Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1870)
- Date
- 1870-08-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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658 zu verbreiten? Leider ist es so. Die Nr. 34 deS „Israelit" brachte uns in einem Correspondenz-Artikel aus Berlin die Nachricht, daß in der Judenthumszeitung Lügen ausgestreut würden über orthodoxe Prediger Berlins, daß sie gleichsam an dem Kriege ihr Wohlgefallen fänden, weil er doch nur wegen der Abtrünnigkeit vieler Juden von ihrem Gesetze in die Welt gekommen sei. Und wie sich doch verwandte Geister begegnen: Soeben kommt mir „Der Israelitische Lehrer," redigirt von Joseph Klingenstein, Lehrer zu Ingelheim, zu Gesicht, der in Nr. 32 in einem Leitartikel „Am allgemeinen Bettage" Gelegenheit zu folgenden Expectorationen nimmt: „Und das Judenthum? Es ist natürlich, daß die sogenannte „fromme" Partei aus den Calamitäten der Gegenwart Kapital schlägt für ihre Behauptungen und ihren Fanatismus, und cs liegt ganz nahe, daß sie sich bemüht, die armen Sabbatschänder und Trefaesser für die Leiden der Gegenwart gewissermaßen verantwortlich zu machen und die koscheren Zizith als wirksames Präservativ gegen feindliche Kugeln anzupreisen! Viel Lärmen um Nichts! Wir wissen, daß Gottlob, die 400 und soviel Rebbes, die man aus allen unbekannten Welttheilen zusammengelesen und gegen die freie Richtung ins Feld zu schicken beabsichtigt, keinen Boden haben im deutschen Judenthum, nie und nimmer! Wir wissen, daß eben nur diese selbst- und herrschsüchtige Rabbis es sind, die jener Richtung den Anschein von Macht und Einfluß geben, den sie an Wirklichkeit nicht hat, und daß es nur der Jndifferentismus der freien Richtung ist, welchen wir um der Sache Willen zu bekämpfen haben; daß trotz Unglück, Krieg und trauriger Weltlage die Wissenschaft nicht umkehren wird! Bleiben wir der Ueberzeugung treifl, daß das Judenthum eine Religion des Fortschritts ist, die den Geist frei macht, und daß Gott, der liebende Vater der Menschheit, der diesen Krieg zuläßt, doch nicht die „Umkehr" der Judenheit im Auge hatte, weil er nach seinem unbegreiflichen Rathschlusse gerade „in den 3 Wochen" die Trauer und Wirrnisse herbeiführte." Was nur Parteihaß zu erfinden im Stande ist, liegt in diesen Worten, was nur gemeine Gesinnung äußern kann, ist in diesen Paar Zeilen zusammengedrängt. „Aus den Calamitaten der Gegenwart Capital schlagen," die Verläumdung, daß „die armen Sabbatschänder und Trefaesser für die Leiden der Gegenwart gewissermaßen verantwortlich" gemacht werden, der Hohn, „die koschere Zizith als wirksames Präservativ gegen feierliche Kugeln anzugreifen." Und was haben „die 100 und soviel protestirenden Rebbes" mit den gegenwärtigen KriegSverhältnissen zu thun? Der Protest steht ja sachlich und zeitlich diesen Verhältnissen ganz fremd! Wer schlägt aus den Calamitäten der Gegenwart Kapital? Herr Joseph Klingenstein und Consorten. DaS ist die richtige Zeit, der „sogenannten frommen Partei" etwas am Zeuge zu flicken. Nur immer darauf los verläumdet, die Gemüther sind erregt: die finstern Zeloten, die jüdischen Jesuiten fischen im Trüben, euch Aufgeklärte stellen sie an den Pranger, auf euch das über die Welt hereingebrochene Elend wälzend. Wir sind allerdings überzeugt, daß die verläumderischen Worte des Herrn Klingenstein bei dem denkenden Theile der Männer der Neologie nicht verfangen und die Freundschaft im socialen Leben nicht stören und dasGefühl der Brüderlichkeit, das trotz der verschiedenen Anschauungen noch immer in frischer Lebendigkeit besteht, nicht aufheben werden. Besorgnisse derart sind es auch nicht, die uns zum Schreiben veranlassen, noch weniger aber die Person des Herrn Klingenstein. Herr Klingenstein ist allerdings Jugendlehrer — nun das ist ein Unglück für seine Gemeinde; fühlt seine Gemeinde sich dennoch wohl bei ihm, so haben wir auch nichts dagegen. Was aber zu beachten ist: Herr Klingenstein ist Redacteur des „Israelitischen Lchrers", und dieses Blatt ist das Organ des wohlthätigen Vereins „Achawa", und wir bedauern eben, daß ein solcher Verein mit wohlthätiger Tendenz von einem Manne, der einen großen Theil seiner jüdischen Mitbrüder, „die reichlich diesem Vereine beisteuern," verläumdet, denselben literarisch vertritt. Es kann nicht fehlen, daß unter solchen Verhältnissen der Verein Schaden nehmen muß. Frankfurts Juden und darunter nicht wenige Orthodoxe gerade geben reichliche Beisteuer, es wird aber den Verläumdeten unserer Stadt nichts anderes übrig bleiben, als die Beiträge dem Vereine so lange zu entziehen, wie Herr Klingenstein noch als Redacteur des „Israelitischen Lehrers", des Organdes Vereins „Achawa" an der Spitze deflelben steht. S. Dresden, Ende Anguft. Am 22. dss. fand in der hiesigen evangelischen Waisenhauskirchc Abends 7 Uhr eine Missionsstunde zur Verbreitung des Christenthums unter den Juden statt. Die Zuhörer bestanden größtentheils aus alten Frauen und Mädchen; diese lauschten der circa IV2 ständigen Rede bcö Pastors, eines noch jungen Mannes, dessen schönes Organ einer würdiger» Sache zu dienen werth wäre. Unter den Zuhörern befanden sich auch verschiedene Personen, welche von dem Vortrag so erbaut waren, daß sie sich in den Himmel versetzt glaubend, gemüthlich ein Schläfchen machten. Der langen Rede kurzer Sinn war, daß die Christen den Juden recht liebevoll entgegenkommen sollen, um sie dadurch leichter an sich zu ziehen, denn das Hell aller Welt sei nur im Christen thume zu suchen; es sei ein seelentiefer Schmerz, daß Israel, ein von Gott so hochbegabtes Volk, de«