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Der Israelit · 1870-09-21 · Heft 38 (21.9.1870) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 38 (21.9.1870)
Date
1870-09-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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711 „Bei den Juden aller Parteirichtungen ist die Heilighaltung des Sterbetages der Eltern durch Besuch des Gottesdienstes, Lesung einer Art von Seelengebet und Anzündung eines 24 Stunden brennenden Lichtes (Kerze oder Lampe) eine streng beobachtete Sitte. Ein jüdischer Militärarzt berichtet nun den Seinigen aus dem Felde, wie er in der Nähe von Wörth einen verwundeten Soldaten vor einem Hause umherspähend angctroffen und vermuthend, daß er ärztlichen Rath brauche, ihn gefragt habe, was er suche. „Einen Juden!" antwortete der Soldat und — „den haben Sie in mir gefunden" der Arzt. „Dann hätte ich eine Bitte an Sie" — meinte jener. — Einer meiner Kameraden hat heute den Sterbetag seines Vaters zu begehen, noch nie in seinem Leben hat er es versäumt, wir sind unsrer erst neun, uns fehlt der zehnte Mann!" Natürlich folgte unser Arzt gern der Bitte. In einem engen Stübchen waren neun verwundete Soldaten mit ihm versammelt, sie gehörten meist Regimentern aus der Provinz Posen an, auf dem Tische in der Stube brannte eine kleine Nachtlawpe, der Leidtragende betete vor und sprach die Sterbegebete zum Gedächtniß seines Vaters, der in der fernen Heimath seit Jahren die letzte Ruhestätte gefunden. Selten, schließt der Erzähler, war ich andächtiger und in tiefer Bewegung entfernte ich wich schnell, um diese vor den ohnehin angegriffenen Leuten zu verbergen." AeitnrrgSnachrichten und Gorrefpondenzen. Deutschland. Nerli«, 14. Sept. Unsere alte ehrwürdige Synagoge in der Heidenreuter-Gasse, welche schon 156 Jahre besteht, wird in diesem Jahrhundert zum dritten Male umgebaut; es werden nämlich am Eingänge derselben zwei riesige Thürme angebracht, die das Gebäude derart entstellen, daß man nicht genug feine Entrüstung über eine solche Geschmacklosigkeit, welche die Harmonie des Gebäudes vollständig stört, kund geben kann. Die Thürme sollen den Zweck haben eine Treppenverbindung mit den Frauen-Chören herzustellen, da bis jetzt nur eine einzige zu denselbeu hinführt. Wir gaben uns anfänglich dem Gedanken hin, daß die Thürme mit Uhren versehen werden sollten, kamen aber bald von unserer Ansicht zurück, da wir die positive Ueberzeugung haben, daß die Besucher der erwähnten Synagcge nach Ueberfledelung des Hrn. Dr. Geiger ganz genau stets wissen, was die Glocke geschlagen; denn die feurigen Reden gegen die positiven Elemente des jüdischen Glaubens, find längst kein Geheimniß. Die Frommen wissm es sehr wohl, mit nicht genug zu geißelnder Characterlosigkeit hören sie die Predigten des ehrwürdigen Reformators an, und wandeln recht erbaut nach ihren Behausungen, um in aller Seelenruhe „Schalet" zu esien. Es sind dies dieselben Frommen, welche den sel.vr. Sachs mit Begeisterung angehört, und sich, in religiöser Beziehung ganz ebenso wohl fühlen, gerade wie in dm frühem Tagen. Manches wäre nicht geschehen, eine Reform hätte nimmer in's Leben treten könnm, wenn es nicht eben die so eigenthümliche Species der berliner Frommen gewesen, welche wir ans schließlich anklagen müssen. Sie lassen alles über sich ergehen, und zu der einzigen Rettung, die noch denkbar wäre: Anschluß an die Adaß Jisroel, dazu fehlt der Muth; sie fasten es überhaupt nicht, daß eine derartige Zwittersteüung unverträglich mit dem jüdischen Character, sie glauben es nicht, daß sie noch manches Wunder erleben werden, in unserer so intelligenten Zeit, die so arm an Wundern ist. Und diese so gemüthlichen, nicht kalten und nicht warmen Frommen, sie sind so geduldig, so friedliebend, so tiefergebenst unterthänig gegen die Herren des Vorstandes, welche mit verschiedenen Orden dekorirt, ihnen so unendlich zu imponiren verstehen, — daß es eine wahre Freude ist. Sie lasten alles mit sich Machen, und wie der Berliner in etwas derber Weise sich ausspricht, sie laffensich dasFell über die Ohren ziehen. Es schmerzt sie nicht, denn es schirmt sie eine Engelsgeduld, würdig einer bessern Sache. Nicht genug können wir es beklagen und aussprechen, daß die Gleichgiltigkeit dieser Herren, dieses höhere Philifterthum, diese entsetzliche Furcht, den Frieden zu störm, die Krankheit dieser sogenannten Frommen ist, die wir fast als jüdische Abderiten bezeichnen möchten, denn als wirkliche Fromme könnm wir sie bei aller äußeren Werkheiligkeit nicht betrachten. Warum verlassen sie nicht die Synagoge, wenn Herr Dr. Geiger die Kanzel besteigt, warum bieten sie d?m hochwürdigen Redner nicht die Gelegenheit dar, seine Reform- Experimente an den leeren Bänken auszuüben, die in Wahrheit mancher Reformen bedürftig sind? Nun, sie können es nicht!, weil sie nicht wollen, sie wollen es nicht, weil sie nicht können. Und diese ehrwürdige Synagoge, was hat sie nicht alles schon erlebt! Es sei uns gestattet einige kleine historische Reminiscenzen, auf die Synagoge und die damaligen jüdischen Verhältnisse bezüglich, mitzutheilen. Im Anfang des vergangenen Jahrhunderts war es einem Hofagenten und Juwelier Jost Liebmann, der dm ungehinderten Zutritt zu dem Cabinet des ersten preußischen Königs Friedrich I. hatte, Vorbehalten, die Erlaubniß zum Bau einer neuen Synagoge zu erhalten. Denn die Gemeinde aus Oesterreich am Ende

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