Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1870)
- Date
- 1870-08-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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604 Sache. Haben Sie rat Hebräischen mehr gelernt als Sie von profanen Kenntnissen zu wissen scheinen?" „„Ob ich hob' gelernt! Ich kann oren und bensche« und leinen so gut wie einer."" „Ich verstehe Sie nicht!" / „Erlauben mir Eure Excellenz," sagte Ruhdorf, /„den Dolmetsch zu machen. Er behauptet, in hebräischer Sprache beten, das Tischgebet und das Nachtgebet sprechen zu können." * „Nun," entgegnete der Minister, „das wird gerade für unfern Zweck genügen. Sagen Sie einmal, Herr Buxbanm, kennen Sie das Kol Nidre-Gebet?" „„Ob ich kann das Kol Nidre Gebet? Gewiß kann ich es. O, Excellenz - Leben, daS ist ein gar scheues Gebet. An Kol Nidre zu Nacht, das ist den Abend vor Jom Kippur, da ist die Schul, die Synagoge, geproppt voll. Da kommen sie alle, auch die Allerneumodischsten, die sich sonst das ganze Jahr in Gottes heiliger Schul nit sehen lassen. Und da stehen se alle beeme und uwejire in Furcht und Zittern und schwätze nit und plaudere nit und ziehen an die Tachrichim, die Sterbekleider, und hülle sich ein in ihre Taleßim, in ihre Gebetmäntel, und der Row und zwei andere würdige Leit' stellen sich neben den Chasen, den Vorsänger, und sagen mit weinerlicher Stimme; Bijschiwa schel Maalo, und dann fangt der Chasen, der Vorsänger an: Kol Nidre; erst ganz leise mit einem Nigen, mit einer Melodie, Herr Minister - Leben, die geht bis tief, tief in'ö Herz, und dann lauter und lauter; und da denkt Jeder an Alles, was er gethan hat, das ganze Jahr, an so Manches, was nicht so ganz recht war, und Jeder fangt an zu weinen und sagt zu sich: Du bist doch ein arger Bal Chet, ein graußer Sinder, und jetzt ist der heilige Jom Kippur und Gott sitzt zu Gericht und schreibt ein in die Bicher des Lebens od r deS Todes, und wie werd'S Dir gehen, wenn Gott, der Barmherzige, Dir nicht verzeiht, und da weint Alles und bekennt seine Sinde in Gedanken und ruft in Gedanken: Nebex Gott, Du bist doch barmherzig und gnädig; vergib uns unsere Sind, wir wollen uns bessern, wollen nit mehr findige! Und dann fangt der Chasen an: Wenißlach, das heißt: es ist verziehen, und dann wisse mer, daß uns der liebe Gott vergeben hat unsere Schuld, wenn wir uns besiere. Das ist das Kol Mdre, Herr Minister-Leben!"" Dem Minister und den übrigen Anwesenden waren die Thränen in die Augen getreten, als dieser einfache Mann den Eindruck schilderte, den der Eingang des Versöhnungsfestes macht. „Ich danke Ihnen Herr Buxbaum," sagte er, „für Ihre Auskunft." Dann klingelte er und befahl dem eintretenden Bedienten, den Handesmann zu dem Kammerdiener zu führen, damit dieser ihm die unbrauchbaren Stücke aus der Garderobe des Ministers verkaufe. Aberle Buxbaum machte ein gutes Geschäft; aber das schätzte er gering im Vergleich mit der Ehre, die ihm widerfahren. Noch viele Jahre erzählte er mit Stolz, daß Seine Excellenz, der Herr Minister — leben soll er hundert Jahr — ihn wegen der jüdischen Angelegenheit zu Rath gezogen. Als der Händler sich entfernt hatte, sagte Ruhdorf : „Euer Excellenz sehen, wie die ungebildete Menge, die keine Ahnung von der eigentlichen Bedeutung des Kol Nidre hat, dasselbe auffaßt." entgegnete der Minister, , „diese Auffassung ist allerdings eine ganz unschädliche; allein, es ist doch sonderbar und nicht in Ordnung, daß man eine ganz andere Vorstellung von den Gebeten als die der Sache angemessene hat/"' „Deßhalb, Excellenz, wollen wir einen Rabbinen berufen, der für den Unterricht und die Ausbildung der Jugend Sorge trage." „„Es sind noch viele Punkte in der mir vorliegenden Denkschrift angeführt; doch ich muß Sie jetzt entlassen, meine Herren, ich muß mich zu Seiner Majestät , dem Könige begeben. Ich werde mir genaue Informationen verschaffen und nur nach Recht und Billigkeit entscheiden." " „Dürfen wir bitten, Excellenz, daß Sie Jemanden auö unserer Mitte zu der beabsichtigten Information befehlen?" „ „Nein, meine Herren, Sie sind Partei; ich werde von unparteiischer Seite Erkundigung einziehen." Der Minister winkte mit der Hand und schnitt damit jede Entgegnung ab. Regierungörath Vieregg wußte eö so eknzurichten, daß die neologen, bei der Gemeinde angestellten Religionslehrer zur Begutachtung der Denkschrift aufgefordert wurden. Diese bestätigten einfach Wolfsohn'S Angaben; darauf entsetzte die Regierung abermals den konservativen Vorstand, entzog der Gemeinde ihr Wahlrecht und setzte Wolfsohn und seine Collegen wieder in das Vorsteheramt ein. Ein neologer Rabbiner wurde berufen, der seine Thätigkeit mit der Reform deS Gottesdienstes begann. Als daraufhin die orthodoxen Mitglieder , der Gemeinde einen Separat - Gottesdienst einrichteten, wurde dieser in Folge einer Denunciation des Vorstandes polizeilich geschloffen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx,'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendrmk von I. Gottsleben in Mainz.