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Der Israelit · 1870-08-31 · Heft 35 (31.8.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 35 (31.8.1870)
Date
1870-08-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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656 verboten hat, andere Götter zu haben neben Ihm. Und wenn uns Jemand zwingen will, unfern Gott zu verleugnen und andere Götter anzubeten, so müssen wir eher unser Leben hingeben, müssen uns lieber tödten lassen, als daß wir solchem Zwange gehorchen." " „Nun, Naphtali," fragte Wilhelmine, „was thaten die Juden, als der König von Syrien sie zwingen wollte?" „„Diele gehorchten dem Könige. Die Besten und Edelsten unseres Volkes aber ließen sich lieber tödten, bis die Mackabaer aufstanden und unter Gottes Beistand die Feinde bekämpften und besiegten."" „Nicht wahr, Naphtali," fragte die kleine Adelheid, „damals ist auch Hanna mit ihren sieben Söhnen hingerichtet worden?" Die Kinder hatten sich auf eine Bank gesetzt. Naphtali saß in der Mitte, zu seiner Rechten hatten Wilhelmine und Martha, zu seiner Linken Moritz und Adelheid Platz genommen. „O," sagte Moritz, „durch Adelheids Frage erinnere ich mich jetzt der ganzen Gejchichte. Dein Vater hat sie uns ja vorigen Winter erzählt. Jetzt weiß ich auch, warum man die Lichter anzündet: zum Andenken an das Wunder mit dem Oelkrüglein. Es ist doch etwas wunderbar Großes, wenn ein Volk sich einmüthig erhebt, Gefahren und Tod nicht scheut, um die Wahrheit nicht für die Lüge eintauschen zu müssen!" „„So brauche ich wohl,"" nahm Naphtali, sich zu Wilhelminen wendend, das Wort, „ „die Mackabäergeschichte nicht weiter zu erzählen. Du erinnerst Dich ihrer jetzt sicherlich auch. Wilhelmine!"" „Ja," entgegnete diese, „allein, Du mußt uns jetzt etwas Anderes erzählen; sind solche Kämpfe mehr vorgekowmen in der jüdischen Geschichte?" „„Unzählige,"" antwortete Naphtali, „„die ganze jüdische Geschichte ist fast nichts als ein solcher Kampf. ES gibt kaum ein Volk auf der ganzen E'de, das die Juden nicht hätte zwingen wollen zum Abfalle von unserm Gotte, es gibt kaum ein Fleckchen Erde, das in Folge dessen nicht getränkt ist worden mit jüdischem Blute. Und da Wilhelmine durchaus eine Geschichte von mir verlangt, so will ich Euch eine erzählen, die ich kürzlich hörte und die sich vor ungefähr hundert Jahren in Bamberg ereignet hat. Dort lebte ein frommer, gelehrter Rabbiner Namens Rabbi Nathan Utitz. Sein einziger Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ging einst mit seinem Lehrer spazieren. Da begegnete ihnen eine Procession und der Volkshaufe verlangte von den Juden, daß sie vor dem Bilde niederknieen und es anbeten sollten. Als sie sich weigerten, schlug man sie; da kniete der Lehrer nieder; der Knabe aber blieb standhaft, und der Pöbelhaufe schlug so lange auf das Kind, bis daß es starb. In seinem Studirzimmer saß, nichts ahnend, der Rabbi beim Talmudstudium. Da öffnete sich die Thüre, und auf einer Tragbahre wurde die Leiche seines einzigen Sohnes hereingebracht; zugleich erzählte man dem vor Schreck erstarrten Vater, was sich ereignet hatte. Da faßte sich der Rabbi, eilte zu dem heiligen Schrein, der sich m t dem Buche der Lehre in seinem Zimmer befand, öffnete ihn weit und rief: „Gelobt seist Du, all barmherziger Gott, daß mein Sohn die Versuchung überwunden, daß er das Glück gehabt hat, Deinen großen Namen vor aller Welt zu heiligen!" Dann aber brach der starke Mann zusammen und weinte um den Verlust seines einzigen Sohnes."" Auch die Kinder weinten. „Gott sei Dank," sagte Moritz, nachdem er sich die Augen getrocknet, „daß solche Gewaltlhaten nicht mehr Vorkommen! Doch wenn sie vorkämen, auch ich fühlte die Kraft in mir, Gottes Namen zu heiligen!" Plötzlich fühlte er sich von hinten umfaßt und zwei heiße Lippen drückten einen innigen Kuß auf des - Knaben Stirne. Frau von Wolfseck war unbemerkt, herzugekommen und hatte bas Gespräch der Kinder belauscht. Thränen rannten über ihre Wangen, Thränen des Schmerzes und der höchsten Freude. „Ach," sagte sie, „mein geliebter Sohn, auch in unfern Tagen gibt es noch ähnliche Versuchungen; glücklich, wer wie Du die Kraft in sich fühlt, die Versuchung überwinden zu können." Von diesem Augenblicke an war ihr Entschluß gefaßt. Sie beschloß, ihren Sohn bei den bevorstehend den Kämpfen zu ihrem Vertrauten zu machen, ihn selbst zum Kampfe anzuregen. „Mutter," rief Moritz aufspringend und die Mutter umarmend, „Du weinst? Du hast gewiß Naphtalins Geschichte mit angehört! Nicht wahr, sie ist sehr rührend?" „„Sehr rührend,"" sagte Auguste, mit Gewalt die ausbrechenden Thränen zurückhaltend. „„Naphtali erzählt so schön."" „Das sag' ich ja immer!" rief Wilhelmine. Frau von Wolfseck aber entfernte sich rasch; sie ging in ihr Zimmer, verschloß es und flehte unter heißen Thränenströmen den Allmächtigen an, daß es ihr gelingen möge, ihr geliebtes Kind zu schützen und dem Glauben der Väter zu erhalten. Dann setzte sie sich in ihren Lehnstuhl und saß lange, lange sinnend da. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redacrion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux^lchm Hofbuckhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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