Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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747 wollte, wurde es ihm anfänglich vom Oberlehrer desselben verweigert; nach vielen Mühen wurde ihm endlich am 13. September die Erlaubniß zum Eintritte in dasselbe angezeigt; sein Sohn ist der erste Israelit, der in dieses nationale Institut eintrete» durfte. (Jew. Chr.) F e tt I I I e t o n. Säen nnd Ernten. XVI. Die Versuchung. Einige Wochen nach den erzählten Begebenheiten kam Herr Bernstein sehr vergnügt in'S Comptoir. Er ließ sofort seinen Buchhalter in sein Privatkabinet kommen. „Naphtali," sagte er, „ich habe sehr erfreuliche Nachrichten bekommen. Eine alte Schuld, die ich schon vor zehn Jahren verloren gegeben habe, wird mir eingehen. Bolton und Co. in Hamburg haben vor zehn Jahren fallirt, und ich war mit 10,000 Walern an der Masse betheiligt. Die Schuldner haben damals abgemacht und 25 Prozent gezahlt. Jetzt ist Bolton plötzlich eine große Erbschaft zugefallen. Ein Oheim von ihm, der für verschollen galt, ist in Britisch-Ostindien gestorben und hat seinen Neffen zum Universalerben eingesetzt. Die Erbschaft beträgt mehr als 100,000 Pfund. Bolton, ein ehrlicher Mann, will nun alle seine Gläubiger bis auf den letzten Heller befriediaen; er kann das auch leicht, da seine Paffiva damals circa 180,000 Thaler betrugen, so daß er noch 135,000 Thaler nachzuzahlen hat. ES bleibt ihm dann noch mehr als eine halbe Million. Natürlich bekomme auch ich jetzt mein längst verloren gegebenes Geld. So, nun suche die alten Bücher herM und mache mir einen Rechnungsauszug, damit ich ihn nach Hamburg sende." Naphtali that wie ihm war geheißen worden. Nach einer Stunde trat er wieder in das P-rivatcabinet seines Principals. „Hier ist der Rechnungsauszug," sagte er. „Aber wisien Sie, Herr Bernstein, daß die Hälfte von dem einzunehmenden Gelde Ihrer Frau Schwägerin gehören wird?" „Was!" rief Herr Bernstein von seinem Stuhle emporspringend, „das kann ja nicht sein. Bolton und Co. haben ja «ft nach Wm Tode meines Bruders fallirt!" „Doch nicht, Herr Bernstein. Sehen Sie her, hier ist der Verlust vor dem Tode ihres Bruders notirt, und in der Abrechnung mit Ihrer Schwägerin ist dney Verlusteonto mit 3750 Thalern bezüglich des Boltonaschen Falles belastet." Herr Bernstein biß stch in die Lippen, er -erinnerte sich jetzt, er hatte sich damals gesagt, daß die. Erben seines Bruders jenen Verlust mittragen müßten U«d hatte, um keine Weitläufigkeiten zu haben, da- Datum zurückgeschobey. Das aber durfte sein Buch» Halter nicht erfahren; er faßte sich daher rasch und sagte: „Ja» ja, eS ist so; ich sehe eS. Nun, wir wolle« warten, bis das Gckd eingegangen ist. Bis dahin» sprich nicht davon." Acht Tage nachher ging die in Rede stehende Summe in guten Wechseln ein; aber vergeblich wartete Naphtali darauf, daß Bernstein seiner Schwägerin das Geld zukommen ließ. Am andern Tage machte er der Wittwe Bernstein einen Besuch. Die unglückliche Frau bewohnte mit ihren Kindern eine elende Dachkammer. Die Kinder sahen erbärmlich aus, waren schlecht gekleidet und schlecht genährt; das Dachkämmerchen war nur wenig durchwärmt und Frau Bernstein selbst bot ein BiW des Jammers. „Ach." sagte sie zu Naphtali, „das Schlimmste ist mir, daß ich mir selbst Vorwürfe machen muß, da« Elend meiner Kinder verschuldet zu haben. Wenn ich nur ein kleines Kapital hätte, um irgend ein Geschäft beginnen zu können — ich würde Tag und Nacht arbeiten, um meinen Kinder ein besseres Loos zu bereiten." Seien Sie gutes MutheS," sprach ihr RaphtcSi zu, „der Allgütige ist der Beschützer der W'ttwen, der Väter der Waisen; Er kann Ihnen bald helfen." „Möchte es sein heiliger Wille sein!" sagte Frau Bernstein, und ihre Augen füllten sich mit Thräne». „Allein ich fürchte, ich stnde nicht eher Hwhe als im Grabe, und was soll dann auS meinen unglücklichen Kindern werden?" Ger« hätte Naphtali ber Wittwe von den guten Aussichten erzählt, die sich ihr bald bieten mußten; allein er gewann es über stch, darüber zu schweigen. „Mein Schwager," fuhr die Wittwe zu reden fort, „könnte uns leicht helfen; allein er ist unversöhnlich. Der Erfolg hat leider gegen mich entschiede»; -doch habe ich nicht sehr Unrecht gehabt, als ich darauf bestand, mein Vermögen aus seinen Händen zu nehmen. Ich hatte Ursache, ihm zu mißtrauen." Als Naphtali in das Comptoir seines Principal« zurückkchrte, suchte er diesen in seinem Privatcabiuet auf. „Herr Bernstein," sagte er, „ich war eben bni Ihrer Schwägerin. Dort herrscht ein grenzenlose- Elend. Mutter und Kinder sind in Gefahr vor Hunger und Kälte zu sterben!" „Das soll," entgegnete Bernstein, „wohl eine