Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1870)
- Date
- 1870-08-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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620 thum, auf all die Pracht, mit der ihr Herr Gemahl sie umgab, verzichtet! Das Alles brachte ihr nur Kummer und Herzeleid! Am meisten bangte es ihr um ihre Kinder, Moritz und Wilhelmine. Was sollte aus diesen werden? Durch den neuen Adel noch mehr von den Glaubensgenossen abgesondert als bisher, sah die unglückliche Mutter in der Ferne schon den Entschluß ihres Mannes kommen, Sohn und Tochter in altadlige christliche Familien zu verheirathen—und für Auguste gab es nichts Schrecklicheres auf der Welt als der Abfall vom Judenthume, die Verleugnung des Gottes Israels. Ach, dieses Entsetzliche sollte sich ihr nur zu bald ereignen. Als Wolfsohn bei seiner Majestät, dem Könige, Audienz hatte, um für den neuverliehenen Adel seinen Dank abzustatten, fragte ihn der König nach seinen Familienverhältnissen. Als Wolfsohn seinen Sohn Moritz nannte, fragte der König: „Und wozu haben Sie diesen bestimmt, Herr von Wolfseck? soll er einmal das Geschäft seines Vaters übernehmen?" „Wenn Majestät erlauben," entgegnete der von dem Werthe seines neuen Adels tiefdurchdrungene Banquier, „so werde ich für meinen Sohn eine andere Carriere wählen. Ich habe genug erworben, um ihm eine unabhängige Stellung zu sichern." „So lassen Sie ihn Soldat werden," sagte der König, für den es nichts Höheres gab als der Soldatenstand, „lassen Sie ihn schon bald ins Kadettenhaus eintreten, damit er sich früh an Disciplin und militärische Lebensanschauung gewöhne." „Eure Majestät machen mich zu glücklich durch diesen alleranädigsten Vorschlag. Aber ich möchte den Knaben nicht zu früh dem elterlichen Hause entziehen." „ „Ich kann meinen Rath nur wiederholen. Sie wissen, Herr von Wolfseck, daß das sociale Vorurtheil namentlich in den höheren Ständen gegen ihre Stammesgenossen nock stark ist. Wenn ich nun auch voraussetze, daß sie als fortgeschrittener, vorurtheilsfreier Mann, Ihren Zungen taufen lassen, ehe Sie ihn ins Kadettenhaus schicken — denn als Jude könnte t\ auch nicht eine Minute dort verweilen — so würde er doch wegen seiner jüdischen Abstammung Manches zu leiden haben, wenn ich ihn nicht in meine besondere Protection nehmen würde. Aber gerade deshalb ist es nothwendig, daß er schon als Kind in ein kameradschaftliches Verhältniß zu seinen Commilitonen trete!" „Majestät, ich finde nicht Worte, um für so hohe Gnade zu danken; ich werde sofort meinen Sohn für das Kadettenhaus anmelden und werde dafür Sorge tragen, daß noch vor seinem Eintritte der Glaube seines obersten Kriegsherrn auch der seinige werde." Der König entließ den Neugeadelten gnädig; entzückt kam dieser nach Hause und erzählte seiner Gattin von dem gnadenreichen Vorschlag des Königs. „Und Majestät," schloß er seine Mittheilung, „will unfern Moritz in allerhöchster Protection nehmen; da wird er bald avanciren und vielleicht noch im jugendlichen Alter General werden." „Aber Wilhelm," sagte Auguste, „ich würde für unfern Sohn nicht die militärische Carriöre wählen. Bedenke, wenn es Krieg gibt!" „ „Süß und wohlanständig ist's, für's Vaterland zu sterben!" " „ „Doch was wird bei den herrschenden Vorurtheilen gegen unfern Glauben unser Sohn als Jude gerade in jenen Kreisen zu erdulden haben!" „ „Freilich würde er das; aber deshalb muß er, noch bevor er in's Kadettenhaus eintritt, seinen Glauben mit dem seines obersten Kriegsherrn vertauschen." Ein furchtbarer Schrei rang sich aus der Brust Augustens los. „Was," rief sie, „Du willst Moritz taufen lassen?" „Nun," entgegnete Wolfsohn, „was ist's denn weiter? Alle Religionen sind gleich gut oder gleich schlecht. Für den vorurtheilSsreien Mann ist kein Unterschied zwischen Mohamed, Moses und .... „Nicht weiter, nicht weiter!" rief Auguste erregt, „o, geliebter Mann, thue doch das nicht! Nur das nicht! Siehe, ich will Deine Sclavin sein, Deine Launen, Deinen Uebermuth, selbst Deine.... Untreue fortan ruhig ertragen! Nur das thue nicht, zwinge unser Kind, mein Kind nicht,abzufallen vom Glauben der Väter!" „ „Thörichtes Weib! Sind wir denn nicht, Du und ich und unsere Kinder, längst abgefallen von diesem Glauben, dessen Vorschriften für uns nicht existiren? Und nun quäle mich nicht. Ich kann es nicht ändern, selbst wenn ich es wollte. Seine Majestät, der König, hat mein Wort." Diesmal hatte Auguste nicht mehr die Kraft, einen Schreckensschrei auszustoßen; sie sank ohnmächtig zu Boden. „Sie wird sich wieder erholen," sagte Wolfsohn kalt, „und dann wird sie sich fügen, wie noch immer." Darauf zog er die Klingel und befahl der eintretenden Kammerfraw ihrer Herrin beizustehen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf* Schnellprefsendruck von I. Gottsleden in Mainz.