Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1870)
- Date
- 1870-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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707 Feuilleton. Säen und Ernten. XIV. In London. Nach einer langen Wanderung kamen Rabbi Auser und sein junger Begleiter nach Hamburg. Hier wollte der Erstere Erkundigungen nach seinem Vater einziehen. Als sie durch die Elbstraßen und über den neuen Steinweg gingen und das Getümmel und Gewimmel sahen, wie sich Tausende von Glaubensgenossen dort drängen, da entfiel dem Jünglinge fast der Muth. „Ach," sagte er zu Moritz, „ist es nicht thöricht von mir, daß ich in der Welt umherlaufe, einen einzelnen Menschen zu suchen, von dessen Aufenthalt ich gar keine Spur habe, den ich nicht wieder erkennen würde, selbst wenn er an mir vorüberginge, von dem ich nicht weiß, wie er sich kleidet, ob polnisch oder deutsch, ja von dem ich nicht einmal weiß, ob er noch lebt!" „Wenn Du etwa," antwortete Moritz, „eine Anzeige in einer der hiesigen Zeitungen veröffentlichen wolltest! Vielleicht würdest Du Auskunft erlangen." „Was soll das nützen," entgegnete Rabbi Auser, „ich kann nicht erwarten, daß mein Vater, der niemals verstand, Deutsch zu lesen, eine derartige Zeitung lesen würde. Ja, wenn wir eine hebräische Zeitung besäßen, die in hebräischer Sprache veröffentlicht, allen Juden der ganzen Welt zugänglich wäre, so könnten wir hoffen, durch eine Anzeige von unserm Vater Kunde zu bekommen!" Wie unsere Leser sehen, existirten damals Hamagid und die andern hebräischen Zeitschriften noch nicht. Und in der That ist seitdem namentlich durch Hamagid, nach dieser Richtung hin, viel Gutes geleistet. Unsere Reisenden nahmen endlich von dem Contingent Abschied!, um sich nach dem meerumflossenen England zu begeben. London war zu jener Zeit noch nicht so ungeheuer groß wie es jetzt ist; allein es war noch concentrirter als damals. Die City, in der jetzt die reichen Kaufleute nicht wohnen, weil sie von ihren Wohnungen in den eleganten Stadttheilen aus ihre Geschästslocale vermittels der unterirdischen Eisenbahnen leicht erreichen können, war damals zugleich der Wohnsitz der Geschäftsinhaber und dadurch ungemein bevölkert. Mr. Löwen Haupt, der Gatte der Jugendfreundin Augusten's von Wolfseck wohnte in der City, Bury-Street, St. Mary Axe 16. Als Rabbi Auser und Moritz sich von ihrer anstrengenden Seereise ein wenig erholt hatten, gingen sie aus, um Frau Löwenhaupt aufzusuchen. Ihr Weg führte sie über die London-Brücke (Bondon-dridgv). Ein solches Getümmel hatten sie Beide noch nicht gesehen. Wagen auf Wagen in unabsehbarer Reihe fuhren über die Brücke. Da sie auf die andere Seite gehen mußten,*) so sagte Rabbi Auser zu Moritz: „Weißt Du, wir wollen warten, bis diese Wagen vorübergefahren sind; wir könnten sonst beschädigt werden." Sie warteten eine halbe Stunde; die Wagenreihe nahm kein Ende; da wurde es ihnen endlich klar, daß das der gewöhnliche Verkehr sei, deffen Abnahme man nicht abwarten könne. Sie machten es dann, wie sie es von Andern sahen, und schlüpften durch die sich jagenden und drängenden Wagen hindurch. Herr und Frau Löwenhaupt waren hoch erfreut, die ihnen bereits angekündigte Gäste bei sich zu sehen. Herr Löwenhaupt war als armer, junger Mann nach London gekommen, hatte hier sein Glück gemacht und hatte später seine Cousine, die Jugendfreundin Augustens, aus der Heimath geholt und sie geheirathet. Jetzt war er ein wohlhabender Kaufmann. Das Paar lebt sehr glücklich; nur der Kindersegen fehlte ihnen. Als daher Augustens Brief kam und die baldige Ankunft ihres Sohnes meldete, da sagte Frau Löwenhaupt zu ihrem Gatten: „Das ist ein Fingerzeig Gottes. Der Allgütige sendet uns einen Sohn; wir wollen des heldenmüthigen Knaben Eltern sein. Du mußt ihm den Vater ersetzen, der so treulos gehandelt." Herr Löwenhaupt sagte nicht: Nein. Er hatte noch nie den Wünschen seiner Gattin ein Nein entgegengesetzt, und er hatte stets gut daran gethan. „My good lady „has“ always right!**)" pflegte er in seinem Deutsch Englisch zu sagen. Als Moritz sich vorstellte, umarmte ihn Frau Löwenhaupt. „Sei mir willkommen," rief sie, „Sohn meiner geliebten Auguste. Du sollst von heute an mein Sohn sein." „Halomeatho koroßo li owi!" sagte Herr Löwenhaupt, der eine jüdische Bildung genossen hatte, „auch mich magst Du von heute an Vater nennen. Wir wollen Deine Eltern sein." Moritz dankte in Thränen. Frau Löwenhaupt richtete ihm gleich ein Zimmer ein, und auch Rabbi Auser mußte ihm Löwenhauptschen Hause wohnen. *) to cross, die Straße kreuzen. **) Meine gute Frau hat immer Recht.