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Der Israelit · 1870-08-24 · Heft 34 (24.8.1870) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 34 (24.8.1870)
Date
1870-08-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XI. Jahrgang. * Beilage zu Nr. 34 des Israelit. Zeitungsnachrichten nn- Correspondenzen. Deutschland. Aus dem Odenwalde. Der Aufschwung, dessen sich unsere heilige, jüdische Sache in den letzten Jahren des gegenwärtigen Decenniums erfreut, ist ein so unverkennbar großartiger, daß selbst unsere Gegner ihn anerkennen mußten. Die Jeremiaden über den eigenen Banquerott, die Schimpfreden gegen die geschlossene Phalanx, welche wir dem unlautern Treiben auf der andern Seite entgegensetzen, documentiren unfern Sieg — d. 'h. den des unverfälschten JudendenthumS — so laut, daß es einer Verkündigung desselben von unserer Seite nicht bedarf, j'i ty3 n&nin idi ony n«03. Di sen Steg verdanken wir nächst Gottes Hilfe dem Umstande, daß wir gerade die Waffen, mit welchen uns unsere Gegner zu Boden zu schlagen hofften, gegen dieselben richteten, daß wir in Schrift und Rede dem Fortschritt, der Aufklärung, der Gewissensfreiheit warm das Wort redeten, daß wir uns mit einem Worte Waffen bedienten, die voraussichtlich im Dienste der Wahrheit mit glänzenderen Erfolgen kämpfen mußten, als ln dem der Lüge. Und fie haben sich herrlich bewährt, diese Waffen. Man hat nachgewiesen, daß sie ursprünglich jüdischen Arsenalen entnommen sind, daß sie in ihrer wahren Form niemals gegen das unverfälschte Judenthum kämpfen können, da sie ihm ja ihr Dasein danken. Die tägliche Erfahrung zeigt uns vielmehr, daß wahre Cultur und wirklicher Fortschritt mit den Forderungen unserer heil. Religion Hand in Hand gehen, zeigt uns, wie diese scheinbaren Gegensätze in dem Leben des echten Jehudi sich ausgleichen und gegenseitig ergänzen. Diese einleitenden Bemerkungen schienen mir nöthig, um die Verhältnisse unserer Glaubensgenossen im Odenwalde treu darzustellen. Man glaubt gewöhnlich, daß der Abfall vom Gotteögesetze in Großstädten größere Dimensionen angenommen habe, als auf dem Lande, dessen Bewohner sich durch eine heilige Scheu zurückhalten ließen, Hand anzulegen an unsere heil. Thora. Für die Israeliten des Odenwaldes paßt dies leider nickt. Sie haben nicht die Kämpfe getheilt, die uns endlich den Sieg brachten, sondern müßig haben sie den Streitern zugeschaut, da ihnen der vasus belli, unsere heil, ruic«, zu geringfügig schien, um seinetwegen die vielfachen Beschwerden eines langwierigen Kampfes zu übernehmen; sie haben zwar nicht offen gegen uns Partei ergriffen, aber sie sind, was noch viel schlimmer ist, neutral geblieben. Sie trifft der Vorwurf unseres großen Lehrers, 7I2 13VN ONM nvnvv'? O3'!1«N. Neutral zu bleiben in einem solchen.Kampfe, neutral, d. h. nicht warm und nicht kalt, also lau zu sein, wo Alles glüht und drängt, das kennzeichnet sich selbst, das straft sich auch selbst. Leben ohne Bewegung scheint dem gebildeten Menschen unmöglich; und er schließt aus dem Mangel an Bewegung und Fortschritt auf den Mangel an Bildung. Ja, das ist der wahre Kern des Uebels. Statt gediegener, Menschen und Sitten veredelnder Bildung, treffen wir hier fast allenthalben auf leeren Schein und nichtigen Flitter, der das Geld und das Geschäft zur höchsten Tugend erhebt, und über alles Andere verächtlich die Achseln zuckt. Nur ganz wenige Ausnahmen haben wir hier zu constatiren; während die bei weitem größte Majorität an diesem Nebel krankt. In den meisten dieser Gemeinden ist weder Bildung noch Judenthum zu finden. Was Wunder, wenn das Allerheiligste, Allerwicktigste oft gleichgiltig, meist in muthwilliger Absicht mit Füßen getreten wird. Da ist, die Gemeinden Beerfelden und König ausgeschlossen, keine Gemeinde im Odenwald, deren Mitglieder nicht, fast durchgängig ohne durch irgend eine äußere Notwendigkeit veranlaßt zu sein, den Sabbat auf frivole Weise entweihen; und dieses Alles greift so epidemisch um sich, daß man sich bekümmert ftagen mu!', wie es wohl in einem 1/a Jahrhundert mit unserer Emunoh hier aussehen wird? Die Gemeinde Michelftadt steht an der Spitze des Abfalles und bewahrheitet so in trauriger Weise das Wort unserer Weisen: simo mv3 Bmpon ^>3 inr3. Michelstadt, eine Stadt, die durch ihre früheren Rabbinen und deren zahlreichen Schüler einen großen Ruf über das ganze Erdenrund genoß, bietet heute ein so trauriges Bild gewiffenloser Jrreligiösttät, daß sich ihm kaum ein zweites an die Seite stellen läßt. An der Spitze steht als Vorstand ein Neologe von reinstem Wasser. Derselbe versteht es auf eine meisterhafte Art, seine verderblichen Principien zur Geltung zu bringen. Er weiß, daß Jndifferentismus unserer guten Sache am meisten schadet; man ist also gleichgiltig, schafft nicht einmal Altes ab, um nur nicht die Aufmerksamkeit auf dasselbe zu lenken, sondern läßt Alles in gründlichem Schlendrian fortvegetiren. Der Vorstand selbst besucht die Synagoge höchst selten, kümmert sich also nicht um die Vorgänge in derselben, und läßt, wenn von Zeit zu Zeit Einigen das Treiben daselbst zu bunt wird, die diesbezüglichen Beschwerden ganz unbeachtet. Das sind so ziemlich die Factoren, aus denen die Bildung des Vor-

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