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Der Israelit · 1870-09-28 · Heft 39 (28.9.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 39 (28.9.1870)
Date
1870-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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728 zhier ist das Reisegeld; komme nur recht gesund wieder zurück." Dann erzählte er, daß er den Buchhalterpoften erhalten und sich den halbjährlichen Gehalt habe im Voraus auszahlen lassen. Vater und Mutter weinten Thränen der Frende. „Wie reich sind wir doch," sagte Simon Ruhdorf zu seiner Frau, „daß wir solch einen Cohn besitzen!" Bald war Alles zur Abreise gerüstet. Martha und Adelheid, die unterdeß größer geworden, versprachen das Hauswesen ordentlich zu führen, und wenige Tag nachher konnte Herr Ruhdorf die Wvhlthot des Teplitzer Bades erproben; und in der That, der Rath der Aerzte bewährte sich, so daß der. Kranke sichtlich gestärkt. nach vier Wochen nach Hause zurückkehrte. Er brauchte jetzt nicht mehr zu Bette zu liegen; aber sein Zustand war noch nicht derart, daß er irgend an «inen Erwerb hätte denken können. Als jedoch das halbe Jahr um war und Naphtali monatlich seinen Gehalt einnehmen konnte, da war die größte Sorge beseitigt. Naphtali hatte sich unterdeß in seinen Posten derart eingearbeitet, daß er Herrn Bernstein fast unentbehrlich wurde. Er war ein guter Mann, dieser Herr Bernstein; wohlthätig gegen Arme, gab er Jedem, der ihn um eine Gabe ansprach; er war auch religiös, soweit man es eben ohne große Unannehmlichkeiten sein konnte. Sein Geschäft war am Sabbat geschlossen, außer wenn gar zuviel zu thun war; da arbeitete er selbst mit einigen nichtjüdischen Commis, während die jüdischen jungen Leute immer an Sabbat frei halten; seine Haushaltung entsprach den Anforderung des jüdischen Religionsgesetzes; wenn er sich aber auf Reisen befand, da aß er an der tadle ck'döte im nichtjüdischen Gasthofe; er war in seinen Geschäften streng rechtlich; nur wenn er mit Bestimmtheit wußte, daß nichts davon an die Oeffentlichkeit komme, erlaubte er sich so manchen Vortheil, der vor dem Richterstuhl der Moral nicht zu verantworten war. Herr Bernstein war, wie bereits erwähnt, ein guter Mann, wohlthätig und liebevoll gegen die Armen. Nur gegen eine Familie war er hart, unerbitterlich hart, und das war die Familie seiner Schwägerin. Die Wittwe seines einzigen Bruders lebte mit ihren drei unmündigen Kindern in der bittersten Roth, ohne daß der reiche Herr Bernstein dazu zu bewegen war, sich ihrer zu erbarmen; im Gegentheil, Herr Bernstein nährte einen furchtbaren Haß gegen die unglückliche Frau. Das war so gekommen. Herr Bernstein war mit seinem Bruder associrt gewesen; derselbe war vor zehn Jahren gestorben und hatte seine Frau mit zwei ganz kleinen und einem noch ungeborenen Kinde zurückgelassen. Herr Bernstein wollte nun seine Schwägerin veranlassen, Theilhaberin am Geschäfte zu bleiben und ihr und ihrer Kinder Vermögen darin stehen zu lassen. Allein ein Bruder der Frau veranlaßt« sie, darauf zu bestehen, aus dem Geschäfte auszuscheiden und ihr Vermögen herauszuziehen. Vergebens stellte Herr Bernstein ihr vor, daß das möglicher Weise sein Ruin sei; er müsse das ganze Geschäft liquidiren, um ihren Antheil, einen Betrag von circa 30,000 Thalern herauszubezahlen. Die Wittwe, durch ihren Bruder mit Mißtrauen gegen ihren Schwager erfüllt, beharrte bei ihrem Verlangen. Nur mit den größten Anstrengungen gelang es Herrn Bernstein, die großen Summen dem Geschäfte zu entziehen ohne dieses ganz aufgeben zu müssen. Die Wittwe aber vertraute ihr Vermögen ihrem Bruder an, den sie zum Vormund ihrer Kinder ernennen ließ. Dieser meinte es auch ganz gut; allein er ließ sich in gewagte Speculationen ein, die mißglückten. Er selbst entfloh nach Amerika, und seine Schwester und ihre unglücklichen Kinder verloren ihr ganzes Vermögen. Die arme Frau mußte es bitter büßen, daß sie ihrem Bruder mehr als ihrem Schwager vertraut hatte; sie litt Mangel am Nothwendigsten, und kein Mensch konnte Herrn Bernstein bewegen, seinem Hasse gegen die arme Wittwe zu entsagen und sich ihrer zu erbarmen. Für die Kinder seines Bruders erbot er sich zu sorgen, wenn die Wittwe diese fremden Leuten übergeben wolle. Das aber konnte das Mutterherz nicht über sich gewinnen. „Sie hat mich zu tief gekränkt," sagte Bernstein, „ sie hätte mich ohne Erbarmen ruinirt; ich brauche deßhalb auch kein Mitleid mit ihr zu haben." Es war ein früher und harter Winter eingetreten. Die Wittwe Bernstein brauchte Feuerung, Kleidung und Brod; sie und ihre Kinder litten unter demjfurchtbarsten Mangel. Fremde Leute hatten Mitleid und veranstalteten eine Collecte. Herr Bernstein, um einen Beitrag angegangen, verweigert diesen. „Herr Bernstein," wagte Naphtali zu sagen, als die Collectanten sich nach einem harten Wortwechsel entfernt hatten, „Sie sind doch sonst ein so guter Mann! Warum wollen Sie so unversöhnlich gegen ihre Schwägerin sein?" „Naphtali," brauste Bernstein auf, „in dieser Sache verstehe ich keinen Spaß! Kümmere Dich nicht um Dinge, die Dich nicht angehen!" (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffmdruck von I. Gott Sieben in Mainz.

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