Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1870)
- Date
- 1870-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI. Jahrgang. Beilage zu Nr. 33 des Israelit. Leitender Artikel. Don Kotles Knadm. Mainz, 10. August. Bekanntlich ist die Formel „von Gottes Gnaden" in jüngster Zeit Gegenstand einer heftigen Controverse von Seiten der verschiedenen politischen Parteien geworden. Zwar wird kein Gottgläubiger Mensch leugnen, daß die Fürsten das, was sie sind, durch Gottes Gnade sind; nur die aus dieser Formel gezogenen Consequenzen bieten den auseinandergehenden Ansichten Raum. Ohne auf diese näher einzugehen, wollen wir hier constatiren, daß das Judenthum ein Königthum „von Gottes Gnaden" anerkennt und demselben in dem Segensspruche beim Anblicke der Majestät Ausdruck verleiht. Dieser Segensspruch lautet: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der von Seiner Herrlichkeit schwachen Menschen (“teob Dm) verleihet." Es ist etwas Großes um diese Segenssvrüche, welche unsere Weisen an alle Ereignisse des menschlichen Lebens. gleichsam angesügt haben uud die geeignet sind, allem unfern Denken und Fühlen den richtigen M§ aßstab zu verleihen, Alles auf Gott, den Herrn, zurückzufübren. Es war am 20. Juni d. I., als wir uns, auf einer Reise nach Hamburg begriffen, in Kassel aufhielten und die dortige Industrie - Ausstellung besuchten. Auch der König von Preußen, im Begriffe sich nach Ems ins Bad zu begeben, besuchte an jenem Tage die Ausstellung. Biele Menschen umringten und umdrängten den König; ein Jeder war glücklich, auch nur einen Blick von ihm zu erhaschen. Der greise Monarch ging durch die Ausstellungsräume, äußerte sich belobend bald über Dies, bald über Jenes, und beglückte durch sein beifälliges Urtheil die anwesenden Fabrikanten und Künstler, während Diejenigen, deren Produkte nicht die Allerhöchste Beachtung auf sich gezogen, finster zur Erde blickten. „Woher doch," fragten wir uns, „diese Erscheinung? Diese Leute könnten doch wissen, daß ein M<mn nicht im Stande ist als Kenner über 10,000 verschiedenartige Erzeugnisse der Industrie und der Kunst zu urtheilen; auch erwächst ihnen kein Vortheil aus dem Lobe des Königs und kein Nachtheil aus dessen Nichtbeachtung. Der König kauft nichts von allen diesen Maschinen, Möbeln, Instrumenten, Maaren und hat sicherlich im Laufe seiner ereignisreichen Tage alle diese Eindrücke, die für einen kurzen Besuch zu massenhaft sind, um überhaupt nachhaltig zu sein, bald wieder vergessen." Da kam der König in unsere Nähe; wir sprachen die Berachah, und da wurde es uns klar, daß es eben die von Gott verliehene Majestät ist, welche den schwachen Menschen emporhebt aus der Mitte seiner Mitmenschen. Nicht ganz sieben Wochen waren seitdem verfloffen, schwere, ereignißreiche Wochen. Aus seiner Badecur war der König herausgerissen worden durch die Streitlust eines mächtigen Nachbars; der Krieg war erklärt; Hunderttausende waren auf beiden Seiten unter die Waffen gerufen; schon waren die Heere an der Gränze der beiden kriegführenden Länder handgemein geworden; die deutschen Waffen hatten den ersten Sieg erkämpft, und an uns vorüber wurden die ersten gefangenen Franzosen geführt: die Söhne der Pyrenäen, der Ardennen und der Vogesen und jene schrecklichen Turcos, die aus den Steppen eines fernen WelttheileS herbeigeführt worden waren, um die Söhne unseres Landes zu morden — da fuhr der König an uns vorüber mit seinem Stabe, bestehend aus Männern von weltgeschichtlicher Bedeutung: Bismark, der tonangebende, die Fäden. der Geschicke Europas spinnende Minister, R o o n, der umsichtige Verwalter und geschickte Organisator des norddeutschen Heeres, M o l t ke, der geniale Erdenker gewaltiger Schlachtpläne, viele Fürsten und Prinzen im Gefolge der Majestät. Und als wir nun Gott den König der Welt priesen, der von Seiner Herrlichkeit schwachen Menschen verliehen, als wir den ehrwürdigen Greis mit gutmüthigem Lächeln unfern ehrfurchtsvollen Gruß erwiedern sahen, da wurde es uns so recht zu Gemütbe geführt, daß Gott es ist, in dessen Hand das Herz der Könige, daß Er die irdische Regierung gestaltet hat ähnlich der himmlischen Nypm NniDto pyu «ymn «nobo So möge denn Gott das Herz der Könige lenken, daß bald genug sei des vergossenen Blutes, genug der Getödteten und Verwundeten, daß bald wieder der holde Friede die Erde beglücke. geitungSnachrichten nnd Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 15. August. Soeben hatten wir das Vergnügen, einen leichtverwundeten Landsmann und