Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 11 (1870)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1870)
- Date
- 1870-07-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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572 mochte sich nicht von der Bank, auf die er sich hingestreckt, zu erheben. Es wurde deßhalb ihm, dem scheinbar Entschlummerten, daS.Plätzchen auf der!Holzbank belasten, worauf die WirthSleute zur Ruhe sich begaben. Als der Soldat sich überzeugt hatte, daß Alle in tiefen Schlaf gesunken, öffnete er die nur angelehnte Thür ihres Schlafzimmers, um zuerst den beiden in einem Bett liegenden Mädchen vermittelst des Küchenbeils mehrfache Schläge auf den Kopf beizubringen und ihnen dann die Kehle mit einem sägeähnlichen Instrument durchzuschnekden. Darauf erst muß der Mörder sich den alten Leuten genähert ' und sie in gleicher Weise zum Tode gebracht haben, denn man sah blutige Fußspuren, welche von den Betten der Kinder an die Schlafftätte der Eltern führten. Gleich nach der That scheint d'er Mörder im Dunkeln die Behälter durchwühlt und nur was ihm gerade in die Hände siel, an sich genommen zu haben: denn am Morgen nach der That fand sich ein großer Theil baaren Geldes und Effecten noch in einem Holzkasten, welcher unter einem Tisch stand, vor. Die Leichen selbst lagen mit eingeschlagenem Schädel und durchgeschnittenem Halse in ihren Betten. Als am folgenden Morgen das Gespann der hiesigen großen Fuchsffchen Destillation vor dem Hause Nr. 1619 der „Piekna" hielt, um wie gewöhnlich Spirituosen abzuliefern, wunderte sich der Kutscher nicht wenig, daß die Thüren der Schenke noch geschlossen waren; mit Entsetzen sah er, als er durch den Laden in das Zimmer trat, die Kunden seiner Herrschaft im Blut schwimmen, die Tochter Golde röchelte noch. Bei der Theilnahme der jüdischen Bevölkerung an dem Schicksal ihrer Glaubensgenossen war die Schreckensnachricht binnen einer Stunde überall bekannt. Als daher Morgens 10 Uhr ein Soldat auf dem „Poczkjow" Pretiosen und ein Paar silberne Leuchter zum Kauf ausbot, wurde er von dem jüdischen Händler Silberblick angehalten und einem herbeigerufenen Polizisten überwiesen. Seine genaue Visitirung ergab außerdem 44 Rubel Banknoten, über deren Besitz sich der Betroffene ebenfalls nicht ausZuweisen vermochte, weßhalb man ihm jene Mordthat sofort auf den Kopf zusagte, die er auch endlich eingestand. Smilö Bisher waren die Judenmissionäre nock nicht nach Rußland gekommen, nunmehr aber suchen - sie auch über unsere russischen GlaubenSgenoffen ihre Netze auszuspannen. So wird dem „Jb. An." von hier gemeldet, daß gegenwärtig zwei deutsche Missionäre von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf gehen und unter den Juden “pn mit deutscher Uebersetzung und neue Testamente zu verkaufen suchen. Da vusere GlaubenSgenoffen in Rußland das Treiben dieser Menschen noch nicht kennen, so warnen wir sie hiermit auf diesem Wege, den verführerischen Worten dieser Seelenfänger nicht Gkhör zu schenken, und sie mit Entrüstung zurückzuweisen. Palästina. Jerusalem. Das auf Kosten des Herrn I. Rosenberg aus Petersburg für die Synagoge de» y'r "von mirr verfertigte Geländer, welche» auf mehr als 4000 Rubel zu stehen kommt, und a»f welchem die heiligen Gefäße, die im heiligen Tempel gebraucht wurden, abgebildet sind, kam vor demrnznee Feste an und wurde an der ihm bestimmten Stelle angebracht. Nach dem Feste veranstaltete man in dieser Synagoge eine Feier, der auch der russische und englische Consul beiwohnten. Der Vorsänger sprach den Segen über den Kaiser von Rußland, die Königin von England und den Kaiser von Frankreich, aus. Wie weit aber hier unter den Consuln der Etiquettenstreit noch geht, kann man aus der Nachricht ersehen, daß gleich nach Beendigung der Feier der englische Consul dem Herrn Auerbach, Rabbiner der Aschkenasimgemeinde wissen ließ, daß er den Aschkenasim den englischen Schutz entziehen werde, weil der Vorsänger beim Segen den Kaiser von Rußland vor der Königin von England genannt hatte. Abgesehen von jedem Rangstreit, ist das Verfahren des engl. ConsulS ein ungerechtes zu nennen, da erstens der Geber de» Geländers ein Russe und zweitens die meisten Israeliten, die diese Synagoge besuchen, russische Unterthanen sind. Hoffentlich wird der englische Consul sein Unrecht einsehen; jedenfalls wird die engl. Regierung nicht zugeben, daß wegen eines geringfügigen Grundes das Princip der Humanität hintenangesetzt werde. (Libanon.) Jerusalem. Herr Jacob Cohn und dessen Frau aus Hamburg verweilten während des verflossenen WochenfesteS dahier. Sie vertheilten ansehnliche Spenden. Herr Cohn besuchte auch die vom seligen Blumenthal errichtete Schule und war von der Einrichtung sowie den Leistungen derselben ganz überrascht, waö aus folgenden in das Gedenkbuch der Anstalt von ihm niedergeschriebenen Worten hervorgeht: „Ich darf wohl sagen, daß die Schule meinen vollkommenen Beifall gefunden und einen überraschenden Eindruck auf den Europäer hervorbringt." Jerusalem. Der bekannte Quellensorscher Abbö Richard weilte längere Zeit in Jerusalem und hat auf Ansuchen des Gouverneurs von Jerusalem, Kiamil Pascha, hydro-geelogische Studien um Jerusalem vorgenommen. Derselbe ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß Jerusalem auf zweierlei Weise hinreichend mit Wasser versehen werden könnte, und zwar 1. durch Brunnen in und um die heilige Stadt, welche jedoch durch den Felsen getrieben werden müssen; 2. durch eine Wasserleitung, welche das Wasser des „versiegelten Brunnens" und des Brunnens Arroub nach Je-