Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1870-09-28 · Heft 39 (28.9.1870) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 39 (28.9.1870)
Date
1870-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447447-2447486--08686-2464346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

725 niß ab von dem schönen Wirken der einstigen Eiferer für Gott und Religion. Aber wo sind heute mehr solche im 'p'irr? Sind sie nicht wie einzelne Perlen im Sande verschüttet zu suchen? Wundere Dich deshalb nicht, lieber Leser, wenn Du da. wo die heilige min ein versiegeltes Bach ist, statt Begeisterung nur Kälte und Leichtsinn für dieselbe findest. p« dn ntn» s'tt min, die Bequemlichkeitsliebe, diese Feindin der Religionspflichten, findet keinen mächtigeren Verbündeten als die Ignoranz, die Unwissenheit in Religionssachen! Religionsentweiher gibt es wohl überall und um solche, welche den heil. Satzungen der Religion Spott und Trotz entgegensetzen, aber offen Farbe bekennen, stimme ich heute keine Jeremiade an, denn sie täuschen nicht und dienen den Besseren nicht als Vorbild, sie können Israel eher stärken als schwächen, weil durch solche Reformhelden die Treuen zum Kampfe für die Religion, zum festen Zusammenhalten angespornt werden. Ohne Kampf kein Sieg und ohne solche Zeitmenschen wären nicht in neuerer Zeit solche glaubensstarke Gemeinden wie in Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Berlin re. entstanden. Ich klage nur über die Lässigkeit derjenigen, die noch n'ii.i' sein wollen und wenn man dies bloß von der Ausübung einzelner Ceremonialgesetze sagen könnte, auch wirklich wären — die Mord und Zeter schreien, wenn ein vns nach einem anderen gesagt wird, den Schlüssel zum Geschäftslokale aber am nat? nicht als nupiD betrachten oder sonst sich arge Verstöße gegen das jüd. Gefühl zu Schulden kommen lassen. Soll ich Dir, lieber Leser, ein Beispiel eines solchen Hesden vorführen? So höre und staune. Ein sonst als religiös renommirter Jehudi in dem nahen Dorfe R. — ein Greis von mehr als 60 Jahren — der noch dazu Mio und berufen ist wnaa ’"a D’jan!? bar, betheiligte sich am jüngsten Frohnleichnamstage an der Prozession der dortigen kathol. Gemeinde; ging im Zuge mit einer Kerze in der Hand, weil — man ihn als Mitglied des D orf-GemeinderatheS mit einer Einladung beehrt hatte. Ein auf Religiösität Anspruch machender jüd. Metzger gab, als man ihn des Mangels an warmem Eifer für die Religion beschuldigte, die sinnreiche (?) Antwort: „Ein wohlfeiles Kalb ist mir lieber". Siehst Du, lieber Leser, wie wenig es bedarf, daß Etwas bei solchen Schwächlingen einen höheren Werth als Erinnerung an wahre Religionsübung erhält? Es brauchen da nicht wie ehemals goldene, sondern nur wohlfeile Kälber zu sein, um Gleichgiltigkeit zu erregen und zum Tanze um den Gold- und Geldgötzen zu bewegen. Eine größere Kälte fürdas Heilige beiden Alten und sogar auf dem Lande wird sich schwerlich irgendwo mehr als bei den pfälz. Israeliten finden. Statt den Bequemlichkeitshelden der Jetztzeit, die jedes nmv bw abwerfen, eine mpn nach der anderen aufheben, ein Gebet nach dem anderen streichen, den Gottesdienst beschneiden, abkürzen und modelliren möchten, kräftig entgegen zu wirken, zuckt man die Achseln, coquettirt sogar mit den Zeithelden, denn diese Alten wollen nur Friede, nur Und man fügt sich, nimmt die Erleichterung im Gesetze an, ohne zu beachten, wie schwer dadurch die Seele belastet wird. Die Alten lernen von der Jugend und gewöhnen sich, derselben nachzuahmen. Und wenn schon in der Jetztzeit die Alten von der Jugend sich leiten lassen und in ihrem falschen Begriffe von Oidw ruhig bleiben, wenn man die y'tn nupn erst zu schwächen, dann ganz abzubringen sich bemüht, welche Zukunft steht Israel bevor, wenn einst die wenigen Treuen nicht mehr sind und solche, denen nur noch nd'v und höchstens der iwd dp heilig, das Ruder der Gemeinden ergreifen? Doch trauriger noch als auf dem Lande steht eS mit dem jüdischen Leben in den Städten der Pfalz. Da ist ein geschloffener Laden eine seltene, jüdische Gäste an christlichen Tafeln aber eine tägliche Erscheinung. Lesen und Forschen in den heiligen Schriften an Sabbat- und Festtagen ist selbst auf dem Lande außer Mode gekommen. Dafür weiß man sich jetzt besser zu amüsiren im Wirthshause beim Kartenspiel, wenn nicht gar mit brennender Cigarre im Mund. Ja das Kartenspiel am na# haben schon die Alten gelernt, sollten es diese etwa noch weiter bringen, wer weiß? — Sie sind in solchen Dingen sehr lernbegierig. In der jüngsten Zeit da lernten Viele sich wieder zu Gott wenden und seit langer Zeit ist wohl das Gotteshaus nicht so oft besucht worden wie jetzt. Da war es anfangs die große Dürre und in Folge dessen die Stockung der Geschäfte, später die Furcht vor den Kriegsgefahren, die manchen sonst so lässigen Besucher des D'p1?« wa dem „Auf und rufe Gott an" Folge zu leisten veranlaßten. Hoffen wir, daß derenHerzen nicht verstockt und wie einst Pharao nur so lange auf Gott hören als die Plage dauert, sondern daß die Besserung von Herzen komme und eine dauernde sei, O'O'.I bs onb m D33P rrm jn' 'O. „Gebe Gott, daß dieser Sinn sich erhalte ewiglich, Gott zu ehrfürchten und seine Gebote zu halten, damit es Israel wohlergehe." Daß übrigens oft gerade Diejenigen, welche als Wächter der Religion berufen sind, an deren Vernachlässigung viel Schuld tragen, ist in diesen Blättern schon zu oft zur Genüge bewiesen worden, als daß eine weitere Erörterung nothwendig wäre. Wenn die Rabbiner für Heilighaltung der Gesetze ,is t>j/asy p anaatf jn eifern und, namentlich darüber wachen wollten, daß die jüdische Religionsschulen kein bloßes Scheinbild, sondern eine wahre Pflanz-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.