Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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755 mit einzelne« jüdischen Characterzügen auSgestattet, dennoch seinem ganzen Wesen nach faetisch außerhalb des Judenthums steht; AhaSverus dagegen ist der Typus des materiellen Eigennutzes!, des Haschens nach Gewinn und Reichthum, der Kriecherei, der Verachtung und Geringschätzung des Ideals, er ist der Mann, der in der Synagoge steht, der nach Elle und Pfund miA und berechnet. Mit gerechter Entrüstung konftatirte die holländische Presse diese buchstäblich von der Wand herabgerifsene Beschimpfung des Judenthums, die um so mehr verletzen mutzte und ein um so gröberer Anachronismus war, als die Juden hier mit dem gesummten Volksleben in einer Weise sich assimilirt halten, wie dies nur in Folge der unbeschränktesten Duldung, welche die Republik gewährte, möglich geworden war. Hier fanden sie ein sicheres Asyl vor deutscher, französischer und spanischer Verfolgung, an den glorreichen Uyabhängigkeitskämpfen der Republik gegen Spanien und Frankreich nahmen sie den rühmlichsten Amheil, Mann für Mann, standen sie fest zur oranischen Partei, im Civil- und Militärdienst bekleideten sie hohe Aemter und viele Name« niederländischer Israeliten haben in der Wissenschaft einen guten Klang. — Der Handschuh, den christlicher Glaubenseifer dem Judenthum hingeworfen, wurde von diesem auch ausgenommen; der Secretär der jüdischen Gemeinde in Rotterdam, S. I. Moskowiter, trat in einer kürzlich erschienenen Broschüre als der Vertheidiger seines geschmähten Volkes auf; in edler, ruhiger Sprache und an der Hand der Geschichte, mit einer geradezu vernichtmden Kritik ließ er seinen Gegner durch die doppelte Mauer seiner Syllogismen und ungerechtfertigten Beschuldigungen Spitzruthen laufen, so daß unseres Erachtens die AhasveruSsage^, wenigstens in den Niederlanden, zu den gehässigen Zwecken der Intoleranz nicht mehr auSgebeutet werden kann. Wir erachten es deßhalb als keine undankbare Aufgabe, den Lesern den kurzen Inhalt der Broschüre, die hier ungemeines Aussehen gemacht hat, mitzutheilen; eS finden sich Gesichtspunkte in derselben, die wir noch nirgends ausgesprochen gefunden haben. WaS zunächst den Ursprung oder den thatsächlichen Grund der Ahasverussage betrifft, so schlägt diese den christlichen Principien geradezu m's Gesicht. Wie? der Stifter des Christenthums, der Liebe und Versöhnung gepredigt hat , der befohlen, auch die Feinde zu lieben, er sollte sich für eine ihm zugefügte, vielleicht einem religiös-fanatischen Gefühl entsprungene Beleidigung in der Weise gerächt haben, daß er seinen Feind zur gräßlichsten und grausamsten Strafe, die sich überhaupt denken läßt, verurtheilte i Dann wäre er sicherlich nicht weniger strafbar und sündig , als Ahasverus selbst, und das Chriftentbum hat der Reinheit und der Größe seiner Principen ein sehr ungünstiges Zeugniß ausgestellt, wenn sich eine solche Sage i« seinem Schooßr bilden konnte. Mit viel mehr Berechtigung könnte deßhalb Ahasverus als der Typus des Opfers der religiösen Intoleranz betrachtet werden, des Opfers, das von einem Volk und von einem Jahrhundert um das andere verstoßen und geächtet keine Ruhe findet und der lebendige Ankläger der Unwissenheit und des Aberglaubens aller Zelten ist. »Aber der wandelnde Jude ist zugleich der ewkge Jnde, der einer beispiellosen und grausamen VerUlgmßg achtzehn Jahrhunderte lang Widerstand geboten hat, nicht mit zäher Hartnäckigkeit allein, denn diese allein hätte es noch nicht gethan, sondern mit gläubigem Vertrauen auf den dem unterdrückten Volke gegebenen Segen, mit dem stolzen Bewußtsein, den lebendigen Protest gegen dm Polytheismus, in welcher Form derselbe auch auftrete» mag, zu vergegenwärtigen." Hat man den Widerspruch / in welchen man sich hineingelebt hat, nicht bemerkt, daß Ahasverus gar kein jüdischer Name, sondern ein persischer ist? Sonst, wenn ein Volk durch einen einzelnen Namen typisch dargestellt wird, wenn dadurch eine nationale Tugeick oder ein nationaler Fehler drastisch ausgedrückt werden soll, trägt dieser Typus doch einen bei diesem Volke sehr gebräuchlichen, nicht wie hier einm fremden Namen! Ahasverus ist aber der UrtypuS des kalten, nüchternen, allem idealen Leben entgegengesetzten Realismus. Zugegeben, das Judenthum repräsentier wirklich diese realistische Richtung; wer hat sie dann hervorgerufen? Doch sicher die Unterdrücker desselben. Und wenn in der That dieser jüdisch realistische Geist in Kunst, Wissenschaft und Literatur eine solche prädominirende Herrschaft auSübt, liegt in diesem Bekenntniß dann nicht ein ArmuthSzeugniß, das stch das Ehristenthum ausstellt? Das Judenthum, gering in Anzahl, von materiellen Hilfsmitteln so gut als entblößt, unbedeutend auf politischem Gebiet, stets mehr nur geduldet denn als gleichberechtigt behandelt, in vielen Ländern nicht einmal zugelassen, ein Tropfen im Ocean der Nationen — dieses Volk sollte im Stande gewesen sein, der civilisirten Welt dieses bestimmte Gepräge aufzudrücken? Eö klingt dieses Lob in der That schön, denn es kommt aus dem Munde eines Feindes. Also der Jude ist eS gewesen, der den Amerikaner, den Engländer und den Deutschen zu dem realistischen Menschen gemacht hat, der so glänzend absticht gegen den mystischen und fanatischen Spanier! Freilich — dies muß auch der Gegner zugeben — als Kaufmann, als Vermittler zwischen den verschiedenen Bedürfnissen der Völker, hat der Jude seine großen Verdienste; aber auch die Schattenseite tritt hier stark hervor. — sagen die Gegner, — er wird der Mann der Zahlen und des Rechnens, er betet