Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1870)
- Date
- 1870-09-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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702 freuen, so sehr müssen wir anderseits den Krieg als solchen beklagen, das Elend ^beweinen, daSM seinem Gefolge über große Nationen, volkreiche Provinzen, blühende Städte und Dörfer, zahlreiche Familien hereinbricht. Wohin sind sie gekommen die herrlichen Ideen der Zeit, die man so sehr rühmte, die Ideen der Menschenverbrüderung, der das All umfassenden Humanität, der die Völker einenden Freiheit, der engen Verbindung der Nationen durch Eisenbahnen und Telegraphen? Weniger als eines Windhauches bedurfte es, um zwei mächtige, große Völker im fürchterlichsten Hasse gegeneinander entbrennen zu lassen und die grauenhafteste Mord - und Zerstörungswuth zu entfesseln. „Wir brauchen keinen Messias zu erhoffen," proclamirte im vorigen Jahre die Leipziger Synode, „das messianische Reich findet schon seine Verwirklichung in den Ideen der Zeit." Mitrailleusen, gezogene Kanonen, Riesenmörser, brennende Dörfer und Städte, Schlachtfelder von meilenweiter Ausdehnung, mit Todten und Verwundeten bedeckt, — das sind die Illustrationen zu dem Messiaöreiche jener Thoren. Nein, Israels Aufgabe ist noch nicht erfüllt; die Zeit des Lichts und der Aufklärung, die unsere Propheten uns verheißen haben, ist noch nicht da; aber sie wird kommen und zwar um so eher, je treuer Israel festhalten wird an seinem Gotte und erfüllen wird die Gebote des Allmächtigen. Dann wird Gott die große Posaune ertönen lassen und uns sammeln von allen Enden der Erde; dann werden die Heerschaaren Gottes siegreich dahinziehen und begründen ein Reich ewigen Friedens, ewiger Wohlfahrt und ewigen Heiles. Briefe it. Wachlichten vom Kriegsschauplatz«. VI. Offenburg^ 24. August. Gelobt sei der allbarmherzige Gott, der sündigen Menschen Gutes erweist! So lassen Sie mich beginnen mit dem Segensspruche, den unsere Weisen nach überstandener Lebensgefahr zu sprechen vorgeschrieben haben. Der Unterzeichnete wohnte seit ungefähr 11 Monaten im Elsaß, einen kleinen Handel mit Galanterie- Waaren treibend. Da brach der unglückselige Krieg aus. Die fanatisirte Bevölkerung im Elsaß verhaftete alle Fremden; auch mir wurde daffelbe Looö. Wiewohl kein Deutscher, sondern ein Russe, wurde ich in Bischwiller verhaftet, meines Geldes, meiner Maaren und meiner Habseligkeiten beraubt und nach Hagenau transportirt. Dort wurde ich inS Gefängniß gebracht. Das geschah am 27. Juli. Nach dem siegreichen Vorrücken der Deutschen wurde ich mit noch 6 Schicksalsgenossen am 31. Juli ge fesselt— .ohne daß man uns verhört hatte oder uns in Bezug aüf irgend etwas beschuldigte, bloß weil wir Ausländer sind und deutsch sprachen, — nach Straßburg verbracht, wo wir im „N e u e n T h u r m" in der Nähe des Münster eingesperrt wurden. Hier waren 108 Personen, darunter drei Glaubensgenossen, eingekerkert, die Alle kein anderes Verbrechen begangen hatten als daß sie Ausländer waren. In Straßburg begann für mich eine schreckliche Leidenszeit. Anfangs erhielt ich, ich allein für meine Person, auf meine schriftliche Bitte an den dortigen Rabbiner, Koscherkost, die ich mit meinen beiden jüdischen Leidensgenossen theilte. Das währte jedoch nur zehn Tage; der Mann, welcher mich damit versorgte, wanderte beim Beginne der Belagerung aus. In der dann folgenden Zeit war es wenigstens noch möglich, Bütter zu erhalten; aber auch diese war bald nicht mehr zu verschaffen, so daß wir nur von Brod und Wasser leben mußten. Unterdeß begann das Bombardement. Die Bomben flogen über unsere Häupter hinweg, schlugen ein und zündeten; Feuersbrünste entstanden — es war eine schreckliche Zeit. Die ganze Stadt schien der Zerstörung preisgegebcn, und wir armen,-unglücklichen Menschen, die wir nichts verbrochen hatten, wurden dort wider unfern Willen festgehalten, in jedem Augenblicke den Tod vor Augen. Freitag, 19. August, brannten sieben Häuser ab, das Münster erlitt Beschädigungen; wir glaubten, unser letztes Stündlein sei gekommen. Allein Samstag und Sonntag hörte das Bombardement auf. Unterdeß schrieb ich dem Oberrabbiner von Straßburg, Mr. Ahron, meinen Namen und den Aufenthalt meiner Angehörigen, damit diese im Falle meines Todes Nachricht erhalten und das Kaddisch - Gebet für mich verrichten könnten. Morgens und Abends sagte ich die Wkddui und bereitete mich zum Tode vor. Montag, 22. August, öffneten sich unsere Kerkerpforten; man befahl uns, das Gefängniß zu verlassen. Fünfzig Soldaten und zehn Gensdarmen führten uns. Wohin? Zum Gerichte oder zum Tode ohne Verhör und Untersuchung? Nein, zur Freiheit, zur goldenen Freiheit! Man führte uns an's Thor, ließ die Zugbrücken nieder und ließ uns hinausgehen. Wir mußten durchs Wasser waten. — Mit welchem Entzücken eilten wir den deutschen Vorposten entgegen! Aber wenn diese, nicht wissend, wer wir sind, auf unö schießen würden? Wir banden unsere weißen Taschentücher an unsere Stöcke, um diesem Schicksal zu entgehen.