Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Erste Beilage z« Nr. 40 & 41 des Israelit. Leitender Artikel. Briefe u. Wachrichten vom Kriegsschauplätze. XIX. Mainz, 28. September. Wenn wir auch vom Kriegsschauplätze, Dank sei dem Allmächtigen, der den deutschen Waffen den Sieg verliehen, ziemlich weit entfernt sind, so gab eS doch eine Zeit, in welcher wir demselben nahe waren und sehr fürchten mußten, die Gräuel des Krieges in der Nähe kennen zu lernen. Damals durften wir über die Vorgänge am hiesigen Platze nichts mittheilen. Das war die Introduktion des Krieges, daß sämmtliche Redacteure hiesiger Blätter — auch der Herausgeber des „Israelit" — auf das Stadthaus beschieden wurden und die Instruction erhielten, über hiesige Vorgänge nichts zu berichten. Wir glauben kaum, daß der Feind aus den Mitthcilungen des „Israelit" irgendwie hätte Nutzen ziehen können. Nichtsdestoweniger mußten wir uns sehr in Acht nehmen und Manches unreferirt lassen, was zu indirecten Schlüssen hätte Anlaß geben können. Wir hahen auch jetzt nicht die Absicht, das Alles, was nunmehr veraltet wäre, nachträglich mitzutheilen; nur Einiges, was Juden und Iudenthum berührt, und was auch heute noch für unsere Leser von Interesse sein wird, mag hier noch berichtet werden. Der Ausbruch des Krieges Gn»ön hatte die deutschen Grenzländer in Angst und Schrecken versetzt; Mainz wurde sofort armirt und verproviantirt. Zweimal war unsere Stadt der Sitz von Hauptquartieren. Zuerst hatte der Oberbefehlshaber der 2. Armee, Prinz Friedrich Carl, hier sein Hauptquartier aufgeschlagen; später weilte Se. Majestät, der König, mit dem großen Hauptquartiere in Mainz. Der König sagte zu den Ihn begrüßenden Abgeordneten der Stadt, daß Mainz sich auf ernste Ereignisse gefaßt machen müsse und daß es in eine bedenkliche Lage kommen könne. Viele Familien verließen die Stadt. Die Glacis wurden theilweise rasirt, alle Zugänge mit Pallisaden verrammelt, auf allen Schanzen Kanonen aufgefahren. In der Synagoge ordneten wir besondere Gebete an, die noch gegenwärtig täglich zweimal verrichtet werden. Unterdeß gewann die Stadt ein äußerst kriegerisches Aussehen. Hier war es, wo sich ein großer Theil der deutschen Armeen formirte. Tag und Nacht zogen die Truppen durch die Stadt; ebenso die Pro- I viantcolonnen, die Geschütze, die Munitonswagen, die Pontons u. s. w. u. s. w. I Daß viele jüdische Soldaten hier garnisoniren abwechselnd an 200, .manchmal noch vorüber — haben wir unfern Lesern bereits mitgetheilt. Sie alle erhalten jüdische Kost, und können wir die Liberalität der höchsten Festrmgsbehörden, Sr. Durchlaucht, des Prinzen Holstein, Gouverneurs hiesiger Festung, und Sr. Excellenz des Generals von Hanneke, Commandanten derselben, nicht genug rühmen. Mit der größten Bereitwilligkeit gestatteten sie nicht allein die Dispensirung der Israeliten von der Militärmenage, sondern sie bewilligten auch, daß dieselben statt der zu liefernden Naturalien an Fleisch, Speck rc. eine Compensation in Geld erhalten. Für die hohen Feiertage haben wir eine besondere Synaqoge für die Soldaten in unserer Unterrichtsanstalt eingerichtet; Herr Buchhändler Kaufmann in Frankfurt a. M. hat uns zu diesem Zwecke eine große Anzahl dnnno leihweise überlassen; Herr Michael Cahn und Herr. Moses Koch fungirten als Vorsänger; Herr Jakob Sänger, war ypin bsrs. Hier beteten sie in heißer Andacht die Neunzehner (aus der Provinz Posen), die Siebenundachtziger (aus Hessen-Nassau), die Einundachtziger (aus Kurhessen), die Zweiunddreißiger (aus Thüringen, Hessen, Sachsen und Westphalen), die Siedenundsechziger (aus der preuß. Provinz Sachsen), die Dreißiger und außerdem Artilleristen, Pionniere, Bäcker rc., sowie einige ReconvaleScenten, die in verschiedenen Schlachten verwundet worden waren. Der Herausgeber dieser Blätter hatte auch der gefangenen Franzosen gedacht. Auf seine Bitte wurden die Israeliten unter denselben während der Feiertage von der Arbeit dispensirt, und ein Erlaß Sr. Durchlaucht, des Gouverneurs, ermächtigte ihn, im Zeltlager Gottesdienst abzuhalten. Nicht weit von der Stadt, innerhalb der Festungswerke, ist nämlich auf dem Rücken eines Berges ein Zeltlager errichtet, wo ungefähr 6000 französische Soldaten internirt sind. Ein zweifacher Cordon ist um das Feldlager gezogen, und der Zutritt ist dem Publikum strenge verwehrt. Am 23. d. M. machten wir uns Morgens früh um 6 Uhr gleich nach dem Frühgottesdienste in Begleitung des Synagogendieners, Herrn Moses Marx, auf den Weg, um uns nach den israel. Gefangenen umzusehen. Von den Vorposten wiederholt angehalten, bahnte unS unsere von Sr. Durchlaucht, dem Gouverneur, eigenhändig ausgestellte Legitimations-