Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1870)
- Date
- 1870-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447447-2447478--08537-2464189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
samkeit und eine gute Rednergabe verband. Bald waren die Verhandlungen mit ihm zum Abschluß gediehen, und der Vertrag wurde der Regierung zur Genehmigung vorgelegt. Unterdeß verzehrte sich Wolfsohn in Aerger und Wuth; er war zmückgedrängt, bei Seite geschoben, alle seine Pläne waren vereitelt. DaS konnte er nicht vergessen. Um diese Zeit war es, als in Deutschland Handel und Industrie emporzublühen begannen. Das Geld, als wichtigster Factor deS Handels und Tausches, war längst vom Staate durch Papiergeld vermehrt worden; aber auch das genügte nicht mehr dem täglich sich steigernden Verkehr. Wolfsohn kam auf den Gedanken, in B. eine Zettelbank zu errichten, theils um die papiernen Werthe zu vermehren, theils um der Industrie und dem .Wandel zu Hilfe zu kommen. Wolfsohn wußte reiche Capitalisten für diese damals noch neue Idee zu interessiren; er gründete eine Actiengesellschast und legte der Regierung seine Pläne vor. Diese, stets bemüht, Handel und Industrie zu heben und zu fördern, ertheilte mit Freuden die Concession, stellte jedoch die Bedingung, daß ein Staatsbeamter bei dem neu zu gründenden Institute als Revisor fungiren müsse; jedoch sei eö dem VerwaltungSrathe freigestellt, einen solchen, nach seiner eigenen Wahl, mit dem erwähnten Amte zu betrauen. Regierungsrath V i e r e g g war Referent im Cultusministerium; ihm lag eS namentlich ob, über die jüdischen Angelegenheiten zu referiren. Don seinen Vorgesetzten sehr geschätzt, erlangten seine Vorschläge fast immer die Sanktion des Ministers. Vieregg stand in religiöser Beziehung auf Seiten der Consirvativen und hatte bis dahin die orthodoxen Israeliten protegirt. Zu ihm begab sich Welfsohn. „Herr RegiervngSralh," sagte er, „Sie haben mir unlängst den Rath ertheilt, von meinem Vorsteheramte bei der jüdischen Gemeinde zurückzutreten; meine College» und ich , wir sind dem Rathe gefolgt — nicht zum Vortheile der Gemeinde" „Ach. Herr Wolfsohn," entgegnete der RegierungSrath, „verschonen Sie mich mit Ihren religiösen Streitigkeiten. Wir sind froh, daß die Sache gütlich beigelegt ist." „„Es ist auch nicht deßhalb, Herr Regierungsrath, daß ich zu Ihnen gekommen. Sie wissen, daß wir eine Zettelbank zu begründen im Begriffe stehen und daß^wir einen Regierungsbeamten als Revisor anstellen müssen."" „Ich habe davon gehört. Da werden Sie gewiß Jemanden aus dem Departement der Finanzen wehmen." „„DaS wäre allerdings das Natürlichste; allein Seine Excellenz, der Herr Finanzminister, wünscht nicht, daß auch nur ein Schein des Interesses auf einen Beamten aus seinem Ressort falle; ich habe rüir daher erlaubt, Sie, Herr Regierungsrath, zu diesem einträglichen und wenia mühevollen Posten vorzuschlagen. DaS neue Amt wird Sie so wenig in Anspruch nehmen , daß Sie ganz gut daneben in Ihrer jetzigen Stellung verbleiben können."" „Sie überraschen mich, Herr Wolfsohn, ja, Sie machen mich glücklich durch Ihren gütigen Vorschlag. Ich werde Ihnen ewig dankbar sein." »„Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Regierungsrach, daß der Verwaltungsrath noch nicht über meinen Vorschlag Beschluß gefaßt hat; aber ich zweifele nicht daran, daß meine College» mir zustimmen werden."" „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, Herr Wolfsohn; bitte, geben Sie mir recht bald Gelegenheit, wich Ihnen dankbar zu erweisen. Wellten Sie nicht vorhin von den Angelegenheiten der hiesigen, jüdischen Gemeinde sprechen?" „„Ach, davon rede ich lieber nicht; die sind gar zu traurig; die sind auf Jahrzehnte hinaus verdorben. Der jetzige Vorstand besteht aus Menschen, die um ein halbes Jahrhundert hinter den Ideen der Zeit zurückgeblieben sind. Nun haben Sie auch einen Rabbiner berufen, der ganz in ihrem Sinne wirken soll."" „Aber,. Herr Wolfsohn, die Zeugnisse des vr. A., des neuerwählten Rabbinen, liegen mir vor; der Mann hat regelrechte Universitätsstudien gemacht, und die ihm bisher Vorgesetzte Behörde ist seines Lobes voll." „„DaS mag Alles sein; allein er ist ein Orthodoxer. Sehen Sie, Herr Regierungsrath, unsere erhabene Regierung geht damit um, den Juden die völlige bürgerliche und politische Gleichstellung zu Theil werden zu lassen. Was nützen aber diese ohne die sociale Emancipation? Die Juden selbst verhindern diese letztere; sie sondern sich ab von ihren christlichen Mitbürgern: Wir müssen daher einen Rabbinen haben, der die von Vorurtheil Befangenen auf die Bahn des Fortschrittes führe, damit die lächerlichen Speisegesetze endlich einmal verschwinden; damit Juden und Christen sich untereinander verheirathen. Dann würde jede Scheidewand fallen. Einen solchen Rabbiner hätte ich berufen, wäre ich Präses des Vorstandes geblieben." " „>hre Ideen, Herr Welfsohn, haben Vieles für sich; ich werde sie dem Ministerium zur Erwägung unterbreiten, ehe dasselbe die Wahl des Rabbinen bestätigt." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Ronx'scheu Hofbuchhandlung. — DampftSchnellpressendruck von I. GottSleben in Mainz.