Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1870)
- Date
- 1870-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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635 Feuilleton. Säe» »ttb Krute». X.») Ln beit Pforten des Todes. Auguste verfiel in eine heftige Krankheit. Neun Tage lang rang ste mit dem Tode. Moritz und Wilhelmine weinten um die Mutter, deren Schmerzenslater ste auf Befehl des Vaters nicht nahen durften. )iefer selbst blieb kalt; sein versteintes Herz wurde durch keine Gewissensbisse beunruhigt. Wenn der Gedanke in ihm aufftieg, daß er den Tod seines Weibes verschulde, so wies er ihn mit Energie zurück. WaS konnte er dafür, daß dieses Weib sich nicht zu erheben vermochte auf die Höhe der neuzeitlichen Ideen? Sollte er um der Schwäche eines Weibes willen seinem Sohne eine glanzende Carrißre verschließen, deren Glanz aus ihn zurücksallen würde? Am neunten Tage ließ die Heftigkeit des Fiebers nach. Die Kranke hörte auf zu phantastren und verfiel in einen erquickenden Schlaf. Als ste nach zwölf Stunden erwachte, hatte sich das Bewußtsein wieder eingestellt, zugleich aber auch die traurige Gewißheit von dem, was ihr Kind bedrohte. Sie ließ ihren Gatten zu sich rufen. „Wolfsohn," sagte sie, „Du hast mich an den Rand des Grabes gebracht!" „„Nicht ich,"" erwiderte er kalt, „„Du selbst, Deine thörichten Vorurtheile haben Dir geschadet."" „Wolfsohn, ich will nicht mit Dir hadern; ich bin auch viel zu schwach dazu. Du stehst, daß durch Deine Pläne mein Leben gefährdet ist. Nun gut, Du sollst Recht haben, ich selbst soll die Schuld tragen; kann ich dafür, daß ich ein schwaches Weib bin, daß ich mich nicht zu der Höhe Deiner Anschauungsweise emporschwingen kann? Deßhalb habe Erbarmen, habe Mitleid mit mir, tödte mich nicht!" „„Fern sei es von mir, Dich tödten zu wollen! Du wirst wieder genesen und Dich mit mir an der glänzenden Carriöre unseres Moritz erfreuen."" „So hast Du diesen entsetzlichen Gedanken noch nicht aufgegeben?" „„Wie sollte ich? Seine Majestät, der König, hat mein Wort."" „Unser guter König wird es Dir zurückgeben, wenn Du ihm sagst, daß Deines WeibeS Leben davon abhängt." „„Du wirst nicht sterben!"" „Wolfsohn, warum willst Du Deinen einzigen Sohn zum Soldatm erziehen? Warum willst Du ihn nicht in Dein Geschäft nehmen, in welchem Du soviek Glück gehabt hast?" „„Mein Vermögen soll die Staffel bildm, auf welcher mein Sohn za einem höheren Stande emporsteigt. Mit meinem Gelbe wird sich militärische Ehre, kriegerischer Ruhm verbinden, und das Geschlecht derer von Wolfseck wird erblühen zu einem der ruhmreichste» unseres Vaterlandes."" „Du bau'st Luftschlösser! Hast Du denn auch schon erforscht, ob Moritz Liebe und Neigung zum Soldatenstande hat?" „„Wenn er jetzt schon in'S Kadettenhaus einttitt, so wird diese Liebe bald hervortreten!"" „Nun, wenn Du durchaus dabei beharrest, so laß ihn wenigstens als Juden eintreten; steht der Glaube der militärischen Laufbahn entgegen? In Oesterreich, in Frankreich, in Holland gibt es viele jüdische Offiziere." „„Aber nicht in unserm Vaterlande; nein, die Taufe ist unbedingt nothwendig."" „Wilhelm, Du hast mich einst geliebt; bei dieser längst entschwundenen Liebe beschwöre ich Dich, zwinge mein Kind nicht zum Abfalle von unserer heiligen Religion!" „„Ich liebe Dich heute noch; aber weil ich Dich und unsere Kinder liehe, will ich für die Ehre und den Ruhm unseres Hauses sorgen."" Mit diesen Worten entfernte er sich. Im Vorzimmer schon fing er an, ein Liedchen zu trällern, und Auguste hörte ihn fingen: „Ach, wenn ich doch kein Mädchen war'! „Das ist ja recht fatal! „Ich ginge unter's Militär, „Und würde gleich Gen'ral." Erschöpft sank die Kranke in die Kissen zurück. „Gott, Gott," flüsterte sie, „was ist aus diesem Manne geworden! Seine Herzlosigkeit übersteigt alle Grenzen. Ehrgeiz, Eitelkeit, Gewinn - und Genußsucht sind die einzigen Triebfedern seines Handelns. Ach, wäre ich schon gestorben, wäre diesem Elende für immer enthoben! Aber wer weiß, ob er nicht schon daran denkt, nach meinem Tode irgend ein Fräulein von altem Adel zu heirathen! Was würde dann aus meinen Kindern werden! Nein, ich will nicht schwach sein; ich will stark sein zum ersten Male in meinem Leben! O, hätte ich mich früher aufgerafft, hätte nicht immer nachgegeben — es wäre nicht so weit gekommen. Von jetzt an aber will ich stark sein, will wachen über meine Kinder, will sie schützen vor dem Leichtsinn, vor dem Ehrgeize ihres Vaters! Vor allen Dingen muß ich wieder gesund werden, und ich werde gesund sein. Gott wird mir beistehen." Sie schlief wieder ein; ein langer, langer Schlaf kräftigte sie. Als sie erwachte, fühlte sie neue Le- *) In der vorigen Nummer lies ix. statt xi.