Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1870)
- Date
- 1870-08-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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614 der wir uns zu richten haben. O, versäumen wir in so ernster Zeit die Selbstprüfung nicht! Frage sich doch ein Jeder: Hast du stets und immer deine Pflichten gegen deinen Gott und gegen deine Mitmenschen erfüllt? Siehe, Gott, der Allgütige, hat dir so viele geistige und körperliche Vorzüge verliehen, hat dir so viel des Guten gespendet dein Leben lang — und was verlangt er dafür? Nichts für Sich; zu deinem eigenen Besten hat er dir Seine heiligen Gebote und Verbote gegeben: die Sittlichkeitsgesetze, die dich an Körper und Geist gesund erhalten, die Ehegesetze, die dein Familienleben zu einem glücklichen und frohen entwickeln, die Sabbate und die Feiertage, die dich in dieser Welt einen Vorgeschmack der künftigen genießen lassen, die Speisegesetze, die deinem Körper die Fähigkeit verleihen, deinem Geiste zu dienen, und solchergestalt ist Alles, Alles, was Gott uns geboten hat. Siehe, Gott, der Allweise, hat die menschliche Gesellschaft geordnet, die größte Wohlthat, die dem Einzelnen des Lebens Genuß erst ermöglicht. Er hat besohlen, daß du deinen Mitmenschen liebest wie dich selbst, sein Eigenthum und seine Person achtest, ihn Nicht hintergchst, dich fern hältst von Lüge und Betrug, von Zank und Streit, von Neid und Haß, von Schmähung und Beleidigung, von Verleumdung und Uebervortheilung! O, so lasset uns einkehren bei uns selbst in so ernster Zeit, lasset unS fragen, ob wir denn auch erfüllt haben all unsere erhabenen Pflichten, vermieden das Böse und das Laster — und wenn unsere Abrechnung kein günstiges Resultat haben sollte, so lasset uns ablegen unsere Fehler und üblen Gewohnheiten, vor Allem aber lasset uns wieder gut zu machen suchen, was wir verfthlt, namentlich, was wir gegen unsere Mitmenschen gefehlt und verbrochen haben, nach dem Ausspruche des Propheten, yvan nay«: „Machet geschehenes Unrecht wieder gut! Lastet uns untersuchen unsere Wege und sie durchforschen und zurückkehren zu unserm Vater im Himmel! Literarischer ZSericht. The life and works of Rabbi Jehuda Ha - Nasi (Rabbi.) A theological study by Dr. H. W. Schneeberger. A. M. Berlin 1870. E. In einer so leidenschaftlich erregten Zeit, wie die unsrige, wo der dumpfe Kriegslärm Alles zu übertönen droht; ist es ganz besonders wichtige Pflicht auf solche Erscheinungen der Literaturwelt aufmerksam zu machen, die durch ihren gediegenen inneren Werth es wahrlich verdienten in einem günstigeren Augenblicke vor die Oeffentlichkeit zu treten als es der gegenwärtige ist. — Eine solche Erscheinung ist die vorliegende Broschüre. Sie behandelt das Leben und Wirken eines Mannes, der sich in den Herzen seiner Nation trotz der siebenzehn Jahrhunderte, welche seit seinem Tode verflossen sind, ein für alle Zeiten dauerndes Denkmal errichtet hat, dessen Geschichte aber nichtsdestoweniger arg im Dunkeln liegt. Dieses Dunkel zu lichten waren viele jüdische Gelehrte bemübt, doch gehen die Resultate ihrer Forschungen soweit aus einander/, daß die Confuston eher vermehrt als vermindert wurde. Die sämmtlichen Ergebniste dieser Untersuchungen hat nun der Verfasser e ner eingehenden Kritik unterworfen, und entscheidet sich schließlich für die Resultate Rapoports, auf welche gestützt er in fließender Sprache und klarer Darstellungsweise, die Biographie Rabbis entwickelt. Dem Verfasser gebührt zunächst das Verdienst, daß er scheinbar begründete Einwendungen gegen die Untersuchungen Rapoports, welche dieser selbst unwiderlegt ließ, ganz und gar entkräftete, und so den diesbezüglichen Forschungen Rapoports erst die wahre Geltung verschafft. Wenn bei dieser und andrer Veranlassung der Verfasser gegen die gewissenlose Flüchtigkeit und Tendenzmacherei eines Grätz und Krocbmal mit seltnem Erfolg zu Felde zieht, und seiner Entrüstung hierüber lauten Ausdruck gibt, so hat er sich hiermit gewiß d^e Anerkennung aller wahrheitsliebenden Sachverständigen erworben, wenn auch die Sprache an einigen Stellen etwas gemäßigter sein dürfte. Die Broschöre zeigt von einer anerkennenswerthen Belesenheit in den beiden Talmuden, den Midraschim und vielen anderen Schriften, besonders aber frappirt die historische Verwerthung und Ausnutzung selbst ganz unansehnlich scheinender Quellenangaben. Wao aber dem Schriftchen die Krone aufsetzt ist die wahre Pietät für diese heilige Gestalt der jüdischen Geschichte, von welcher es ganz und gar durchdrungenist. Es zeigt uns. daß man ansehnliche Beiträge zur jüdischen Geschichte liefern kann, ohne ihre Helden in den Staub zu ziehen, ja, daß man sie nur liefern kann, wenn man mit kindlicher Demuth an jene Riesengeister herantretend, sich erst dadurch befähigt, ihre erhabene Geistesrichtung zu erfassen und zu schildern. - Möge die Sorgfalt und der Fleiß, welche der Verfasser auf diese Arbeit verwandte, entsprechende Anerkennung finden.