Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1870)
- Date
- 1870-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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583 Australien. Sydney. Die Regierung hatte den jüdischen Gemeinden einen Platz zur Errichtung einer Gemeindeschule geschenkt, aber noch vor derUebergabe wurde eine katholische Kirche darauf gebaut. Das Parlament hat nun die jüdischen Gemeinden mit der Summe von 13000 sl. dafür entschädigt. (Jew. Rec.) Feuilleton. Säe» und tzrnten. VII. Kämpfe. Ein langer Leichenzug durchzieht die Straßen von B. Der Mann, welcher ein halbes Jahrhundert lang mit Treue und Aufopferung seine Heerde geweidet hat, wird hinausgetragen und eingesenkt in die stille Gruft. Alle jüdischen Läden und Geschäfte sind geschlossen; alle israelitischen Männer und Knaben folgen dem endlosen Leichenzuge; die Frauen und Mädchen stehen an den Thüren und Fenstern und weinen. Ja, man hat ihn geliebt, den alten Rabbi, mehr als man eS selbst gewußt. Was wird nun aus der jüdischen Gemeinde zu B. werden? Wer wird die Leichenrede halten? Aus der Umgegend sind die Rabbinen herzugeeilt, um dem Heimgegangenen Collegen die letzte Ehre zu erweisen; ein jeder möchte sprechen am Grabe des edlen Mannes, der Allen ein wahrhafter Freund, Dielen ein geliebter Lehrer gewesen — aber der Gemeinde-Vorstand gestattet Keinem von ihnen das Wort. Man kann ja nicht Alle sprechen lassen, und deßhalb darf man Niemanden beleidigen, Niemanden zurücksetzen; daher wird der Präses des Vorstandes, der Banquier Wolfsohn selbst, die Leichenrede halten. Dieser eitle Mann wollte hier vor zahlreicher Versammlung sein Rede-Talent glänzen lassen; vielleicht erwählt man ihn, wenn seine Rednergabe bekannt wird, einmal zum Abgeordneten. Feierliche Stille herrschte, als Herr Wolfsohn die vielen und hohen Verdienste des Heimgegangenen, seine aufrichtige Frömmigkeit, seine große Gelehrsamkeit, seinen edlen Character schilderte. „Aber," fuhr er zu reden fort, „Eines war, was ihm fehlte: er konnte sich nicht auf die Höhe der Zeit erheben; er war befangen in alten Vorurtheilen, unzugänglich den erhabenen Ideen unseres Jahrhunderts. Verzeihen wir es ihm, er konnte nicht anders; seine Erziehung, sein hohes Alter machten ihn unfähig... „Brüder, Freunde!" rief jetzt Simon Ruhdorf laut, „duldet Ihr es, daß unser geliebter Rabbi an seinem offenen Grabe geschmäht wird?" „Wehe den Ohren, die Solches hören müssen!" rief ein alter Rabbiner, des Verewigten bester Freund. Und laut erhub er seine Stimme und weinte, und mit ihm weinten Viele; Andere ließen ihre Entrüstung über Wolfsohn laut werden. Ein arger Tumult entstand; vergeblich bemühte« stch die Gemeindediener, die Ruhe wieder herzustellen; vergeblich bemühte sich Wolfsohn, das Wort wieder zu ergreifen; sobald er den Mund öffnete, wurde ihm Schweigen geboten. Jammernd und wehklagend bestattete die Chebra Kadischa ihren alten Rabbi zur Erde. Am andern Tage wurde auf eine Anklage Wolfsohns hin Simon Ruhdorf vor den Polizei-Richter geladen; er war angeklagt, die Leichenfeier gestört zu haben. Die Gemeinde-Diener, als Zeugen vorgeladen, sagten aus, daß Ruhdorf zuerst den Leichenredner unterbrochen habe; in Folge dessen wurde er zu einer achttägigen Gefängnißstrafe verurtheilt. Dies Vorgehen Wolfsohns erfüllte die ganze Gemeinde mit Erbitterung. Als Ruhdorf am Sabbat nach der verbüßten Strafe in der Synagoge erschien, wurde er mit Ehrenbezeugungen überschüttet. Roch am Ausgange desselben Sabbats kamen viele Gemeindeglieder zusammen und beschlossen, eine Monstre-Petition bei der Staatsregierung einzureichen, damit Wolfsohn seines Amtes als Vorsteher enthoben werde. Die Regierung gab Wolfsohn den freundschaftlichen Rath, von seinem Amte zurückzutreten; er mußte diesen Rath befolgen; aber zugleich mit ihm reichten die übrigen Vorsteher ihre Entlassung ein. Jetzt galt es, andere Vorsteher zu wählen. Es stellte sich nunmehr deutlich heraus, daß eS in der Gemeinde zwei Parteien gab, eine neologe und eine konservative, die sich so ziemlich die Wage hielten; allein es gab auch eine große Menge Indifferenter, die sich um das Allgemeine gar nicht kümmerten. Durch die jüngsten Uebergriffe Wolfsohns waren diese auf die Seite der Conservativen gebracht, und so war der Ausfall der Wahl im conservativen Sinne gesichert. Gern hätte man Ruhdorf in den Vorstand gewählt, doch dieser lehnte jedes Amt im Voraus ab, da er in Folge seiner dürftigen Vermögensverhältnisse sich nicht für geeignet hielt, die Gemeinde zu reprasentiren. Als der conservative Vorstand gewählt und in'S Amt getreten war, wollte er zunächst das Wienerische sche Legat für Ruhdorf bestimmen. Allein dieser weigerte sich jetzt entschieden, es anzunehmen. „Nein," sagte cr, „lieber will ich Hunger und Kummer leiden, ehe ich Wolfsohn Anlaß gebe zu behaupten, ich hätte um dieses Legates willen die Agitation gegen ihn hervorgerufen." Der Vorstand schritt nun zur Wahl eines Rabbiners und hatte auch bald einen Mann gefunden, der mit tüchtigem talmudischen Wissen, mit ernster, aufrichtiger Frömmigkeit gediegene weltliche Gelehr-