Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1870)
- Date
- 1870-09-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Beilage z« Nr. 39 des Israelit. Zeitungsnachrichten nnd Correfpon denzen. Deutschland. Aus dem Odenwalde. (III. Th.) Wir wollen fortfahren der Pflugschaar gleich, welche die Erdscholle aufreißt und verwundet, um sie so empfänglicher zu machen für die auSzustreuende Saat, wir wollen diesem schlichten Winke der Natur folgend, fortfahren, die zahlreichen Schattenseiten unserer jüdischen Verhältnisse rücksichtslos aufzudecken, selbst auf die Gefahr hin, manchen Leser zu verletzen und zu verwunden. Je tiefer das Feld durchpflügt und gelockert wird, desto günstiger sind die Aussichten auf eine glückliche Ernte, aber thöricht, sehr thöricht würden wir den Landmann nennen, der aus Liebe zu seinem Boden und aus ängstlicher Besorgniß wegen des Ertrags sein Grundstück zu pflügen und zu durchfurchen unterläßt. Und wir sollten fürchten, der unverfälschten Wahrheit Ausdruck zu geben, weil sie einige, gleichgiltige Brüder auö ihrer Gleichgiltigkeit ausscheuchen, und ihnen die ganze Erbärmlichkeit ihrer Lage vor die Seele führen könnte? Nein und abermals nein! „Zions willen schweig ich nicht und Jeruschalajims willen rast ich nicht, bis wie Lichtglanz hervorgeht sein Heil, und seine Hilfe wie Fackelschein brennt." Ohne Zaudern wollen wir alles aufdecken, was zur Hebung und Klärung der Sachlage beitragen kann, und die Wahrheit, so herbe und traurig sie sich auch gestalten möge, keinen Augenblick unterdrücken. Denn Schweigen ist da Sünde, wo man sich den Verdacht zuziehen könnte, als billige man Dasjenige, wogegen man sich nicht entrüstet erhebt; schweigen hieße Alles das ruhig anerkennen, was doch so schmerzlich empört und verwundet, denn '»di rwnina np’ntp. Nein und abermals nein! Wir wollen nicht zu denjenigen Männern gehören, die nur Seufzer, und nichts als Seufzer haben für das geschändete Gottesgesetz, mvym rosyinn bD by d’pjkj™ o»nji«n D’tpjici ('13 b^pTrp) wir wollen thun, was in unsrer Kraft steht, wir wollen freimüthig reden. Mit welch blutendem Herzen ich dieser traurigen aber unabweisbaren Pflicht Nachkomme, das weiß nur der, zu dessen Ehre ich mich dieser Aufgabe und den damit verbundenen Verdächtigungen und Verleumdungen unterzogen habe. Er allein hat die Seufzer und Thränen gezählt, die ich hinausgehaucht und geweint habe über das Unglück meines Volkes; er weiß, daß es nicht böswillige Verleumdung und unedle Ehrsucht ist, welche mir die Feder in die Hand drücken. Dieses unerschütterliche B wußtsein gibt mir den Muth, die begonnene Dornenlese fortzusetzen, und so mögen denn für heute die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Beerfelden ihre Besprechung finden. — Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet. Dieser Ort macht, wie schon erwähnt, eine rühmliche Ausnahme von den Gemeinden der ganzen Gegend. Hier ist noch Sinn und Anhänglichkeit für mm vorhanden; die Leute sind mit einem Worte so fromm als es überhaupt bei den leidigen, jüdischen Verhältnissen, die hier herrschen, möglich ist. Wenn sie auch kein min hoi*? find, so find sie doch min oniit; uuv das wilk in einem Orte, der nur 3 Stunden von Michelstadt entfernt ist, viel heißen. Um so empfindlicher muß es aber berühren, gerade hier nicht das Prädikat zu finden, welches der königliche Sänger den „Freunden" der Thauroh vindicirt, den m diPc?. Schon seit Jahren herrscht hier wegen ursprünglich ganz genngfügiger Veranlassungen eine arge Spaltung in der Gemeinde, die schon sehr viel öffentlichen Aerger bereitet hat. Eine kleine aus etwa 5 Familien besehende Partei, hat sich von der etwa 30 Familien zählende Gemeinde losgelöst; weil sich letztere nicht kleinlichen Sonderinteressen fügen will. Viele angesehene Männer außerhalb der Gemeinde waren bemüht hier den Frieden herzustellen und haben die friedliebende Gemeinde zu allen überhaupt möglichen Concessionen veranlaßt, aber alles Bemühen ist an der Zähigkeit der Minorität gescheitert; und so nistet sich dieser Streit trotz aller von den obrigkeitlichen Behörden angestellten Vermittelungsversuchen täglich mehr und mehr ein. Welch schmerzlicher Anblick! Wenn es schon höchst traurig ist, daß religiöse Motive, jüdische Gemeinden zersplittern und schwächen, was soll man erst dann sagen, wenn ojti n&uttf gleichgesinnte, für unsre Emunoh warm fühlende Herzen trennt, und täglich mehr und mehr den Bruder vom Bruder entfremdet? Freunde, Brüder! Das muß anders, muß besser werden. Ihr solltet, ihr könntet eine Mustergemeinde sein, für alle Glaubensgenossen im Odenwalde; wollt ihr diesen hohen, heiligen Beruf dadurch einbüßen, daß ihr zäh und unerbittlich einander feindlich gegenüber steht? Reißt ihn heraus den alten Groll aus euren jüdischen Herzen; nehmt Euch ein Beispiel an der herzerhebenden Katastrophe, die sich augenblicklich in unsrem deutschen Vaterlande vollzieht, das durch seine Einheit groß und mächtig den Friedenstörer hoffentlich für alle Zeiten unschädlich gemacht hat. Vergeßt und verzeiht Euch gegenseitig alles Geschehene, so wie Ihr wünscht, daß der Vater im Himmel verfahren möge, wenn er zum