Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1870)
- Date
- 1870-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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603 ja, daß man lieber auf die Emaneipation verzichten wolle, ehe man durch die Berufung eines derartigen, von der hohen Regierung characterisirten Rabbinen die Gemeinde dem Abfalle vom Judenthume entgegenführe. Die Antwort des Ministeriums ließ nicht lange auf sich warten. Der Vorstand wurde ob seiner Weigerung , dem Befehle der Regierung nachzukommen, seines Amtes entsetzt und eine Neuwahl angeordnet. Dies gewaltsame Vorgehen der Regierung rief die größte Erbitterung hervor, und die abgesehen Vorsteher wurden mit großer Majorität wiedergewählt. Gleichzeitig begab sich eine Deputation zum Cultusminifter, um ihm mündlich Vorstellungen zu machen. Die Deputation wurde vom Regierungsrath Vieregg empfangen und ihr bedeutet, daß Seine Excellenz, der Herr Minister, augenblicklich rr.it Geschäften zu überhäuft/ daß er jedoch nach acht Tagen den Abgesandten der jüdischen Gemeinde Audienz ertheilen wolle. Unterdeß forderte Vieregg seinen Gönner Wolfsohn auf, ein Memorandum in die Hände des Ministers gelangen zu lassen, in welchem die Gründe ausführlich dargelegt seien, die es nothwendig machten , die Gemeinde zu veranlassen, einen neologen Rabbiner zu berufen. Als nach acht Tagen die Deputation zur Audienz beim Cultusminister erschien, empfing dieser sie sehr ungnädig. „Sie also sind die Männer," sagte er, „welche durchaus an den veralteten Mißbräuchen sesthalten wollen!" „„Excellenz,"" entgegnete Ruhdorf, den die Deputation zu ihrem Sprecher gewählt hatte, „„Excellenz, unsere heilige Religion hat keine veralteten Mißbräuche; sie ist rein und lauter wie die Sonne."" „Phrasen, Phrasen," rief der Minister ärgerlich. „Hier habe ich eine Denkschrift, in welcher Thatsachen angeführt werden. Antworten Sie mir aus diese. Haben Sie nicht ein Gebet — Kol Nidre nennen Sie es ja wohl — in welchem der Jude von allen Gelübden und Schwüren, die er geleistet, entbunden wird?" „„Excellenz,"" entgegnete Ruhdorf, „„das ist ein bedauernswertheS Mißverständniß. In dem Kol Nidre, welches am Vorabend des Versöhnungstages vorgetragen wird, werden wir von keinem, irgend einem Menschen oder einer Behörde geleisteten Schwure entbunden, sondern nur solche Schwüre und Gelübde, welche wir etwa leichtsinnig Gott gegenüber geloben werden, wie z. B. wenn Jemand geloben sollte zu fasten, keinen Wein zu trinken, kein Fleisch zu essen, von solchen Gelübden und Schwüren erklären wir im Voraus, daß sie keine Giltigkeit haben."" „Mag sein, mag sein," antwortete der Minister, „es steht auch etwas von einer derartigen Erklärung in der Denkschrift; allein, es wird mit Recht hinzugefügt, daß die große Menge diese subtilen Unterscheidungen nicht versteht, sondern sich durch das Kol Nidre von allen Schwüren entbunden glaubt. Auch das ist schon schlimm genug." „„Excellenz mögen verzeihen, wenn ich mir zu widersprechen erlaube. Geruhen Eure Excellenz irgend einen ungelehrten Israeliten vor Sich kommen zu lassen und ihn über das Kol Nidre zu befragen. Eure Excellenz werden dann sehen, daß ein derartiges Mißverständniß selbst bei den der hebräischen Sprache unkundigen Juden nicht vorwaltet."" Als der Minister darauf schwieg und eine tiefe Stille im Audienzzimmer herschte, tönte von der Straße der Ruf herauf: „Handele wos? Handele! Nix zu handele?" Der Minister zog die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, den auf der Straße rufmden Handelsjuden heraufzuführen. Lächelnd sagte er zu den Deputirten: „Wir werden uns gleich überzeugen, wie Ihre ungebildeten Glaubensgenossen das Kol Nidre aufiassen." Der Handelsmann war nicht wenig erstaunt, als er zu Seiner Excellenz, dem Minister, entboten wurde; noch größere Verwunderung ergriff ihn, als er beim Minister einige seiner, ihm wohlbekannten Glaubensgenossen fand. Doch faßte er sich rasch und ries: „Guten Tag, Herr Minister-Leben! Leben sollen Sie hundert Johr und gesund sein ach! Was zu handele, Herr Minister-Leben? Eppes goldene Treffe vun die alte Uniforme?" Der Minister lachte. „Nun," sagte er, „mein Kammerdiener wird nachher ein Geschäftchen mit Ihnen machen. Jetzt aber wünsche ich, daß Sie mir einige Fragen beantworten." „„Fräge Se nur, Herr Minister-Leben, fräge Se soviel Se wölle. Aberle Buxbaum werd Ihne schon Schuwe gebe. Js es efscher über die jüdische Angelegenheit? O, ich weiß darin Bescheid. Ich bin beim Row selig ein - und ausgegange und ha5' für die Rebbezin schon manchen Gang besorgt."" „Ich verstehe Sie nicht. Sie dürfen nicht hebräisch mit mir sprechen, Sie müssen deutsch reden!" „„Haste geseh'n! redd' ich nit deitsch? der Row, Herr Minister-Leben, das ist der Rabbiner und die Rebbezin das ist den Row sei Fra."" „Gut, gut. Also Aberle Buxbaum heißen Sie?" „„Leben sollen der Herr Minister hundert Johr! Wieso Hab' ich die Ehre, vun Ihne gekannt zu sein?"" Der Minister lachte herzlich. „Sie haben ja selbst Ihren schönen, ästhetischen Namen mir genannt," sagte er. „Doch jetzt zur