Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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gibt, und über welche so Viele, leider, gedankenlos dahineilen. Die Spekulation bemächtigt fx6> der jüdischen Festeszeilen, Und fast sämmtliche Zeitungen sind voll der Anzeigen, daß in diesem und jenem öffentlichen Lokale, „zu den hohen Feiertagen, jüdischer „Gottesdienst mit Predigern und guten Chalanim „stattfindet; daß die Herren- und Damenplätze von „ausgezeichneter Beschaffenheit, u. s. w." Es versteht sich von selbst, daß cs jüdische Männer sind, die auf die Synagogennoth, von welcher wir früher, bei Gelegenheit der Zacharias-Synagoge, ein kleines Bild gezeichnet, ihre Spekulation gerichtet haben. Wir können und müssen dieses Treiben als ein nicht zu rechtfertigendes kennzeichnen, denn es sind Vergnügungs- Lokale sehr gemischter Natur, in welchen die Feier der heiligen Tage stattsinden soll. — Mag die gottesdienstliche Feier eine noch so korrekte sein, mögen die Herren Prediger der imprvvisirten Gemeinden wie mit Engelzungcn das Wort Gottes verkünden, und mit den feurigsten Reden die Gemüther der Anwesenden erfassen und erschüttern, die religiöse Wirkung kann nur eine sehr untergeordnete sein, denn der Gedanken, welche Klänge der Musik am gestrigen Tage gerauscht, welch e Gesellschaft es gewesen, die sich dem ausgesuchtesten Vergnügen hingegeben, und welche feierliche Handlung heute stattfinden soll, dieser Gedanken kann man sich nicht entäußern, hierzu gehört mehr denn menschliche Kraft. Wir klagen die Herren Spekulanten nicht an; ihnen ist es gleichgültig, ob sie in Lombarden und Amerikanern, in Rumänen oder in Synagygen-Noth spekuliren, es ist einmal ihr Geschäft, in ihren Geschäften wollen sie Geld verdienen, und in Geldsachen hört alle Gemüthlichkeit auf, sagt schon Hansemann. Aber den Vorstand der jüdischen Gemeinde, i h n klagen wir an, ihn trifft die Verantwortlichkeit, seine Sache ist es, der Synagogen-Roth ein Ende zu machen, nicht aber sie zu verewigen. In der Oranienburger Straße ist ein maurischer Tempel, ausgestattet mit wahrhaftiger Pracht, ein Wundergebäude, es repräsentirt eine Million Thaler. Warum sind statt dieses maurischen Tempels nicht einige größere jüdische Synagogen, fern von aller Ueberladung gebaut, um die so gräßliche Synagogen-Noth zu paralysiren? Diese Alhambra im strahlenden Glanz der Lichtei, diese rauschenden Klänge der Orgel, diese Sängerchöre, sie wissen wohl diejenigen zu fesseln, welche im religiösen Sinnengenuß Befriedigung suchen und finden; aber diejenigen, die ihren Gott im religiösen Ernste, im inbrünstigen Gebete suchen, sie müssen die Stätte meiden, welche die Religion der Zukunft repräsentiren soll, diese Religion, die alles, alles besitzt, aber nur keine Zukunft! Doch wir können es nicht ändern, wir haben für den Giftstoff, der dort ausgestreut wird, nur ein Correctif, das heißt, Anschluß an die Adas Jisroel. Sie, die Adas jisroel, sie hat eine Zukunft, sie trägt das alte Banner mit hocherhobener Hand, sie fordert Ave auf, die ihrem unjüdischen Leben einen echten jüdischen Inhalt geben wollen, zu ihr zu kommen; ihr Banner, das ist die alte Fahne Israels, ihr, rznd nur ihr allein ist der Sieg und der Triumph über den Unglauben und das moderne Heidenthum Vorbehalten. Das Heil der Seelen kann nur durch sie und in ihr gefunden werden. Einer schlesischen Zeitung verdanken wir folgende schmerzliche Mittheilung: Der Staabsarzt im 46. Infanterie-Regiment, vr. Louis Schiftan (ein Zehudr), wurde bei aufopfernder Ausübung seines Berufs, während der Schlacht bei Sedan, auf demSchlachtfelde von einer feindlichen Kugel in die Brust getroffen, und verschied nach langen Leiden in den Armen seiner zur Pflege herbeigeeiltfn Gattin in dem Lazareth zu Mongeö. Am 18. dieses Monats wurde er auf dem israelitischen Friedhofe zu Breslau beerdigt. — Friede dem Hingeschiedenen! Als im Jahre 1865 die neue Synagoge eröffnet wurde, erschien ein Machsor für den öffentlichen Gottesdienst, mit der Bezeichnung, nach dem Ritus der neuen Synagoge, von vr. I. Aub, herausgegeben. Was es mit demselben für eine Bewandtniß, und welche interessante Belehrung man aus demselben schöpfen kann, das wollen wir für eine spätere Erörterung uns Vorbehalten. Nach Verlauf von fünf Jahren erscheint nun ein israelitisches Gebetbuch für den öffentlichen Gottesdienst, im ganzen Jahre, bearbeitet von vr. A. Geiger, in der Gerlchelschen Buchhandlung. - Wir wundern uns, wie es möglich sein könnte, in eine und dieselbe Synagoge nach nur fünf Jahren ein neues Gebetbuch einführenzu können, während unser ehrwürdiges, uraltes Gebetbuch für die Gesetzes treuen ein Heiligthum ist, und denen, die wahrhaft Trost und Erbauung suchen, solche im reichlichsten Maaße darbietet; doch da in unserer jüdischen Gemeinde so manche Experimente schon gemacht wurden, mußten wir uns beruhigen. Da erläßt nun mit einem Male die Bernsteinsche Buchhandlung eine Bekanntmachung, in welcher sie zum Kauf des Aub'schen Machsor auffordert, und verbindet damit folgende, mit gesperrter Schrift gedruckte Bemerkung: Nur dieses Gebetbuch ist in der neuen Synagoge eingeführt und in Geltung. — In welcher Lage befinden sich nun diejenigen, welche das Geigersche Opus gekauft haben; welche ehrwürdige und unfehlbare Versammlung wird nun diesen Zwiespalt lösen? Es ist ihre Sache. Unsere modernen Reformatoren haben nun einmal keine Ruhe, sie möchten gar zu gern ihre edlen und hochwürdigen Häupter mit den Lorbeeren eines Luther schmücken. Sie möchten es, aber sie können es nicht. Luther war ein Ehrenmann, er