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Der Israelit · 1870-08-24 · Heft 34 (24.8.1870) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 34 (24.8.1870)
Date
1870-08-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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638 O standes zusammengesetzt ist. Aber wohlthätig ist er doch gegen die Unbemittelten! Man weiß das; man kennt die Quellen seines tendenziösen Wohlwollens, das im Verborgenen seine Netze legt, um so Gesinnungsgenossen zu werben; ein theurer Feldzug das, aber ein wohlberechneter und erfolgreicher. — Dem Vorstände greift der Lehrer der Gemeinde helfend unter den Arm, er gewährt seinen Vorgesetzten Absolution, oder vielmehr Sanction. Derselbe hat sich die Aufgabe gemacht, die Jugend dem wahren Judenthum vollends zu entfremden. Die Eltern dieser Kinder hat erst das Leben und der Mangel an Bildung vom Judenthum entfernt, den Kindern will man die hieraus entstandenen Gewissensbisse ersparen; schon die Schule soll ihnen den Treubruch als Recht und die Wahrheit als Lüge darftellen. Der Religionslehrer zu Michelstadt begnügt stch nicht damit, jo min zu leugnen und es die Kinder zu lehren, sondern läßt sie auch schwarz auf weiß niederschreiben, daß es unsinnig fei, anzunehmen, daß Gott sich auf dem Sinai offenbart rc. rc. Was man danach von dem Privatleben eines solchen Mannes zu halten hat, brauche ich nicht zu erwähnen. Aber wie weit dieses verderbliche Beispiel der Leiter unheilbringend auf das ganze Leben innerhalb der Gemeinde wirkt, will ich zu schildern versuchen. Doch davon in nächster Nummer, f. G. w. □ Mtttnchen, 15. August. Herr Hosbanquier Joseph v. Hirsch hat für die verwundeten Soldaten die Summe von 5000 fl. gespendet, Herr Privatier Adolph Kohu die Summe von 300 fl. Ueberhaupt haben sich die Israeliten hier trotz der allgemeinen GÄd- und Geschäftökrisis wieder außerordentlich wohlthätig gezeigt. Aus Schwaben. Unser berühmter Landsmann, Berthold Auerbach, der bekannte Schriftsteller, der sonst nicht gewohnt ist, seine Feder demDienste deö Krieges zu weihen, sondern lieber auf den friedlichen Gehöften biederer Dorfbewohner den Stoff seiner Erzählungen sich bewegen läßt, hat in jüngster Zeit, als er sich in den Gauen seiner Heimath im Schwarzwald befand, mit einem von wahrem Patriotismus eingegebenen Aufsatz: „Was will der Franzos? Was will der Deutsche?" sein engeres und werteres Vaterland überrascht, der vermöge seiner echtdeutschen Haltung nicht verfehlen konnte, auf alle deutschen Leser, die im Ingrimm gegen ihre übermüthigen Nachbarn bisher nicht hatten Worte finden können, um demselben Ausdruck zu verleihen, den tiefsten Eindruck zu machen. Während. seines Aufenthalts in dem schwäbischen Bade Cannstatt wurde ihm von der Gesellschaft Concordia und von der Kurkapelle als Zeichen der Verehrung ein Ständchen gebracht, wozu eine große Menge Theiluehmer vor der Wohnung des Gastes sich sammelte. Seine geistreiche Ansprache an die Hunderte von Anwesenden endete mit einem „Deutschland Hoch!" und rief Einen kaum zu beschreibenden Sturm von Beifallsbezeugungen hervor. , Es ist dieser Vorfall wieder ein erhebendes Zeichen dafür, daß die Cvnfessivn nicht einen Markstein für den Patriotismus bildet. So beklagt sich auch ^er „Schwäbische Merkur" iu der Nummer vom 7. August »her die Unart oberrheinischer Christen, welche badische Israeliten deshalb beleidigten, weil ein französischer Jude die deutschen Offiziere entdeckte, welche auf französischem Boden eine Reeognoscirung gewagt hatten. Q heilige Einfalt! Dann dürfte ja der Katholik Preußens auch sein Schwert nicht zücken gegen das katholische Frankreich und jede Confesfion bildete einen verrätherischen Staat im Staate. Die Confession hat nichts mit der Politik zu thun und sollte in keinem Falle so hervorgehoben werden, wie geschehen. Wer spricht von einem Juden, wenn er Berthold Aerbach hört, wer denkt an einen Juden, wenn der Präsident Simson redet, und doch sind*) und waren Beide und noch viele ersten Männer in Deutschland — Juden. Tausende derselben kämpfen jetzt für des Vaterlands Freiheit und Recht. Hoffen wir, daß aus der blutigen Saat dieses Krieges die Frucht wahrer Menschenliebe und Toleranz hervorgehen wird! Berlin, 16. August. Zu den Errungenschaften unseres so intelligenten Jahrhunderts, in welchem Mitrailleusen, Chassepots und Turcos eine besondere Rolle zur Beförderung der Civilisation spielen, kan» man mit gutem Gewiffen die sogenannte Langeweile regisiriren, welche unseren Vorfahren in der Form und in der so verheerenden Weise, wie solche jetzt auftritt, vollständig unbekannt war. — Für Männer der Wiffenschaft wird es einst eine dankbare Aufgabe sein, diese Krankheits-Erscheinung, und eine solche ist sie, in ihren verschiedensten Abstufungen zu klassificiren. — Hier wollen wir nur mit einer Species derselben uns beschäftigen, mit der Langeweile, wie sie in das Heereslager der Neologen eingezogen, und sich in einem mit S. Unterzeichneten Artikel der Allg. Ztg. des Judenthums vom 9. Aug. d. I. kundgibt. — Wir wollen aber keinesweges die Behauptung aufstellen, daß uns genannter Artkel Langeweile verursachte, im Gegentheil, — er trug wesentlich dazu bei, unsere Anschauug über das Treiben der Neölogen und über ihre Kampfes-Methode zu klären. Wir mußten uns nämlich die Ueberzeuguog zu eigen machen, daß, nachdem die projectirte Synode *) Anm. der Red.: Wenn wir reckt unterrichtet sind» so ist Simson nicht mehr Jude.

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