Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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748 Mahnung sein, daß ich die 3750 Thlr. ihr auSzahle?" Naphtali schwieg. „Höre Naphtali," fuhr Bernstein zu reden fort, ^ich habe mir die Sache überlegt. Soll ich dem Weibe VaS viele Geld geben, damit sie es wieder verthut? Nein, ich werde es für die Kinder wegsetzen, Zinsen zu Zinsen schlagen, damit die Kinder meines Bruders, wenn sie einmal erwachsen sein werden, etwas Ordentliches besitzen." „Und bis dahin," fragte Naphtali, „wollen Pie die Wittwe und die Kinder in Hunger und Elend verkommen lassen? Und wer gibt Ihnen das Recht, diesen Unglücklichen ihr Eigenthum vorzuenthalten?" „„Setze dich lieber Naphtali, wir wollen die Sache tn Ruhe besprechen."" „O, Herr Bernstein, geben Sie der armen Wittwe wa6 ihr gehört! Sie würden sie und ihre Kinder dem Leben, der Gesundheit, der Freude wiedergeben!" „„Du bist ein guter Junge. Wie alt bist Du jetzt, Naphtali?"" „Ich Zähle sechszehn Jahre." „„Ein sechzehnjähriger Buchhalter mit vierhundert Thaler Gehalt! Allein Du verdienst es, Du bist fleißig, geschickt und brav. Ich werde Dir von heute <m 800 Thaler geben."" „Herr Bernstein, Sie sind zu gütig! Wie wird sich mein armer Vater freuen! Sie sind unser Wohltäter, Herr Bernstein. Möge Ihnen Gott all das Gute vergelten, das Sie uns erweisen!" „„Keinen Dank, lieber Naphtali, keinen Dank. Du weißt, ich thue gern Gutes. Uebrigens verdienst Du den großen Gehalt. Meinem vorigen Buchhalter gab ich auch achthundert Thaler und er leistete nicht so viel wie Du. Thue mir aber auch einen Gefallen. »Sprich nicht mehr von der Angelegenheit mit meiner Schwägerin; lasse mich das Arrangement so treffen, wie ich es * mir vorgenommen habe; es ist ja zum ^Besten der Kinder!"" „„Lieber, bester Herr Bernstein, gehen Sie einmal mit mir zu der unglücklichen Frau und überzeugen Sie Sich von ihrem Elend. Sie hat ihr Mißtrauen gegen Sie genug gebüßt." „„Meinst Du? O, nein, ich kenne sie, die ist unverbesserlich; sie würde es heute noch gerade so machen."" „Und wenn auch, so dürfen Sie dennoch ihr und ihrer Kinder Eigenthum nicht zurückbehalten!" „„Wer will mick zwingen?"" „Ihr eigenes Gewissen." „„Mein Gewissen ist ruhig; aber Du, Du würdest «ich verrathen?"" Naphtali schwieg. „„Naphtali, bedenke, was ich für Dich und die Deinen gethan, wie ich Euch dem Elende entriffen, indem ich Dir, einem Knaben, meinem Ausläufer, einen einträchtigen Posten übergeben! Wer hätte das noch gethan? Und Du, Du wolltest mich verrathen?" Naphtali fing an zu weinen. „Du bist ein guter Junge, Naphtali, gut gegen Deinen kranken Vater, gegen Deine arme- Mutter,, gegen Deine jungen Schwestern — und gegen mich wolltest Du sy schlecht,bandelnmich, verrathen?" Naphtali schwankte; "was sollte er thun? Was ging es am Ende ihn an? Brauchte er sich darum zu kümmern? . Und. wollte Herr Bernstein nicht das Geld für die Kinder anlegen? „Wenn Du mich verräthst," fuhr Bernstein zu reden fort, „so entlasse ich Dich aus meinem Geschäfte, und die Deinigen müssen darben Und hungern. Wenn Du aber verschwiegen bleibst, so gebe ich Dir einen Jahresgehalt von tausend Thalern." Jetzt wurde es auf einmal Naphtali klar, daß Herr Bernstein ihn bestechen wolle. „Nein, nein," rief er, „ich weise Ihr Anerbieten zurück. Gott wird meinen armen Eltern und Gvschwistern Helsen. Ich aber werde nur das thun, was Recht ist!" „Herr Ruhdorf" sagte Bernstein kalt, „Sie sind aus meinem Geschäfte entlassen. Gehen Sie." Naphtali ging. Noch an demselben Tage ließ Bernstein seine Schwägerin zu sich kommen, und machte ihr die Anzeige, daß aus einer alten, nachträglich eingegangenen Schuld 3750 Thaler zu ihrer Disposition ständen. Die ganze Welt pries Bernsteins Edelmuth. Und Naphtali? Niemand erfuhr von ihm den Grund seiner plötzlichen Entlassung- und wenn man Bernstein danach fragte, so zuckte er die Achseln. Die Welt erging sich in allerlei Vermuthungen, die gerade nicht Naphtali zum Ruhme gereichten; denn der Arme hat immer Unrecht. Unter diesen Umständen gelang es Naphtali nicht, eine andere Stelle zu erhalten. Der Winter war mit aller Macht hereingebrochen, die Theuerung erreichte einen bedenklichen Grad. Ruhdorf konnte noch nichts verdienen, sein Sohn war ohne Stelle — Hunger und Elend zeigten in der Ferne das grinsende Antlitz. Dennoch verzagten Ruhdorf und die Seinen nicht. Ihr Vertrauen auf Gott, den allmächtigen Helfer in > der Noth, stand felsenfest, blieb unerschüttert. (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'schen Hofbuchhandlung. — DarnpftSchnellpreffendruck von I. Gottsleben in Maüy.