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Der Israelit · 1870-09-14 · Heft 37 (14.9.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 37 (14.9.1870)
Date
1870-09-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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688 Rabbi Auser und Moritz dankten Gott, daß die Gefahr so glücklich v»rübergegangen war. Gegen vier Uhr setzten auch sie ihre Wanderung fort. „Rabbi Auser," fragte Moritz unterweges, „warum wandern Sie eigentlich in der Welt umher?" „„Du mußt mich „Du" nennen, mein lieber Zunge. Sind wir doch Brüder!"" „Verzeihe, ich dachte nicht daran." ' „„Nun will ich Dir meine Geschichte erzählen; sie ist eine gar traurige; ich suche meinen Vater!"" „Sonderbar! ich bin meinem Vater entflohen und Du suchst den Deinigen! Aber wie kömmt es, daß Du Deinen Vater suchen mußt?" ..„Das will ich Dir erzählen. Mein Vater war Rabbiner in Kalkmenow, einer kleinen Stadt in Litthauen. Einst wurde dort ein Diebstahl vollführt; dem Edelmanne wurde sein Silbergeschirr gestohlen. Der Verdacht lenkte sich auf die Juden und man beschloß, ihre Häuser zu durchsuchen. Man fand Nichts. Zuletzt wurde auch das Haus meines Vaters durchsucht, und hier fand man zu unserm größten Entsetzen, im Keller versteckt, einen Theil des gestohlenen Silbers. Der Dieb hatte sich in unfern Keller geschlichen und da seine Beute versteckt, weil er bei dem guten Rufe, den mein Vater genoß, geglaubt hatte, daß in unserm Hause nicht würde nachgesucht werden. Alle Welt war von der Unschuld meines Vaters überzeugt, und die Gemeinde forderte den etwaigen Dieb durch öffentlichen Ausruf auf, sich freiwillig zu melden, um nicht den unschuldigen Rabbi in's Verderben zu stürzen. Es meldete sich Niemand. So sollte denn mein Vater zu harter Kerkerstrafe verurtheilt werden. Da gelang es seinen Freunden, ihm zur Flucht zu verhelfen. Vorher aber mußte er schwören, solange seine Unschuld nicht entdeckt, nicht zmückzukehren oder auch nur zu schreiben; denn wäre er wieder in die Hönde der Behörde gefallen, so hätte man ihn durch die Folter gezwungen, seine Befreier zu verrathen und so wären diese irfls Verderben gestürzt. — Ich war damals vier Jahre alt. Wie wir, meine Mntter, meine Geschwister und ich, uns nach dem geliebten Vater sehnten, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Allein seine Unschuld blieb unentdeckt und wir hörten nicht das Geringste von ihm; er hat seinen Schwur getreulich gehalten, um seine Freunde nicht in's Verderben zu bringen. — Im vorigen Jahre mußte in einem benachbarten Orte ein Jude, seiner Schulden halber, entfliehen. Als das Gericht seine Habseligkeiten mit Beschlag belegte, fand man den Rest jenes gestohlenen Silbers, um deffentwillen mein Vater war eingekerkert worden. Die Frau bekannte, daß ihr Mann der Dieb sei und daß er, nicht im Stande oll das Silber auf einmal in sein Haus zu schaffen, den größten Theil bestellen in unserm Keller verborgen habe. Jetzt war meines Vaters Unschuld erwiesen, und ich riß mich los von Mutter und Geschwistern, um den geliebten Vater in der weiten Welt zu suchen. Zuerst ging ich nach B.; ich fand ihn nicht. Jetzt will ich nach London gehen; werde ich dort glücklicher sein?"" „Dein Loos ist zu beklagen; doch meines ist schlimmer. Du wirst glücklich sein. Deinen Vater wieder zu finden; ich würde unglücklich sein, wenn ich mit dem meinigen zusammenträfe." Unter diesen Gesprächen hatten sie die Stadt erreicht , in welcher sie übernachten wollten. Sie suchten «ne jüdische Speisewirthschaft auf, und nach dem frugalen Mittagsmahle und der starken Wanderung schmeckte es auch Moritz ganz vortrefflich. Als er aber vor dem Niederlegen das Nachtgebet sprach, da gedachte er der Mutter und der Schwester, und Thränen netzten seine Wangen. Auch in B. gedachte die Schwester in heißen Thränen des abwesenden Bruders, dessen Verschwinden ihr ein Räthsel war und dessen Rückkehr sie stündlich erwartete. Die Mutier aber schloß in jener Nackit kein Auge. Unablässig betete sie für ihr gerettetes Kind. In B. erregte das Verschwinden des Knaben das größte Aufsehen. Allerlei Gerüchte verbreiteten sich, von denen eines abenteuerlicher war als das andere. Dies nahm so überhand, daß sich Herr von Wolfseck veranlaßt sah, durch den Literaten Bruno Bürger in dessen Zeitung, „der Fortschritt," den wahren Sachverhalt mittheilen zu lassen. So erhielt die Geschichte die weiteste Publicität und gelangte zur Kunde des Königs, der Wolfsohn zu sich bescheiden und sich aus seinem Mundedie Wahrheit derselben bestätigen ließ. „Wunderbar," sagte der hohe Herr, „gibt es noch Märtyrer in unfern Tagen! Und ein Knabe! Und für das Judenthum! Höchst merkwürdig!" Mit seinem Weibe wagte Wolfsohn von dieser Angelegenheit kaum zu sprechen. Wenn er ihr thränenersülltes Auge sah, so las er darin den stillen Vorwurf: „Deine Tyrannei hat mein Kind in die Fremde, einem ungewissen Loose entgegengetrieben". Von dieser Zeit an wurde die gegenseitige Entfremdung der Gatten eine noch größere (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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