Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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756 ^aS goldene Kalb an, liegt im Staube vor dem Moloch des Mammons, dem er seine Ueberzeugung und auch den Idealismus opfert, wird ein Wucherer und richtet so in der Gesellschaft wieder unendlichen Schaden an. Dagegen darf man die Frage stellen: War es der jüdische AhasvrruSgeist, der Montezuma in Mexiko verbrannte, um seine Schätze zu bekommen; der die Rothhäute in Amerika vertilgt, um ihre Jagd- und Weidegründe in Besitz zu nehmen; der das grüne Erin aussaugte und dem Hunger preisgab; der Indien martert und ihm Zucker und Kaffee abpreßt; der China durch Opium vergütet und die Südseeinsulaner mit Branntwein demoralisirt; der die Leibeigenschaft schuf, die Raubgier der Fürsten anstachelte und die Kirche in den Besitz unermeßlicher Schätze stellte? Dies ist doch auch Realismus, aber kein jüdischer. Der längst gehörte und lächerlich gewordene Sündenbock, daß sich die Juden der Presse bemächtigt haben, wird Natürlich auch von dem holländischen Geistlichen abgerilten, und sein Widersacher wird nur Beifall finden, wenn er auch in diesem Vorwurf wieder das unwillkürliche Lob des Judenthumes findet. Um sich in den Besitz der Presse zu setzen und ihn zu behalten, dazu gehört ein nicht alltäglicher Bildungsgrad, und wenn einzelne jüdische Journalisten -und Schriftsteller in's Lager der Reaktion übergelaufen sind, so ist daraus ein allgemeines Uriheil ebensowenig abzuleitcn, als wenn man um einzelner unwürdiger Vertreter irgend eines Standes willen, z. B. des geistlichen, sofort denselben ganz verdammen wollte. Wenn unter den Juden Wucherer gefunden werden, so wird sss keinem billig denkenden Menschen, einfallen, alle Juden Wucherer zu nennen; wenn man von einem jüdischen Wuchergeist spricht, so spricht man damit in einem Athem auch ein verurtheilendeö Erkenntniß über die christliche Gesellschaft aus, welche in ihrer Unduldsamkeit diesen ahasverischen Wuchergeist beförderte und großzog. Dafür richte man einen Blick aus die Nationen, welche dem nüchternsten Realismus huldigen, England und Amerika, wie viele erhabene Denkmäler der Humanität besitzen sie und schaffen sie noch täglich? und vergleiche damit Spanien, Italien und Griechenland, die Länder der Poesie und des Gefühlslebens, in denen allerdings der Realismus noch keine Wurzel gefaßt hat. Ist der Jude der Realist par excellence, dann hat er den Zeitgeist, nachdem sich achtzehn Jahrhunderte gegen ihn gestemmt haben, schnell erfaßt und 'begriffen, jedenfalls schneller als die, welche ihm nun den Vorwurf eines unberechtigten Realismus machen. „Nun, dann betrachtet diesen nüchternen Realisten einmal in seiner Familie, mit seinem innigen, das Leben heiligenden patriarchalischen Ton; betrachtet den innigen Brudersinn, der sich beim Juden in Kirche und Schule, im Glück und Unglück offenbart; die rührende Fürsorge für Wittwen, Waisen, Kranke und Gebrechliche; lernt den Unterschied kennen, wie der Jude seinen Sabbath und seine Festtage feiert, und vergleicht damit die christliche Feier, die gewiß nicht immer und überall eine ideale ist, — wer dies Alles kennt, begreift und würdigt, wird der den Vorwurf des Realismus aufrecht erhalten?" Am Schluffe seiner glänzenden Darstellung bringt Moskowiter ein Beispiel aus der niederländischen Geschichte, das einen schlagenden Beweis dafür liefert, auf welcher Seite der verwerfliche Realismus zu suchen ist. Im Jahre 1635 kam ein junger und reicher Japaner, Homsiro, nach Goa und trat hier zum Christenthume über. Als er wieder nach Japan zurückkehrte, begleitete ihn Franz -kavier, ein Jesuit. Seinen Bemühungen gelang es, viele Tausende in Japan zum Christenthume zu bekehren, und dieses Reich schien ein Eldorado für Missionszwecke zu werden, weshalb die Zahl der dahinströmenden Dominikaner, Augustiner und Franziskaner immer größer wurde. Der Hochmuth, die Eitelkeit und die Habsucht der christlichen Missionäre sollte sie aber um die Früchte ihrer Arbeit bringen. Die kaiserliche Regierung in Japan begann die Christen grausam zu verfolgen, und zu Tausenden wurden dieselben hingerichtet. Zu derselben Zeit wurde m den japanesischen Gewässern ein portugiesisches Schiff von einem holländischen weggenommen; auf dem ersteren wurde der Brief eines vornehmen zum Christenthum bekehrten Japaners gefunden, der in hochverrätherischen Beziehungen zu der portugiesischen Regierung in Goa stand. Die Holländer übergaben den Brief den japanesischen Behörden, und es begann auffs Neue eine Christenverfolgung. Zur Verzweiflung gebracht, hatten sich die Christen in einem Kastell, Simabara, verschanzt, und schlugen die Angriffe der Japaner siegreich ab. In der Nähe lagen einige holländische Schiffe, um deren Beistand die.Japaner baten. Eines derselben leistete ihn; die Mauern des Kastells wurden zusammengeschosien, die Japaner eroberten die Veste, und am 12. April 1638 wurden 37,000 gefangene Christen enthauptet! Und dazu hatten Christen selbst die Hand geboten, einzig und allein, weil die Holländer sich dadurch das Monopol des Kupferhandels in Japan erhalten zu können glaubten. Dieser Realismus steht wohl einzig in der Geschichte da! Eine schlagendere und treffendere Antwort hätte der holländische Geistliche mit seiner Warnung, mit dem realistischen Ahasveruögeist nicht in Berührung zu kommen, nicht erhalten können. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.