fragen Sie einen Europäer, welchen Schutz er andern vorziehe, so hören Sie einstimmig den Norddeutschen nennen. Mögen daher einflußreiche Brüder in Berlin die großartige Wellstellung Preußens benützen, um besten Einfluß für unsere Brüder im Orient aus die Dauer zu erhalten. Ben David. Amerika. New-Kork. Jüngst berichteten amerikanische Blätter, daß ein Jude nicht nach dem in den Vereinigten Staaten üblichen Eid, sondern bei einer neD min geschworen hat. Mit Recht sind die „Jew. Times" darüber empört, daß man von dem betreffenden zur Bekräftigung des Eides noch etwamehr verlangte, als von jedem andern Individuum. Aber daß die „Jew. Times" zugleich die Gelegenheit ergreifen, über die Orthodoxen und besonders über den „Jew. Mess.", der konservative Principien vertritt, herzufallen, beweist den Fanatismus der Reformer, die stets auf Verdächtigungen der Orthodoxie ausgehen- Wie wenn die orthodoxen Blätter je den Eid nach den mittelalterlichen Gebräuchen, wie er noch fast bis in die neueste Zeit ln Deutschland Usus war, vertheidigt hätten! Möge der Redakteur der „Jew. Times" doch sich die Mühe geben, iu den frühern Jahrgängen dieser Blätter hierüber nachzulesen, und er wird sich vollständig vom Gegentheil überzeugen können. i Feuilleton. Hrimtalijche Zustände. Eine außerordentliche Gelegenheit führte mich nach Smyrna, dem türkischen Paris, wie man es hier zu Lande zu benennen pflegt. Ausgerüstet mit vortrefflichen Empfehlungsbriefen an einige achtbare jüdische Häuser, kam ich dort an und fand eine warme Ausnahme bei einer ehrenwerthen Familie aus Corfu, welche seit mehreren Jahren in Smyrna ansässig ist. Dem religiösen Jehudi sind Recommandationsschreiben -unentbehrlich in diesen Gegenden, wo es keine jüdischen Garküchen gibt. Fragt man als Europäer nach einer solchen, so wird man mit großen Augen angestiert, dann höhnisch angelächelt uiä, wenn es gut geht, mit der inhaltsreichen Antwort „im franco pueda comer unde que quere,“ abgewiesen, b. h. auf gut deutsch, „ein Europäer kann essen koscher, trefah, für ihn ist ja Alles gleich." 'So geschah es dem Schreiber dieser Zeilen, welcher an einem Winter-Freitag Mittag nach sechstägiger Seereise und Dampfschiff-Fasten einen, zwei und vier seiner Glaubensgenossen in den Dardanellen um die Zubereitung eines Stückchen Fleisches — gegen gute Bezahlung — gebeten hatte: alle ohne Ausnahme verwiesen ihn aus das griechische Hotel und aus seine wiederholte Bemerkung, er sei Jude und wolle koscher, erhielt er immer obigen Bescheid. Ich überlasse es dem Leser zu beurheilen, ob es unter solchen Umständen für den gottesfürchtigen Jehudi angenehm sei, im Orient, zu reisen. Jetzt befremdet mich dies um so weniger, da ich meine Pappenheimer seit fünf Jahren kennen gelernt und bei denselben fast ein n'3 p geworden bin, obwohl ich mich des -m: oy immer noch rühme. Zudem habe ja nun stets einen Brief für Rüben und Schimeon, so daß ich getrost nach jeder türkischenGemeinde reisen kann; dort angekommen, klopfe ich an die Thüre dessen, der mir die ausgesuchteste Tafel zu halten dünkt. Uebrigens gibt's bei unseren Brüdern stets zubereitete Gerichte, bei den Spaniolen beginnt man schon am Dienstag die Speisen für Samstag herzurichten. Zu meiner Freude schien dies bei meinem Wirthe in Smyrna nicht der Fall zu sein, denn trotzdem ich dort Freitag Nachmittag angekommen^war, wurde ich sogleich mit guten, frisch zubereiteten Speisen bewirthet, denen ich auch tapfer zusprach, man ist ja fast halb ausgehungert nach einer viertägigen Reise zur See, wo wir gewöhnlich uns mit gesalzenen ehemaligen Wasserbewohnern unterhalten und diese haben gerade die Eigenschaft den aus der See an und für sich starken Appetit noch mehr zu reizen. Glücklicherweise hat die Seekrankheit immer noch;etne geheime Scheu vor mir und wagt sich selbst in ihren siegreichsten Stunden nicht an mich. — Nach der Mahlzeit versammelten sich um mich die angesehensten Mitglieder der Familie meines Wirthes und bald lenkte sich unser Gespräch auf die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Smyrna's. „Diese," sagte mir ein junger Dtann «sn etwa 28 Jahren mit einen paar feurigen Augen, aus denen hohe Intelligenz leuchtete, „diese sind recht trübe, denn die Leutö sind noch weit zurück." „Zurück?" erlaubte ich mir zu wiederholen. „Ich bitte mir darüber eine nähere Erklärung zu geben, verstünden Sie darunter etwa das Festhalten an den heiligen Geboten unserer Religion, das Nichtrauchen am Samstag, das Enthalten von unrituellen Speisen, <