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Der Israelit · 1870-09-21 · Heft 38 (21.9.1870) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 38 (21.9.1870)
Date
1870-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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703 Bald kam uns ein badischer Soldat entgegen, der uns auf die Hauptwache führte. Man setzte uns über den Rhein und brachte uns nach Altenheim. Ohne Geld, ohne unser Eigenthum, ohne Papiere? Allein der Bürgermeister Böttler in Altenheim gab Jedem von uns eine unsere Papiere ersetzende Bescheinigung, welche der Commandant von Offenburg vidimirte. Vier Sous war mein ganzes Vermögen. Hier in Offen bürg erhielten wir ein Jeder einen Gulden und freie Eisenbahnfahrt. Gelobt sei Gott, der mich errettet hat aus großer Gefahr; Sein heiliger Name sei gepriesen! Moses Dawidowitz aus Wainuten (bei Tilsit) in Rußland. VII. Hermonville (zwischen Reims u. Soissons), 5. Sept. Welche großartigen Erfolge wir unter göttlichem Beistände errungen haben, davon wird Ihnen bereits durch den Telegraphen Kunde zugekommen sein. Napoleon , seine Armee, seine Marschälle gefangen — die Geschichte kennt kaum etwas- Aehnliches. Doch lassen Sie mich von allem dem schweigen; die politischen Zeitungen werden darüber berichten; ich wollte Ihnen für heute nur einige Notizen mittheiln, die ich unterweges für den „Israelit" gesammelt habe. Wie Sie wissen, sind wir Bayern der dritten Armee unter dem Oberbefehle des Kronprinzen von Preußen zugetheilt. Wir wollten Anfangs auf südwestlichem Wege direct auf Paris losgehen, bis uns die Operationen des 'Marschalls Mac Mahon zwangen, von diesem Wege ab- und nach Norden einzubiegen. Unsere Vorposten, und ich unter ihnen, waren bereits bis Troyes, der Geburts- und Sterbestadt unseres großen Raschi (Rabbi Schelomoh Jizchaki) gelangt. Sie können sich denken, mit welchen Gefühlen ich in diese Stadt einritt, in der einst einer der größten Männer unseres Volkes das Licht der Welt erblickte! Wer kennt nicht Raschi! Die kleinen Kinder werden an seiner Hand in den Geist der Thora eingeführt, und bedeutende Talmudisten bringen Tage damit zu, um einen scheinbaren Widerspruch in seinem großen Talmudcommentare zu lösen! Wie oft hat mir mein Lehrer, Rabbi L. in H., eingeschärft, Raschi habe mit goldener Dinte geschrieben, um mir durch dieses drastische Bild die Präcision im Ausdrucke des großen Commentators anzudeuten! Troyeö ist eine Stadt von ungefähr 40,000 Einwohnern und liegt in einer fruchtbaren Ebene. Hier begrüßten wir zuerst die Seine, deren Lauf wir bis Paris zu folgen gedachten. Es ist eine alte, schlechtgebaute Stadt; aber voller Betriebsamkeit und Fabrik - thätigkeit. Viele Kanäle sind aus der Seine zum Betriebe der Werkstätten herbeigeleitet. Auch eine große öffentliche Bibliothek ist dort, und wäre es mir vergönnt gewesen, längere Zeit daselbst zu verweilen, so hätte ich mich in dieser nach Reminiscenzen von Raschi umgeschaut. Doch wir bekamen Ordre, uns wiederum nach Norden zu begeben, denselben Weg, den wir gekommen waren, nach Cha lons zu, während das GroS der Armee schon den Marsch dorthin angetreten hatte. Wir übernachteten in Ramerupt, einem Dorfe von ungefähr 600 Einwohnern. Der Name kam mir sehr bekannt vor; doch konnte ich mich Anfangs nicht entsinnen, wo ich ihn schon gehört hatte. Zufällig hörte ich den Namen der alten Abtei Clairvaux nennen, die ebenfalls im Departement Aube liegt. Da entsann ich mich; ist doch Clairvaux das Kloster des berühmten Abtes Bernhard von Clairvaux; so muß wohl Ramerupt das in der jüdischen Geschichte bekannte Ramerü, der Wohnsitz des großen Rabbenu Jakob Tam, des Enkels von Raschi und HaupteS der Tofsaphisten-Schule sein. Denn jene beiden großen Männer des Christenthums und des Judenthums haben, räumlich nicht weit von einander entfernt, zu gleicher Zeit gelebt und gelehrt. Auch der edle Abt Bernhard von Clairvaux steht bei uns Juden im guten Andenken, denn er steuerte den Judenverfolgungen, welche die Kreuzfahrer damals (im 42. Jahrhundert) beabsichtigten und theilweise auch vollführten; hat er doch eigens eine Reise an den Rhein unternommen, um in Mainz den Aufhetzungen des Mönches Radolph entgegenzutreten. Hier war ich also an der Stätte, wo Rabbenu Jakob bar Me'i'r, genannt Rabbenu Tam, noch heute der Lehrer von ganz Israel, gelebt und gelehrt hat. Hier wurde er am 2. Tage des Wochenfestes im Jahre 1147 von Kreuzfahrern überfallen, fast zu Tode geschlagen und nur durch die Dazwischenkunft eines befreundeten Ritters gerettet! Und ich komme als Eroberer in dieses Land, von den Einwohnern nicht wenig gefürchtet! Welch wunderbare Fügung! Hier in der Nähe liegt auch Vitry, in der jüdischen Literaturgeschichte durch das Machsor Vitry bekannt, nicht zu verwechseln mit der kleinen Festung Vitry im Departement Aisne, die unsere Truppen unlängst genommen haben. Da ich das Geschriebene überlese, sehe ich zu meinem Erstaunen, daß ich Ihnen statt eines Kriegs¬ und Schlachtenberichtes einen Literaturbrief geschrieben habe; aber ich glaube, es wird Ihre Leser erfreuen, wenn dieselben sehen, daß jüdische Soldaten selbst zur Zeit heißer, blutiger Kämpfe des größten Schatzes Israels, unserer heiligen Literatur nicht vergesten. Mein kleines Mischnajoth trage ich im Tornister und ich habe es während der ganzen Campagne fast täglich benutzt; das ist ja unser Leben und die Länge unserer Tage, und ich glaube, ich kann meinem Gotte nicht besser danken, daß er mich beschützt hat in den

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