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Der Israelit · 1870-09-07 · Heft 36 (7.9.1870) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 36 (7.9.1870)
Date
1870-09-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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668 Denn in dieser unendlichen Leidensnacht sind wir im Allgemeinen doch immer mehr von der Regierung, als von dem gemeinen Volkshaufen protegirt worden. Alle Blätter unserer, mit Blut bezeichneten Geschichte geben davon Zeugniß, und bis in die neueste Zeit, die traurigen Zustände unserer Glaubensbrüder in Rumänien mit einbegriffen, hat sich diese Lehre als bewährt gezeigt. Denn auch wir, wenn wir von der Obrigkeit nicht beschützt worden wären, müßten doch immer trotz aller Aufklärung und des hochgepriesenen Fortschrittes, sowohl von dem niedrigen, wie hohen Pöbel so manche bittere Ausschreitung und so manche Unbill, die man sich gegen uns nur zu gern für erlaubt hält, erfahren. Aber das Auge der, mit besonderer Rücksicht, , über das Gesammtwohl unseres Volkes waltenden Vorsehung wacht über unS und läßt uns nicht so leicht, wenn wir nur gläubig und fromm an Gott und seinem heiligen Gesetze mit Leib und Seele hangen, eine Beute unserer Feinde werden. Denn auch in unserer Mitte, während die Kriegesfackel unter den gebildetsten Staaten Europas die gesegneten Fluren des Friedens niederbrennt, haben sich in bedrohlicher Weise einige Kundgebungen vernehmen lassen, die, wenn die Zeitumstände sich ihnen günstiger gestaltet hätten, mittelalterliche Exceffe und traurige Niedermetzelungen unstreitig zur Folge gehabt haben würden. Denn ein Theil der Bevölkerung, unter der wir hier zu Lande leben, dem wälschen Volke ans alter Zuneigung hold, und diesem daher in falscher Voraussetzung ihrer eigenen Befreiung die glänzendsten Waffenthaten wünschend, hofft bei den etwaigen hierdurch für Preußen entstehenden Wirren und mißlichen Verhältnissen im Trüben fischen zu können, und dann seinen nach Willkür lechzenden Wünschen Bahn brechend, will es blutgierig über Juden und Deutsche herfallen. Bei solch angenehmem Hoffnungsrausche, als noch die SiegeSnachrichten vom Kriegsschauplätze einige Tage auf sich warten ließen, ereignete sich in Zerkow, einem Provinzialstädtchen, nur wenige Meilen von hier, folgender merkwürdige Fall, der eine größere Verbreitung verdient. Die polnische Bevölkerung der dortigen Gegend gewiß, daß die Franzosen den Sieg über die germanischen Stämme davon tragen werden, wollten schon im Voraus, siegestrunken, die armen Israeliten ihren Unmuth und Groll in bitterer und kränkender Weise fühlen lassen, und schreiben daher in verschiedenen Exemplaren an die jüdische Bewohnerschaft daselbst Zettelchen, daß nun bald die Zeit herannahe, in welcher die Juden abgeschlachtet und ihr Synagoge den Flammen preisgegeben werde. Ja, eines Tages fand sich ein solcher Zettel sogar an das Vethaus selbst angenagelt. Aber was geschah? Was thaten die hierdurch geängstigten armen Israeliten zu ihrer Rettung? Nichts! Der gütige Gott, der alte Hort Israels, der die Geschicke der Völker auch um ihretwegen lenket, kam. noch bevor die frohe Botschaft über die siegenden Waffen unserer braven Kampfesbrüder in unsere Ohren drangen, mit seiner Hilfe zuvor. Der Himmel verzog sich noch selbigen Tages mit düstern Wolken, eine drückende Schwüle herrschte in der Athmoöphäre; ein heftiges Gewitter entlud sich in gewaltigen Donnerschlägen und Helle Blitze durchzuckten und zerrissen die geschwärzten Wolken. Plötzlich fuhr ein solcher Wetterstrahl in die Kirche des Ortes, sie wurde in Brand gesteckt, und die armen Juden liefen auf das gegebene Feuersignal zur Brandstätte hin und bemühten sich mit allen Kräften dem Feuer seine Beute zu entreißen, was ihnen auch nach großer Anstrengung gelungen ist. Hätten aber die Israeliten nicht so thatkräftig zur Löschung dieses entfesselten Elements Hand ans Werk gelegt, so wäre gewiß die Kirche ein Raub der Flammen geworden. Nachdem nun das Feuer gänzlich gelöscht war, begaben sich einige Israeliten zu dem Ortspfarrer, der sich in anerkennender Weise und sehr dankbar gegen sie geäußert hatte, und zeigten ihm einige, von den Polen ihnen zugekommenen Drohbriefe. Dieser, vom gerechten Zorne bewältigt, war wüthend über solches Gebühren seiner Gemeinde und ließ am nächstfolgenden Sonntag von der Kanzel herab eine harte und gerechte Rüge an dieselbe ergehen, in dem er besonders hervorhob, daß durch ihr ungerechtes Vorgehen dieses Unheil von Gott zugeschickt worden sei, und daß die Kirche, ohne so thätigen Beistand der Israeliten bei der Bewältigung der Feuersbrunst, ohne Zweifel gänzlich eingeäschert worden wäre. A. Hannover, 25. August. In Nr. 23. d. Ztg. habm wir ein Referat über die Verhandlungen des hiesigen Repräsentanten - Collegiums die Einführung einer abgeänderten Liturgie betreffend gegeben. Wenn die Weisheit unserer großen Männer lehrt, daß „eine Sünde die andere erzeugt," so hat sich diese Wahrheit auch hier leider wiederum bestätigt. Nicht genug, daß die Gemeindeverwaltung im Vereine mit dem Landrabbinate religionsgesetzwidrige Abänderungen in dem Gottesdienste beschlossen, — diese beiden Behörden haben dieser Tage Zeugniß abgelegt, daß sie von neologem Fanatismus ergriffen, der hergebrachten Liturgie keine Stätte in der Gemeinde fernerhin einräumen wollen und nicht vor dem Unrechte zurückschrecken, einen Gewissenszwang gegen die gesetzeötreüe Minorität .- sie ist hier freilich ine kleine — auszuüben. Von dem Repäsentanten Hirsch war ein selbstständiger Antrag eingebracht dahin gehend : für die alte Synagoge denselben (erhöhten) Tarif der Miethpreise wie für die neue Synagoge in Kraft treten, und in derselben den Gottesdienst nach der bisherigen Weise abhalten zu lassen. Dieser Antrag stand am 23. d.

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