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Der Israelit · 1870-09-21 · Heft 38 (21.9.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 38 (21.9.1870)
Date
1870-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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708 Es wurde nun verabredet, daß Moritz noch einige Jahre die Schule besuchen und namentlich einen gediegenen hebräischen Untericht genießen sollte; später dürfe er sich seinen Beruf wählen. „Am liebsten wäre es mir allerdings," sagte Herr Löwenhaupt, „wenn Du Dich dann entschließen könntest, in mein Geschäft einzutreten." Auch Rabbi Auser versprach Herr Löwenhaupt, ihm bei den Erkundigungen noch seinen Vater behilflich sein. Bevor jedoch eine geregelte Thätigkeit begann, sollten die Fremden London kennen lernen. Da es gerade still im Geschäfte war, so sandte Herr Löwenhaupt einen seiner Commis mit, damit dieser sie zu den Hauptsehenswürdigkeiten der großen Stadt führe. Damals war der unter der Themse erbaute Tunnel noch ziemlich neu. Unsere älteren Leser werden sich noch erinnern, welch ungeheures Aufsehen der Themse-Tunnel seiner Zeit machte. Eine Straße war durch die Erde, unter dem Bette des Flusses hinweg, gebohrt. Ein starkes Gewölbe trägt das Erdreich und die ungeheure Wassermasse des breiten Flusses, auf der die größten Schiffe einherfahren. Unsere Freunde stiegen mit bangem Gefühle die Treppe hinab und traten dann bewundernd in den hellerleuchteten, belebten Raum, durch den die Bevölkerung von einem Ufer der Themse zum andern, von der einen Seite der Weltstadt zu der andern strömte. Händler hielten dort Maaren feil; größtentheil Andenken an den Tunnel und Bilder desselben. Rabbi Auser blieb an einem solchen Tische stehen und bewunderte ein Kalaidoskop, durch das man durchschauen und die schönsten Gebäude und Denkmäler von London sehen konnte. Er wünschte es zu kaufen und bat Moritz, der etwas Englisch verstand, Nach dem Preise zu fragen. „Es kostet zwei Schilling," antwortete der Händler in Deutsch-PolnisLem Dialect. „Ah," sagte Rabbi Auser, „es scheint fast, daß wir Landsleute sind!" „Ich bin," erwiderte der Händler, „aus Litthauen." „ AuS welcher Stadt?" fragte Rabbi Auser gespannt. „„Aus Kalkmenew "" „Und wie heißen Sie?" „„Ich heiße Rosenstock."" „Rabbi Abraham Rosenstock?" „„Wieso kennen Sie meinen Vornamen?"" Aber schon hatte Rabbi Auser den Tisch mit Waaren zur Seite geschoben und den Händler umarmt. „Vater," rief er, „Vater, Du bist mein geliebter, langgesuchter Vater, und ich bin Dein Sohn, Dein Sohn Auser!" Wer malt die Ueberraschung des Mannes, als er so plötzlich seinen Sohn wiedersah! Aber hier war zu langen Auseinandersetzungen keine Zeit; schon hatten sich die Vorübergehenden angesammelt, und die Passage wäre beinahe gehemmt worden. Schnell räumte Rabbi Abraham Rosenstock seinen Waarentisch ab und verschloß sein kleines Gewölbe. Dann verließen die vier Personen den Tunnel und nahmen einen Cab (Wagen). Ein zerlumpter Bettler öffnete ihnen den Kutschenschlag. Moritz warf ihm einen Penny zu. Als er sich in polnisch-deutschem Jargon bedankte, rief Rabbi Auser: „Ist das nicht Jäckele aus Miereslaw?" Aber schon fuhr der Wagen davon. „Vater," rief Rabbi Auser, „dieser zerlumpte Bettler ist der Dieb, der Dich ins Unglück brachte! Deine Unschuld ist an den Tag gekommen. Wir kehren zusammen zu der Mutier und den Geschwistern zurück!" Freudenthränen entstürzten den Augen Rabbi Abrahams; er erhob sich im Wagen und sprach: „Gelobt sei der Allgütige, der Gutes erweist." Man fuhr zunächst nach der Petitcoat-Lane, jener armseligen Lomdoner Judengasse, in welcher sich Rabbi Abrahams Wohnung befand; in diese begaben sich Vater und Sohn, während Moritz und der Commis nach der benachbarten Lur^-8trsvt zurückkehrten. Was Alles hatten sich die Langgetrennten zu erzählen! Es war dem Rabbi Abraham lange recht schlecht ergangen Er hatte ganz Deutschland durchwandert und nirgendwo Ruhe gefunden; er war dann über Holland nach London gereist und war hier dem Hungertode nahe gekommen, bis er durch Hilfe des ehrwürdigen olllek-rairdi (Oberrabbinen) es dahin brachte, einen kleinen Handel zu beginnen, der ihn kümmerlich ernährte. Als Herr Löwenhaupt von dem Wiederaufsinden des vermißten Vaters erfuhr, veranstaltete er eine Sammlung, die es den beiden Rosenstock ermöglichte, unverzüglich und auf dem kürzesten Wege in die Heimath zurückzukehren. Als sie durä> B. kamen, suchten sie Ruhdorf auf, und dieser ließ sofort Frau von Wolfseck rufen. Wie erfreute das Mutterherz Rabbi Auser's Schilderung von der herzlichen Aufnahme, welche Moritz im Löwenhauptschen Hause gefunden! (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rorrx'schen Hofbucbhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Main;.

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