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Der Israelit · 1870-08-17 · Heft 33 (17.8.1870) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
11 (1870)
Issue
Heft 33 (17.8.1870)
Date
1870-08-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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625 die Münze ausging, nahm er sein Brod aus seinem Brodsacke und vertheilte es unter ihnen. Diese außergewöhnliche Handlung, besonders von einem Soldaten, erregte die Aufmerksamkeit des Königs so sehr, daß er sagte: „Diesen Mann muß ich kennen lernen, gehen Sie und rufen Sie ihn hierher." Der General, welcher durch seine Uniform als solchekenntlich war, ging zu dem Soldaten. Dieser, welcher sowohl den König als den General kannte, aber sich stellte, als kenne er sie nicht, präsentirte das Gewehr. „Der Herr auf der Bank dort will ihn sprechen." „Excellenz wissen: ein Soll at darf seinen Posten nicht verlassen." „Gut, ich werde ihn ablösen lassen." Der General ging auf das nächste Wachtlokal und ließ ihn ablösen. Der Soldat ging, wie von ihm verlangt wurde, machte vor dem König seine Honneurs und blieb ehrfurchtsvoll vor ihm stehen. Der König: „Was hat er den Sträflingen gegeben?" „Gnädiger Herr! was ich bei mir hatte." „Was war das?" „Meine Wochenlöhnung, die ich heute gefaßt habe." „Er hat ihnen aber auch sein Brod gegeben?" „Weil ich weiß, was hungern heißt!" Was will er denn heute essen, oder hat er noch einen Vorrath?" „Nein, gnädiger Herr, aber ich bin das Fasten eher gewöhnt als jene Leute; nebst den uns gebotenen sechs Fasttagen, habe ich schon manchen Tag fasten müssen." „Morgen habe ich wieder Brod." „Er ist doch kein Jude? diese haben gebotene Fasttage." „Gnädiger Herr, allerdings bin ich Jude." „Wie kommt das? die Juden zahlen doch für jeden gezogenen Mann ein Aversum an die Kriegskasse?" „Mein Vater ist Einläger*) in W.da sagten die Gemeinden: wir seien nicht einheimisch, die Kasse sei nicht für uns; übrigens diene ich meinem König gern." „Wie stark ist seine Familie, und mit was nährt ihr euch?" Früher, als noch der Judenleibzoll war, und wenn der Jude diese Abgabe entrichtet gehabt hatte, konnte er ungehindert mit seinem kleinen Kram hausiren. Wir handelten mit Kurzwaaren: Bändel, Faden, Knöpfe, Nadeln, Brillen u. d. g. und erhielten uns so ziemlich gut; jetzt hat dies aufgehört. Mein Vater sucht durch Botengänge und durch Commisstonen, meine Mutter und Schwester durch Aushilfe in Haushaltungen, Kranken- und Wöchnerinnenpflege etwas zu verdienen, eö geht aber öfters knapp her." „Glaubt er sich und seine Eltern subsistiren zu können, wenn ihm das Haustren erlaubt würde?" „Ja gewiß, gnädiger Herr, wir wissen uns zu begnügen." Hieraus sprach der König etwas in einer fremden Sprache, wahrscheinlich französisch, mit dem Ge¬ *) Einläger waren solche Heimathlose, die dahin verwiesen wurden, wo sie geboren oder copulirt wurden. neral. Dieser zog ein unbeschriebenes Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb mit einem Bleistift darauf und gab es dem König. Dieser schrieb darunter, t falzte es und gab es dem Soldaten mit dey Worten: „Dies trag er auf die Kciegskanzlei, und warte er bei Götsch aus den Erfolg." Götsch, oder gewöhnlich Götsch Freudenthal, war Hoffaktor, ein Mann von sehr humoristischer Natur, und durch seinen treffenden Witz eine beliebte Person bei Hofe, besonders bei dem Könige; übrigens ein wahrer Jehudi von altem Schlage. Unser Soldat wurde auf der KriegSkanflei von dem Kanzleidiener wie gewöhnlich mit den Worten: „Was will er? Was hat er?" empfangen. „Ein Herr hat in der neuen Anlage mir Dieses gegeben, ich soll es auf die KriegSkanzlei tragen." „Geb' er her! — Da das Billet nicht versiegelt war und keine Aufschrift trug, las es der Kanzleidiener und ward höflicher. — „Warten Sie einen Augenblick, ich will Sie bei seiner Excellenz melden." Nach kurzer Zeit kam er wieder „Sie können bei Sr. Excellenz eintreten." — Der Minister: „Wo hat er den König gesprochen?" „In der neuen Anlage, Excellenz, wo ich Wache stand." „Wie ist das zugezangen?" Der Soldat erzählte den Hergang. „So! er bekommt den Abschied und hier eine Anweisung auf 150 fl., die er bei Götsch erheben kann. Warte er bei Götsch bis seine Sache ausgefertigt ist." Man kann sich denken, welche Freude unser Mann bei dieser Nachricht empfand. Er traf Götsch nicht zu Hause an, wurde aber von seiner Gatttn — einer jüdischen Hausfrau — freundlich empfangen und gut bewirthet. Als Götsch nach Hause kam, übergab der Beglückte ihm die Schrift und erzählte den Hergang. „Ei, ei, wie wahr: moo?’srn npis," vor dem Erschossenwerden braucht Euch nicht mehr bang zu sein; aber Eure W . . . r werden sich runo sein! die können jetzt 300 fl. zahlen, 150 für Euch nnd 150 für die Kriegskasse. Zudem seit Ihr und Eure Eltern nun heimisch, wie der Parnes. Bleibet da, bis Ihr Eure Schriften bekommt. Ich fteue mich schon, wie der König mit mir darüber lachen wird. Solche Handlungen machen ihm Vergnügen." Unser Mann hielt einen guten Sabbath in Stuttgart. Die Woche darauf erhielt er seinen Abschied, das Heimathrecht für seine Ettern und ein Patent, mit Kurzwaaren in ganz Württemberg haustren zu dürfen.

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