Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 40-41 (5.10.1870)
- Date
- 1870-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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744 seltene sein wird. „ Du kannst Dir keinen begriff machen," fährt mein Freund fort, „von den Gefühlen, die mein Herz an diesem Rosch Haschonoh bewegten, als ich so mit meinen Waffenbrüdern vor dem Ewigen stand. Das traurige Handwerk, dem wir seit Wochen obliegen, hat unsere Hände allerdings mit Blut besudelt, aber dieses Blut ist.ja im Dienste einer großen Sache vergossen worden, und Gott, der ja unser Inneres kennt, sieht nicht auf unsre bluttriefenden Hände, sondern auf unser Herz. Und gerade unser Herz ist in dem Gewühle der Schlachten gottvertrauender, und glaubensfester geworden als mitten im tiefsten Frieden." Du kannst Dir nicht denken, wie ich von Sehnsucht nach dem lieben Elternhause verzehrt waro, besonders am Vorabende des Rosch Haschonoh, an welchem unsere ganze Familie sich stets versammelte, um ihre Wünsche für die Zukunft auszutauschen. Jetzt kann ich es beurtheilen, was es heißt, solche Tage friedlich bei den Seinigen zu verbringen. Jedenfalls war es für mich ungemein erfreulich, daß ich an diesen Tagen nicht genöthigt war dem unfreundlichen Kriegsdienst zu obliegen. Unsre kleine Gemeinde befand sich während des Gottesdienstes in einer sehr gehobenen Stimmung und Mancher hat sich wieder in diesen Tagen des Glaubens seiner Väter erinnert, der ihm seit Jahren fremd geworden war." XIV. Andern unserer im Felde stehenden Brüdern ist es nicht so gut geworden, wie denen in Ars für Moselle. Am ersten Feiertage haben sich Viele auf freiem Felde zusammengefunden und mit po gebetet; am zweiten Feiertage, am 27. Sept., an welchem Tage die Franzosen einen Ausfall-aus Metz machten, war die Division Kummer, und dieser gehört das 19. (2. Posensche) Infanterie-Regiment an, im offenen Kampfe engagirt. Bei dem genannten Regiment« befinden sich vorzugsweise viele Glaubensgenossen. Einer von ihnen schreibt uns: Der erste NeujahrStag war uns ein Feiertag, der zweite aber ein Feuertag; wir beteten, so gut es ging, während des Marsches gegen die einen Ausfall machenden Franzosen, die wir siegreich zurückdrängten. Gott hat uns gnädig beschützt. Von unserm Regimente fiel nur ein Mann, ein Unteroffizier, der eine Kugel durch den Leib erhielt; er starb nach wenigen Stunden unter den fürchterlichsten Schmerzen. Welch' eine entsetzliche Fefttagsfeier, einen werthen Waffenbruder, der noch vor kurzer Zeit voll frohen Lebens, so enden sehen zu müssen! Eine ergreifende Illustration des rurui l* — XV. Die „Augsburger Allgemeine Zeitung" enthält einen Bericht aus Montmirail, 17. September, der es sehr beklagt, daß es im Innern Frankreichs so wenig Juden gibt. Wir geben den Artikel hier, soweit er diesen Gedanken begründet wieder, indem wir ihn des spöttischen Gewandes entkleiden, in dem die A. A. Z. sich, selbst wenn sie die Nothwendigkeit unserer Glaubensgenoffen anerkennt, zeigen zu müssen scheint, wenn sie der Juden gedenkt. Die betreffende Stelle lautet: Heute schreibe ich Ihnen aus der Stadt, in deren Nähe der große Oheim am 11. Febr. 1814 noch den Ruffen eine für ihn glückliche Schlacht lieferte; mit dem Glück des kleinen Neffen aber ist es für jetzt und immer vorbei, denn ohne den geringsten Widerstand zu finden, haben heute vor acht Tagen unsere Truppen von Montmirail Besitz genommen. Auch hier klagen die Wirthe und Krämer über die Zügellosigkeit der ersten einrückenden Soldaten, welche einige Laden geplündert, Schränke und Kasten aufgeriffen, in die Keller gedrungen und dort die Fässer eingeschlagen hätten. Ich befragte die so klagenden: ob sie nicht etwa beim Einrücken der Truppen die Läden gegeschloffen, gehalten, und trotz Klopfens sich geweigert hätten, dieselben zu öffnen, und alle erwiederten naiv: Ja, so war es, weil wir Furcht vor den Preußen hatten. In dem Fall begreift es sich leicht, daß die müden erhitzten Soldaten von Axt und Gewehrkolben Gebrauch machten, um die Thür einzuschlagen, und dann um die Erfrischungsmittel nicht lange mehr baten. Für die Aufführung der später« durchgezogeuen Truppen aber haben die Einwohner nur ein Wort des Lobes und der Anerkennung: ils ont ete tres convenables et tres-gentils. Was die Soldaten außer der Ihnen zukommenden Naturalpfiegung, die keineswegs so ausgibig und so reich ist wie sie auf dem Papier steht, noch nehmen, bezahlen sie bereitwillig; allerdings ist hier herum nicht mehr viel zu haben, tenn Wein, Fleisch, Brod, Kaffee, Zucker, Branntwein, alles geht zur Neige. Der Maire dee Orts, ein sehr vernünftiger und bereitwilliger Mann, sagte zum Kronprinzen von Preußen, welcher in voriger Woche drei Tage hier im Schlöffe des Herzogs v. Larochesoucauld verweilte: »Königliche Hoheit! Sie müffen uns einen größer» Rayon eröffnen, aus dem wir Nahrungsmittel beziehen können, sonst hat nach einigen Tagen die Armee uns zu ernähren, statt daß wir sie ernähren." Nun, der weitere Bezugsrayon ist seither eröffnet worden, für die Verproviantirung der Bevölkerung selbst und des Heeres aber steigern sich die Schwierigkeiten in dem Maaße als das letztere concentrisch gegen Paris vorrückt. Einerseits ist das ganz natürlich, auf der andern Seite aber haben die unterBeamtenvormundschaft erzogenen Bauern bei allem wirklich vorhandenen guten Willen nicht die rechte Regsamkeit, das wahre savoir kaire; das Personal der Centralregierung hat sich überall aus dem Staube gemacht, und die Gemeinde-