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Der Israelit · 1870-08-24 · Heft 34 (24.8.1870) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 34 (24.8.1870)
Date
1870-08-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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636 HeuSkraft. Aber sie verbarg die Kraft, die sie durchströmte. Als Wolfsohn kam, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, stellte sie sich sehr schwach und gab raum Antwort. „Wilhelmine," sagte er, nachdem er die Wärterin hinausgeschickt hatte, „Du fühlst Dich angegriffen?" „„Ich werde sterben,"" hauchte sie, „„und Du wirst dann mit Moritz thun, wie Dir beliebt."" „Du wirst nicht sterben." „„Ich werde sterben; aber das Eine versprich mir, mag es auch werden mit mir, wie Gott es beschließt, mag ich leben oder sterben: lasse Moritz noch ein Jahr zu Hause; das Kind ist zart und schwach; er wird die ftemde Umgebung noch nicht ertragen können."" „Seine Majestät, der König, wünscht, daß er sofort eintrete." „„Sage dem Könige, daß das Leben Deiner Frau abhänge von der Erfüllung dieser Bitte."" Wolfsohn suchte um eine Audienz nach. Als er beim Könige erschien, fragte dieser: „Nun, Herr von Wolfseck, wann wird Ihr Söhnchen in's Kadettcnhaus treten?" „„Majestät, ich habe ein krankes schwaches Weib, das sich noch nicht trennen kann von dem einzigen Sohne. Gewähren ihr Eure Majestät gnädigst, daß sie nock ein Jahr ihren Jungen bei sich behalte!"" „Gerne. Wie ist's denn, haben Sie ihn schon taufen lassen?" „„Auch das muß ich noch aufschieben. Meine Frau hängt noch an den alten Vorurtheilen. Es würde bei ihrer angegriffenen Gesundheit ihr Tod sein, wenn ich jetzt energisch austräte. Später wird sie sich schon darein finden."" „Ist Ihre Frau eine gebildete Dame?" „„Das ist sie, Majestät. Sie hat eine sehr gute Erziehung genossen, und an Wissen gibt es wohl wenige Frauen, die sie übertreffen."" „Sonderbar! Und diese gebildete Dame hängt an der jüdischen Religion? Man hat mir doch gesagt, daß alle gebildete Juden längst mit dem Judenthume gebrochen haben!" Der König winkte mit der Hand, und Wolfsohn war entlassen. Als der König allein war, sagte er: „Ich kenne doch die Juden und das Judenthum zu wenig; ich glaubte bisher Alles, was man mir darüber erzählt; ich muß doch aus eigener Anschauung mir nähere Kenntniß zu verschaffen suchen." Als Wolfsohn seiner Gattin die Nachricht von dem erlangten Aufschübe brachte, erholte sich Auguste sichtlich. Jetzt verlangte sie, ihre Kinder zu sehen , nach denen sie bisher gar nicht gefragt hatte. Moritz und Wilhelmine eilten herbei und umarmten stürmisch die genesende Mutter. Moritz lachte und weinte und bedeckte die abgezehrten H5K>Hr Kranken mit Küffen. Wilhelmine warf sich auf's Bett und weinte laut. Man mußte die Kinder entfernen, um die Kranke nicht zu sehr aufzuregen. Nack wenigen Tagen schon konnte Auguste das Bett verlassen. Sie fühlte sich so wohl wie seit Jahren nicht. Der Entschluß, sich zum Kampfe gegen ihren Gatten zu rüsten, ihre Kinder vor ihm zu schützen, erfüllte sie mit einer Energie, welche ihre Nerven stählte, ihrem Geiste Spannkraft verlieh. Noch wußte sie nicht, wie und in welcher Weise sie den Kampf beginnen und zum glücklichen Ende führen sollte; aber sie betete zu Gott und fand Trost, Erquickung und Kräftigung im Gebete. Als Auguste genesen war, begann sie damit, ihren Haushalt neu einzurichten, neues Kochgeschirr und Porcellan anzukaufen, das Silber aber zu kaschern. Zugleich nahm sie jüdische Köchinnen in's Haus und beorderte einen jüdischen Fleischwaarenhändler mit der Lieferung deS Bedarfes für ihren Haushalt. Zu seinem größten Erstaunen erfuhr Wolfsohn, was in seinem Hause vorging. Er war außer sich vor Wuth und befahl seiner Frau mit harten Worten, diese Narrenspossen zu unterlassen. „Wolssvhn," sagte Auguste ruhig, aber fest, „laffe mich gewähren. Ich habe das an den Pforten des Todes gelobt. Willst Du mich aber hindern, nach jüdischem Gesetze zu leben, so gehen, unsere Wege auseinander, so werde ich mich von Dir scheiden lassen." Erstaunt blickte Wolfsohn sein ehedem so schwaches, energieloses Weib an. In diesem Augenblicke wurde es ihm klar, daß er die Achtung und die Liebe dieses edlen Herzens verscherzt hatte; er versuchte, wieder einzulenken. „Kindereien, Auguste," sagte er lachend. „Meinst Du, ich würde Dich so leichten Kaufes aufgeben? Thue, was Du gelobt hast, wenn es Dir Vergnügen macht." Am nächsten Freitag - Abende wurden im Wolfsohn'schen Hause zum ersten Male seit vielen Jahren die Sabbatlichter wieder angezündet. Wolfsohn war nicht zu Hause; aber Moritz und Wilhelmine verbrachten mit der geliebten Mutter den Abend in stiller Sabbatruhe. Die Kinder hatten die jüdischen Sitten im Umgänge mit der Ruhdorf'schen Familie längst lieben gelernt. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: JDr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf -Schnellpressendruck von I. Gott sieben in Mainz.

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