Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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653 sechs silberne Löffel; verkaufe sie; der Erlös wird eine Zeit lang, zugleich mit dem Ertrag von unserer Hände Arbeit, Vorhalten. Zeit gewonnen, Allegewonnen!" Frau Ruhdorf traten die Thränen in die Augen. „Diese Löffel," sagte sie, „sind das Letzte, was ich von der Habe meiner seligen Eltern noch besitze; sie sind mir ein wertheS Andenken. Ach, daß ich mich davon trennen soll!" „Liebe Mutter," sagte Martha, „ich werde morgen Wilhelmine von Wolfseck aufsuchen, ihr unsere Noth schildern und ... Naphtali war bei diesen Worten blaß geworden. „Vater," rief er, „wirft Du daS erlauben?" „Nein," entgegnete Ruhdorf, „ich werde daS nicht gestatten. Du, liebe Leah, trage die Löffel ins Pfandhaus. Vielleicht werden wir sie bald wieder einlösen können!" In diesem Augenblicke klopfte eS an die Thüre. Als man „Herein!" gerufen, öffnete sie sich, und ein altes, eisgraues Männchen trippelte herein. „Guten Abend, Rebbe Schimon!" rief es, „guten Abend, Frau Leah, guten Abend, Kinder! Noch so fleißig? In später Nacht? Entschuldigt nur, Ihr lieben Leute, daß ich noch so spät komme!" „Sie sind uns immer willkommen, Herr Dennhardt", sagte Frau Ruhdorf, ein Stuhl hinschiebend, „bitte, setzen Sie Sich!" „ So?" fragte der Angeredete, „„ich bin Ihr immer willkommen? Glaub's kaum! Es war eine Zeit, da ich Ihr nicht willkommen war! Denkt Sie nickt mehr an den Korb, den ich mir vor zwanzig Jahren von Ihr geholt habe? Nun, nun, Sie weiß, ich habe es Ihr nicht nachgetragen! Wenn ich eine junge Mad*) gewesen wäre, ich hätte auch lieber Rebbe Schimon Ruhdorf als den alten Löb Dennhardt genommen, der damals schon kein Kind mehr war. Doch lasten wir die alten Geschichten. Warum ich eigentlich so spät komme, das ist um den Goldjungen, den Naphtali. Vor einer halben Stunde habe ich erst gehört, daß er nicht mehr bei Bernstein ist. Bei Hanauer in der Restauration, wo ich zu Nacht esse, war die Rede davon. Halt, denke ich, ich suche schon lange einen zuverlässigen Menschen und daS ist der Naphtali; den laste ich mir* nicht entgehen. Und so bin noch hergelaufen in spater, nachtschlafender Zeit. Aber sag' einmal Naphtali, was hast Du mit Herrn Bernstein gehabt? war doch zufrieden mit Dir?" „Ich habe mich mit ihm entzweit!" antwortete Naphtali verlegen. „Chalaumauß mit Backflsch!" rief Dennhardt, „wie heißt: entzweit? Wissen will ich, was Ihr mit einander vorgehabt!" *) Maid, Mädchen. „Ich kann Ihnen nichts Näheres sagen." „„Du kannst mir nichts Näheres sagen? Die Welt munkelt Allerlei; aber ich glaub's nicht; ich kenne Deinen Vater und Deine Mutter, und ich habe auch Dich beobachtet.', ohne daß Du'S gemerkt hast.. Du hast nichts Unrechtes gethan oder gewollt. Wen» einer was Unrechtes gethan hat, so ist's der Bernstein. Den kenne ich, den kenne ich genau; ich habe schon seinen Vater, den alten Mauscheh Bär gekannt^ der sich nachher den Namen Bernstein zugelegt hat. Dem Tobten mag man die Wahrheit nachsagen — doch lasten wir die Todfen ruhen!. Und dieser Kaufmann Bernstein? Nun genug, ich kenne ihn. Also Du kannst mir nichts Näheres sagen? Weißt Du was Neues? Ich will gar nichts wissen! Ich kann mir ganz gut denken, daß er daS Geld seiner Schwägerin unterschlagen wollte, und daß Kaufmann Bernstein wider Willen in den saure» Apfel beißen, der armen Schwägerin das Geld herausgeben mußte, und daß er nun seinen Zorn und steine Wuth an Naphthali Ruhdorf ausläßt. Habe ich Recht oder nicht?"" „Herr Dennhardt, ich kann mich wirklich darüber nicht äußern."" „„Ist auch gar nicht nöthig; ich weiß, was ich weiß. Doch nun zur Hauptsache. Ich bin ein alter Manu und kann meinem Geschäfte nicht gut allein mehr vorstehen. Solch ein Korn-Makler, wie ich muß laufen und rennen und schwätzen, muß hinten und vorn sein, und .daS können die alten Knochen nicht mehr so recht vertragen. Außerdem müssen meine Bücher in Ordnung gehalten werden und da» wird mir beschwerlich; wenn ich meine Geschäfte abgemacht habe, so will ich mich ausruhen. Durch die Eisenbahnen und die Telegraphen habe ich auch mit Auswärtigen zu thun bekommen, muß Briefe schreiben. muß Depeschen abschicken. Ich gehe lieber drei Gänge, ehe ich einen Brief schreibe; und nun gar die Depeschen! Mache ich sie lang, wie einen Brief, kosten sie das Dreifache, mach' ich sie kurz, was sie so Depeschenstyl nennen, so versteht sie mein Geschäftsfreund nicht, lieft manchmal das Gegentheil heraus. Kurz und gut, ich brauche einen jungen, geschickten, zuverlässigen Mann. Willst Du mein Gehilfe sein, Naphtali?"" „Von Herzen gern!" „„So höre meine Bedingungen: ich übergebe Dir die Commissionen, die mir zu viel Mühe machen würden. Von Allem, was Du allein besorgst, bekommst Du den halben Rewach (Gewinn.) Meine Bücher aber mußt Du umsonst führen, meine Briefe mußt Du umsonst schreiben, die Depeschen mußt Du umsonst aufgeben. Bist Du's zufrieden?" " „Ich bin's zufrieden." „„So komm' morgen früh. Gute Nacht beisammen!""