Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1870)
- Date
- 1870-09-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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684 Zeitungsnachrichten nnd Eorrefpondenzen. Deutschland. Mainz, 6. September. Wir erhalten von Herrn Lehrer Plaut in Michelstadt eine Entgegnung gegen die in Nr. 34 dieser Blätter enthaltene Correspondenz aus dem Odenwalde. Da dieselbe aber keine thatsächliche Berichtigung, sondern nur Angaben gegen die Person des Correspondenten sowie gegen eine von diesem gelobte Gemeinde enthält, so begnügen wir uns, aus der erwähnten Entgegnung mitzutheilen, daß Herr Plaut unfern Correspondenten vor Gericht zur Verantwortung ziehen will. Auch unser Correspondent hat von dieser Drohung gehört und hat uns ermächtigt, auf gerichtliche Anfrage hin seinen Namen zu nennen, da er seine Behauptungen aufrecht erhält und bei etwaiger Ausführung jener Drohung vor Gericht den Beweis der Wahrheit anzutreten entschlossen ist. Aus dem Odenwalds In meinem jüngsten Berichte habe ich Ihnen darzulegen versprochen, wie das verderbliche Beispiel der Leiter der Gemeinde Michelstadt, corrumpirend auf den religiösen Sinn der einzelnen Mitglieder einwirkt. — Wollen Sie mir dieses Versprechen zurückzeben! Nicht als ob es mir nicht möglich wäre, dasselbe einzulösen, sondern vielmehr deßhalb, weil der massenhafte Stoff, der mir hier vorliegt, es kaum zuläßt, ihn nach Wunsch zu beherrschen. Ich würde nämlich den Raum des Israelit so sehr in Anspruch nehmen müssen, ohne mit meinen Mittheilungen zu Ende zu kommen, daß ich es selbst nicht verantworten könnte. Denn, wenn ich auch durch einzelne Fakta die hier herrschende Treulosigkeit gegen Gott und sein Gesetz, den Mangel an Bildung und was damit zusammenhängt, so drastisch geschildert hätte, wie die traurige Wirklichkeit es verlangte; was würde es der guten Sache nützen? i\rjn n«-p?d jwn nrjn "oon pjtni mn Dyn d1? (r rpy»».) i1? nem dpi j'2' oupi yvL" pjttai. Es ist auch kaum zu hoffen, durch Einwirkung auf das Ehrgefühl bessere Zustände zu schaffen. Die Sorge für das MatterieUe steht zu sehr im Verdergrunde. Sonst herrscht allenthalben stumpfe Lethargie und starre Unempfindlichkeit, nicht nur, wo es sich um jüdische Interessen handelt, sondern überhaupt überall, wo es der Realisirung einer höhern, wenn auch nicht specifisch jüdischen Idee gilt. In den Geldkisten und Kassenschränken ist alle Begeisterung eingesarqt, wenn nur die recht niet- und nagelfest gegen Diebe gesichert sind, so läßt man die „ Ueberspannten" draußen in den Tag hineinredeu, was sie nur wollen; das Geld regiert die Welt und die Schränke sind so diebeS- und feuerfest! O, der Thoren! Das Geld kann euch allerdings Niemand nehmen, dafür haben Schloffer und Versicherungsgesellschaften gesorgt; aber wer garantirt Euch, daß Ihr nicht vom Gelde hinweggenommen in eine Welt geworfen werden, in welcher nicht daS Geld, sondern die Dinge herrschen, die Ihr heute verlacht und verspottet? mpsn ntpyn noi. Was wollt Ihr dann anfangen vor dem Richterthrone Gottes? Das ist eine ernste Frage, und wem das Blut nicht in den Adern zu erstarren droht, wenn er sie in ihrer ganzen ungeheueren Tragweite durchdenkt, der ist kein Jude, nein der ist kein denkender sittlicher Mensch. Wem nicht das Innere erzittert, wenn er sich am Ende seines ErdengangeS im Angesicht deS großen Weltenrichters denkt j, der uns nicht nach unsrer Habe schätzt, nicht nach unsrer Stellung in der Gesellschaft mißt, nicht auf den Glanz und den Prunk unseres Hauses achtet, nicht auf das 'Lob der Heuchler und Schmeichler hört, die uns um unS selbst belogen und betrogen — der ist kein Mensch! Der hat keinen offenen Blick, kein menschlich empfindendes Gemüth. Und in Michelstadt: Da lächelt man vornehm über diese albernen Phantastereien; man hat Geld. O, der trotzig verblendeten Zuversicht! Plötzlich und unerwartet wird sieden entsetzt und trostlos verlassen, der sich ihr leichtfertig in die Arme geworfen; und scheidend wird sie ihm die 4 Wörtchen entgegenrufen: mpsn ovt> ntpyn noi. Verlassen wir diesen Ort und wenden wir unsre Aufmerksamkeit den anderen Gemeinden des Odenwalds zu. Denn, wenn es gelingen sollte, durch diese Zeilen einen Umschwung zum Bessern anzubahnen, so dürfen wir leider fest überzeugt sein, daß Michelstadt solchen Bestrebungen fern stehen wird. Denn hier hat der Abfall vom Gottesgesetz schon zu große Dimensionen angenommen, als daß noch ein Aufschwung zn etwas höherem möglich wäre; verlassen wir eS. Michelstadt numerisch überlegen aber von ungleich geringerem Einfluß auf die Nachbargemeinden ist die circa 50 Familien zählende jüdische Gemeinde zu Reichelsheim. Auch hier sieht eS recht traurig aus. Wie fast im ganzen Odenwalde, ist hier das Wenige, was noch von unseren Neligionspflichten geübt wird, nichts als moftD nma nniö, und nicht zwei Familien hätten wir zu verzeichnen, die etwa davon eine Ausnahme machen. Ja in Reichelsheim ist es nicht nur Gleichgiltigkeit und Bequemlichkeit, die zum Abfall verlocken, hier haben wir ganz unzweifelhafte Pröbchen von Reformbestrebungen, wie sie im Odenwalde bis jetzt unerhört waren. So hat sich der Lehrer der dortigen Gemeinde unlängst einen Mädchenchor zur Begleitung für den Freitagabendgottesdienst herangebildet; doch muß die Ausbildung keine sehr gediegene gewesen sein, denn als er sein erstes Debüt beging.